Demenzkranke kommentieren im Kunsthaus angeregt ein Gemälde. (Illustration: Tamara Aepli)

Demente entdecken alte Kunstwerke neu

von

Nicola Leiseder

Forschende gehen mit Demenzkranken ins Museum und zeigen: Die Hirnkrankheit hat auch positive Seiten.

Ein halbes Dutzend demenzkranker Personen sitzt vor einem barocken Gemälde des niederländischen Malers Matthias Stom. Sie schauen sich einen gestikulierenden Jesus und eine interessiert zuhörende Magd in rot-weisser Robe an. «Ein Mann und eine Frau! Sie schauen beide ein bisschen besorgt», sagt eine ältere Frau auf die Frage, was auf dem Bild zu sehen sei. «Ihre Kugeln sind gross, sie könnte schwanger sein», beschreibt eine andere Teilnehmerin die Magd und kichert.
Es sind nur wenige Besucher an diesem Dienstagnachmittag im Kunsthaus unterwegs. Die Gruppe älterer Damen und Herren, die vom Programm «Mit Demenz Bilder gemeinsam neu entdecken» eingeladen wurde, kann ungestört über die Gemälde philosophieren. «Wir wollen brach liegende Ressourcen von demenzkranken Menschen fördern», sagt Programmleiterin Sandra Oppikofer. In Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus lädt das Kompetenzzentrum für Gerontologie der Universität Zürich Demenz-Patienten zu acht Sitzungen ein, um ausgewählte Bilder und Fotografien zu betrachten, zu deuten und am Ende daraus eine Erzählung zu bilden. «Time-Slips» nennt sich diese Methode, welche das Selbstwertgefühl der Erkrankten steigern und auch Angehörigen positive Erfahrungen im Umgang mit der Krankheit ermöglichen will. Diese Art «kreatives Storytelling» stammt ursprünglich aus den USA und wurde bereits in Museen wie dem Museum of Modern Arts in New York angewandt. Sie soll nicht nur das psychische Wohlbefinden ansprechen, sondern sich auch positiv auf das Kommunikationsvermögen von Menschen mit Demenz auswirken. Der Vorgang bleibt dabei stets derselbe: Eine Gruppe an Demenz erkrankter Personen beschreibt ein Bild unter moderierter Anleitung, ohne Informationen zum Namen des Künstlers, Entstehungsdatum oder Inhalt zu kennen. Stattdessen sollen die Teilnehmenden ihre Fantasie walten lassen. Deshalb wählt die wissenschaftliche Leiterin des Programms, Karin Wilkening, oft Bilder mit ernsten, religiösen oder surrealen Motiven.
Die Wortmeldungen der Teilnehmer werden schriftlich festgehalten. Aus ihnen ergibt sich nach und nach eine neue, eigene Geschichte für eigentlich bekannte Bilder von Ferdinand Hodler, Marc Chagall oder Wassily Kadinsky.

 

«Das kann man doch nicht wissen!»

Eine Teilnehmerin schüttelt den Kopf. Auch nach mehreren Erklärungsversuchen von Wilkening kann sie nicht einsehen, warum sie nun einfach irgendetwas über das Bild erzählen, irgendeine Geschichte erfinden soll: «Das kann man doch nicht wissen, es könnte alles sein!» Für Wilkening sind solche Äus­serungen eine Herausforderung, muss sie doch jede einzelne Wortmeldung ernst nehmen. Trotzdem darf sie die Dynamik nicht verlieren: «Solche Personen können durch ihr kritisches Verhalten auf die ganze Gruppe einwirken und sie in ihren Äusserungen beeinflussen oder sogar verunsichern», erklärt sie. Prompt verläuft die Sitzung zunehmend schleppend, die anfängliche Begeisterung scheint verflogen zu sein. Auch Wilkening stellt fest: «So zäh war es bis jetzt noch nie!»

