Die unabhängige Zeitung für Uni und ETH

Bilder: Severin Bigler

Zwischen Geige und Mensch

in Campus von

Im seinem Atelier baut und repariert Dominik Meyer Geigen, Bratschen und Celli. Ein Besuch bei einem jungen Meister des alten Handwerks.

Eingehend betrachtet er ihren kleinen Körper. Ihre weichen Züge, die formvollendete Taille. Alles stimmt, alles passt zusammen, wäre da nicht die Verletzung. Ein feiner Riss zieht sich vom Hals abwärts, das Holz ist etwas eingedrückt. Kein Wunder, die Geige ist 259 Jahre alt, fast neun Mal so alt wie der Geigenbauer, der sie nun in den Händen hält.

Warten auf Pflege

Draussen scheint die Sonne in die enge Gasse des Niederdorfs. Kinder spielen schreiend Ball. Seit drei Jahren hat Dominik Meyer hier sein Atelier im Erdgeschoss, in dem er Geigen, Bratschen und Celli repariert und selber baut. Auf der langen Werkbank am Fenster liegen Werkzeuge und Holzstücke, am Boden ein Duzend Taschen mit Instrumenten, die auf Meyers Pflege warten.

Er macht sich daran, die Geige zu zerlegen. Am unteren Ende ist der Lack dünn geworden durch das Reiben der vielen Kinne. Der Deckel ist nun abgelöst, und in ihrem Innern kann man Spuren vergangener Reparaturen sehen. Viele kleine Holzplättchen halten das Holz zusammen, wie Pflaster.

Der Weg zur Selbstständigkeit

Gelernt hat Meyer sein Handwerk in einer vierjährigen Lehre in Brienz. Er arbeitete danach als Geselle in verschiedenen Betrieben, unter anderem in Hamburg, bevor er sich entschloss, sich selbstständig zu machen. «Die Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, kommen mir heute sehr zugute. Ich denke mir manchmal, dieser hätte ein Problem auf die eine Weise gelöst und jener auf eine andere, und wähle von den zweien dann den Weg, der für mich funktioniert», erklärt Meyer. Er hatte Glück und konnte in die Räumlichkeiten eines pensionierten Geigenbauers einziehen. Heute brummt das Geschäft. Meyer hat genug Arbeit für die nächsten eineinhalb Jahre. Die meisten davon sind Reparaturen, etwa ein Drittel der Aufträge sind Neuanfertigungen.

Die zuvor geöffnete Geige hat er nun eingespannt, um das Holz, welches eingedrückt war, langsam zurück in Form zu biegen. Das Ziel der Reparatur ist, die Geige wieder spielbar zu machen. «Schlussendlich sehe ich diese Instrumente als Werkzeuge. Ich stehe quasi zwischen Geige und Mensch und ermögliche die Symbiose.»

Als Nächstes macht er sich daran, einen Bogen neu zu behaaren. Die Pferdehaare, die er dafür verwendet, sind ein teures Gut, denn sie werden von Hand erlesen. Nachdem sie maschinell gewaschen und gebleicht wurden, müssen sie von Hand auf Unreinheiten kontrolliert und nach Länge und Dicke sortiert werden. Erst dann können sie für einen Bogen verwendet werden. Rund 150 Haare befinden sich an einem einzigen.

Die alten Meister

Als Geigenbauer reiht sich Meyer in eine lange Tradition ein. Vor rund 500 Jahren wurden in Oberitalien die ersten Geigen gebaut, wie wir sie heute kennen. Die Form hat sich seit damals erstaunlich wenig verändert. Und auch heute noch erledigt Meyer, abgesehen von einzelnen maschinellen Arbeitsschritten, fast alles in Handarbeit.

Es gibt viele, die die Geigen von berühmten Geigenbauern wie Amati oder Stradivari als Ideal ansehen. Doch wieso geniessen die Alten noch heute einen so guten Ruf? Meyer sieht dafür zwei Gründe: «Einerseits waren es sehr gute Handwerker, andererseits geschah durch die Zeit auch eine Selektion. Nur die besten Geigen haben überlebt, denn diesen wurde Sorge getragen.» Wenn er eine Geige erhalte und sehe, dass sie viele Gebrauchsspuren hat, dann sei das ein gutes Zeichen. «Das heisst, dass sie geliebt wurde.»

Die Zutaten

Auf dem Dachboden über dem Atelier lagert Meyer das Holz für den Bau der Instrumente. Dort im trockenen Dunkel stapeln sich Scheite von Esche und Ahorn. Das meiste sind Restbestände anderer Ateliers, die er aufkaufen konnte. In einer Kiste liegen schwarz die schweren Ebenhölzer. Diese werden für das Griffbrett verwendet. Im Gegensatz zu den anderen Scheiten haben sie bereits die grobe Form eines Griffbretts. «Das Ebenholz wird noch im Land der Gewinnung zu Rohlingen verarbeitet. So bleibt die Wertschöpfung im Land. Der Export dieses Holzes ist sehr streng reguliert: zu Recht», sagt Meyer.

Nun soll eine bereits reparierte Bratsche wieder zugemacht werden. Lack und Leim mischt Meyer selber. «Der Leim ist extrem wichtig», erklärt er. «Zwei Teile mögen noch so gut aufeinander gepasst sein, nur mit dem richtigen Leim werden sie halten.» Im kalten Zustand hat der Leim die Konsistenz von Gummi. Erst wenn man ihn auf der kleinen Herdplatte im Wasserbad erwärmt, wird er flüssig. Deshalb muss beim Leimen alles schnell gehen. Mit flinken Handbewegungen trägt Meyer den Leim auf, setzt den Deckel auf und spannt die Geige ein.

Auf der Bühne

Wenn nicht gerade ein Kunde da ist, kann die konzentrierte Arbeit im Atelier einsam sein. Umso mehr geniesst es Meyer deshalb, selbst auch Musik zu machen. Er spielt Geige in den Bands «Frank Powers», «Pamplona Grup» und im akademischen Orchester der Universität Zürich. Dass er sich als Geigenbauer selbstständig gemacht hat, erlaubt es Meyer, als Musiker flexibel zu sein. So konnte er beispielsweise kürzlich mit seiner Band «Frank Powers» mit «Faber» in Deutschland auf Tournee gehen. ◊

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Placeholder

Rousseau in Zürich

Der Verfassungsstaat steckt in einer tiefen Krise. Die «Rousseau Lectures» wollen Ursachen
Gehe nach Oben