Zeitgeist: Am Feuerweiher

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In meiner Kindheit mussten meine Geschwister und ich im Sommer oft von Hand mit der Sense heuen. Wir machten das morgens um vier Uhr, da es dann am besten ‹haute›, weil die Wiese noch feucht war vom Tau. Doch wir durften uns auch vergnügen.

Im Sommer gingen wir oft in den Feuerweiher baden. Er lag in den Wiesen etwas ausserhalb von unserem Nachbardorf Gündlikon. Er war eingezäunt, aber man musste keinen Eintritt bezahlen. An heissen Sommertagen kamen Leute aus allen Dörfern im Umkreis. Die meisten Familien hatten fünf Kinder, eine Frau hatte sogar zwölf Stück. Dann war der Feuerweiher wirklich voll. Manchmal war mehr Fleisch als Wasser zu sehen.

Abends gab es niemanden mehr beim Feuerweiher. In der Nacht gingen wir zum Tanz. Wir mussten eine Stunde laufen. Wenn wir bis am Morgen um vier Uhr noch nicht zurückgekehrt waren, kam uns unser Vater holen. Er nahm jeweils gleich die ganze Bande mit nach Hause. Er kochte uns etwas, zum Beispiel Côtelettes, und schickte die anderen erst nach dem Essen nach Hause.

Der Weiher war für alles da: fürs Löschwasser der Feuerwehr, für den Schwimmunterricht der einheimischen Kinder und für die Abkühlung bei schweisstreibender Hitze. Heute gehe ich bei Hitze einfach in den Schatten. Gerne sitze ich unter meinem Sonnenschirm am Rollator.

Erika Vancouver, 93

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