 

Negative Sichtweise auf Demenz abbauen

Was bringt das Projekt eigentlich? Zwar richte es sich nicht primär an die Forschung, es sei aber trotzdem sinnvoll, sagt Oppikofer. «Wir betreiben nicht Grundlagenforschung im eigentlichen Sinn. Unser Projekt zielt mehr auf die Praxis ab, auf die Erfahrungen, Möglichkeiten und Auswirkungen.» Die Sitzungen würden wissenschaftlich ausgewertet; in der jetzigen Pilotphase gelte es aber vor allem Erfahrungen mit der Methode zu sammeln.
Die gewonnenen Erkenntnissen sollen dereinst auch der Öffentlichkeit zuteil werden: «Es soll ein Bildband entstehen, mit einigen Porträts der Teilnehmenden, den Fotografien, Geschichten und Bildern der Sitzungen sowie den Evaluationsergebnissen der Studie», erzählt Oppikofer. «Zusätzlich planen wir noch einen Dokumentarfilm, ein Symposium zum Thema Demenz und Museum sowie eine Ausweitung des Programms auf andere Institutionen, bei­spielsweise auf Altersheime.» Mit diesen Vorkehrungen hofft Oppikofer, möglichst viele Museen in der Schweiz zu speziellen Angeboten für Menschen mit Demenz anregen zu können. Auch sollen Vorurteile gegenüber Demenzkranken abgebaut werden.

Suche nach dem passenden Titel

Nach gut einer halben Stunde Bilderbetrachtung findet die Sitzung doch noch ein erfolgreiches Ende. Die Gruppe hat für ihre gemeinsame Geschichte mehrere Titel ausgedacht, konnte sich aber nicht zwischen «Die Vergebung der Sünden», «Am Brunnen vor dem Tore» oder «Die Erscheinungen täuschen» entscheiden. Noch einmal wird das bisher Erarbeitete resümiert, bevor sich die Gruppe auf den Weg in ein kleines Atelier macht. Dort steht der Apéro bereit. Er ist ein fester Bestandteil der Sitzung. Denn auch hier werden die Demenz-Patienten beobachtet, und zwei Masterstudentinnen protokollieren akribisch, wer was sagt und sich wie verhält. Von der zuvor zeitweise angespannten Stimmung ist inzwischen nichts mehr zu spüren: Die Teilnehmenden fühlen sich wohl, geniessen das Offerierte vom Buffet und reden unbeschwert miteinander. Nach und nach leert sich der kleine Raum, bis am Schluss nur noch die skeptische Dame übrig ist, vertieft in ein Gespräch mit Oppikofer. Als auch sie das Kunsthaus verlässt, ist die Programmleiterin sichtlich überrascht: «Das hätte ich nicht erwartet: So eine humorvolle und aufgestellte Frau! Kein Vergleich zum Verhalten während der Bilderbeschreibung.» Die Erscheinungen täuschen tatsächlich: Nicht nur hat die Frau vom heutigen Tag geschwärmt. Sie hat sich auch bereits wieder für die nächste Sitzung angemeldet.

 

Demenz

In der Schweiz leben 110’000 Menschen mit Demenz. Die Krankheit schädigt das Hirngewebe, was eine Beeinträchtigung der Hirnleistung zur Folge hat. Auf Alzheimer, die bekannteste Form von Demenz, fällt über die Hälfte aller Diagnosen. Während Junge kaum betroffen sind, leidet ab dem 75. Lebensjahr jede siebte Person an Demenz. Die Uni Zürich betreibt im Rahmen ihres Forschungsschwerpunktes «Dynamik des gesunden Alterns» Untersuchungen zur psychischen Gesundheit von Menschen bis ins höchste Alter. Daran beteiligt ist auch das Zentrum für Gerontologie.

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1 Comment

  1. Eine wunderbare Idee und Herausforderung für Demente und Nichtdemente. Eine neue Sicht der Wertschätzung, sehr futuristisch. Man könnte fast sagen, die Phantasie ist die vierte Dimension! Danke für diesen wertvollen Beitrag, er inspiriert mich für die Arbeit mit alten Mitmenschen.

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