Niemand liebt den Bachelor

Von Pascal Ritter, 27. September 2013

Er hätte der Star der Bologna-Reform werden sollen. Doch der neue Abschluss kommt weder bei Studierenden noch in den Personalabteilungen gut an.

Alle wollen den Bachelor und unternehmen alles, um ihn zu kriegen. Jedenfalls im Fernsehen. In der Show eines Privatsenders werben 20 Damen um einen Junggesellen. Für den gleichnamigen Uniabschluss sieht die Welt weniger rosig aus. Auf ihn lässt man sich nur kurz ein, um auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Dann lässt man ihn fallen.


Über drei Viertel der Studierenden machen nach dem Bachelorabschluss nahtlos weiter. Nimmt man die Studierenden dazu, die bis zu zwei Jahre Pause machen und dann den Master beginnen, steigt die Quote laut Bundesamt für Statistik auf ganze 85 Prozent: Am unbeliebtesten ist der Bachelor bei Medizinern und Pharmazeuten. Praktisch alle machen weiter. Doch auch Ingenieure, Architekten, Biologen und Chemiker werden nicht warm mit dem jüngsten Abschluss. Zwei Jahre nach dem Bachelor sind über 90 Prozent der Studierenden der exakten Wissenschaften für einen Master eingeschrieben.

Nur bei den Ökonomen und Geisteswissenschaftlern kann sich der Bachelor blicken lassen. Er stösst aber auch dort nur bei einem von vier Absolventen auf Gegenliebe. Die anderen drei studieren weiter.

 

Bachelor weit weg vom Employboy

Dass die grosse Mehrheit nach dem Bachelor direkt weiterstudiert, liegt auch daran, dass er auf dem Arbeitsmarkt mässig gut ankommt. Denn dort brilliert der Master. José Maria San José, Mediensprecher vom Personaldienstleister Adecco, erklärt: «Die Arbeitgeber wünschen sich das Beste zum tiefsten Preis. Wenn sie jemanden mit Masterabschluss einstellen können, dann tun sie es.» Der Bachelor fällt zwischen Stuhl und Bank. «Viele Bachelorabsolventen sind zwar für ein Praktikum überqualifiziert, bekommen aber keine Festanstellung.» Dabei kann der Bachelor selbst gar nichts dafür. Laut San José wird er in vielen Personalabteilungen unterschätzt. «Heutzutage muss jede Krankenschwester ein Diplom haben. Da haben viele den Überblick über die Titel verloren.»


Versprechen nicht eingelöst

Der Bachelor hat seinen Ruf aber auch versaut, weil er sein grösstes Versprechen nicht eingelöst hat. Als die Universitäten durch die Bologna-Reform umgekrempelt wurden, protestierten die Studierenden. Gleichmacherei, Verschulung, Verblödung befürchteten sie. Schliesslich lies­sen sie sich mit der Aussicht auf Mobilität kaufen. Dank dem Bachelor müsse man nicht mehr sechs bis acht lange Jahre an der gleichen Uni verbringen, hiess es. Nach einer Soziologie-Schnellbleiche in Oerlikon für den Master nach Barcelona oder Paris: Wer kann das schon schlecht finden?
Doch der Traum der uneingeschränkten Mobilität platzt bereits auf dem Weg nach Bern oder Basel. Wenn die Wunsch­universität nicht genau die gleichen Fächer anbietet, die man im Bachelor belegte, wirds schwierig. Nur zehn Prozent der Studierenden wechseln für den Master an eine andere Uni in der Schweiz.


Deshalb waren sich an der diesjährigen Tagung der Rektorenkonferenz CRUS zur «vertikalen Mobilität» Professoren, Rektoren und Studierende einig: Die Hürden, um nach dem Bachelor innerhalb der Schweiz die Uni zu wechseln, sind zu gross. Am besten illustrierte eine Video­umfrage der CRUS unter Studierenden das Problem. Wechsel sind zwar möglich. Die Studierenden mussten aber im Einzelfall bis zu 60 Kreditpunkte als Auflage nachholen. Das ist ein Drittel eines Bachelors. Fazit: Jede Fakultät misstraut fremden Bachelorabschlüssen grundsätzlich, sobald die Fächerkombination im Bachelor nicht genau der des Masters entspricht.

Der Bachelor soll sich emanzipieren!

Hilfe für den Bachelor kommt von der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW). Sie fordert in einem «Appell für eine Erneuerung der Geisteswissenschaften» seine Emanzipation. Er soll «nicht bloss als Vorstufe zum Master gesehen werden, sondern selbstständig Anerkennung finden». Mit dieser Forderung stösst die SAGW nicht überall auf offene Ohren. Die Unis basteln viel lieber an neuen Masterstudiengängen. «Die Universitäten konzentrieren sich auf den Master, weil dieser gewissermassen das Alleinstellungsmerkmal der Universitäten gegenüber den Fachhochschulen darstellt», erklärt Marlene Iseli, wissenschaftliche Mitarbeiterin der SAGW. «Mit speziellen Masterstudiengänge können sich die Unis leichter profilieren als durch innovative Bachelorprogramme.» Tatsächlich entstanden in den letzten Jahren zahlreiche neue spezialisierte Masterangebote. Der Bachelor blieb mit wenigen Ausnahmen aussen vor.


Antonio Loprieno, Präsident der Rektorenkonferenz, steht auch nicht auf den Bachelor. Seine Uni, die Uni Basel, profiliert sich vor allem über inovative Masterprogramme. Loprieno kritisiert die Bachelorabschlüsse als zu spezifisch. Sie liessen zu wenig Optionen offen. «Heute darf ich keinen Geschichtsbachelor zum Master in Ägyptologie zulassen», klagt Loprieno über ein Beispiel aus dem eigenen Fach. Doch er geht noch weiter: «Solange wir den Master als Standard betrachten, wird der Bachelor auch nie autonom werden. Dann können wir ihn gleich wieder abschaffen.» Damit stellt er den Master als Regelabschluss in Frage und bringt die Studierenden gegen sich auf. Denn diese fürchten um das Recht auf den Zugang zum Master bei einem Bachelor im gleichen Fach.

Skeptische Studierende

Der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) kritisiert jeden Versuch, den Bachelor vom Master abzukoppeln, scharf. «Es liegt im Interesse der Schweiz, dass junge Erwachsene eine gute Ausbildung absolvieren und sich vertieft mit Inhalten auseinandersetzen können. Sie möglichst früh wieder von der Uni zu schicken, macht keinen Sinn», so Vorstandsmitglied Manuela Hugentobler. Auf solche Skepsis reagierte die Akademie der Geisteswissenschaften nach dem Bonmot: «Wer A sagt, muss nicht B sagen.» Der Bachelor soll nicht Regelabschluss, aber trotzdem eigenständig sein. Er soll genauso auf den Arbeitsmarkt wie auf einen Master im gleichen oder in einem anderen Fach vorbereiten, zuhause oder an einer anderen Uni. Gegen diesen Traum-Bachelor ist niemand. Trotzdem tut sich wenig in diese Richtung. Der Vorzeige-Bachelor passt zur Fernseh-Version: Er ist vor allem Fiktion. Der echte bleibt bis auf Weiteres eine schnelle Nummer auf dem Weg zum Master, an der gleichen Uni und im gleichen Fach. 

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