Bild: zvg Daniel Jositsch

«Ich bin Idealist»

von

Dario Spilimbergo, Michelle Huber

Daniel Jositsch ist Professor für Strafrecht an der Universität Zürich und neu gewählter Ständerat. Wen schicken wir da nach Bern?

 

Herzliche Gratulation zu Ihrer Wahl. Als Politiker und Professor haben Sie ein enormes Arbeitspensum. Wie managen Sie Ihre Zeit – schlafen Sie überhaupt noch?

Ja, das tue ich. Aber ich muss gut planen und Prioritäten setzen. Bei so einem Pensum man muss bereit sein, viel Freizeit zu opfern.

 

Was ist Ihre Priorität, Uni oder Politik?

Ich bin ein Professor. Das ist mein Hauptberuf und wird es auch bleiben. Das bedeutet, dass ich als Miliz-Politiker auf gewisse Dinge verzichte und weniger aktiv sein kann als Amtskollegen. 

 

Wie beeinflusst Ihr politisches Engagement Ihre Arbeit an der Uni?

Ich versuche, die Sphären thematisch miteinander zu verbinden. So habe ich beispielsweise an der neuen Jugendstrafprozessordnung mitgewirkt und konnte dann in der entsprechenden Vorlesung Bezug nehmen auf meine Arbeit im Parlament und in der Rechtskommission. 

 

Wie haben die Studierenden auf Ihre Kandidatur reagiert?

Es gab keine Reaktionen. Ich hatte auch keine erwartet und mir sogar erhofft, dass keine kommen. Ich wollte den Wahlkampf und die Tätigkeit an der Uni nicht miteinander vermischen.

 

Haben Sie sich während des Wahlkampfs Gedanken darüber gemacht, ob Ihre Studierenden Sie oder Herrn Vogt wählen würden?

Nein, diese Gedanken habe ich mir nicht gemacht. Wir haben beide in keiner Art Wahlkampf an der Uni gemacht – mit Ausnahme einer Veranstaltung, welche die Jus-Studierenden organisiert haben.

 

Also war es Ihnen nicht wichtig, die Stimmen Ihrer Studierenden zu gewinnen?

Doch,  schon. Aber ich glaube nicht, dass es zulässig ist, als Professor in der Vorlesung Wahlkampf zu machen. 

 

Wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Herrn Vogt?

Wir respektieren uns gegenseitig. Wir hatten von den Fachbereichen her nie besonders viel miteinander zu tun, aber ich schätze ihn. Die Auseinandersetzungen in der Politik sind sachlicher, nicht persönlicher Natur. 

 

Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an Ihre Studienzeit an der HSG zurückdenken?

Dass es eine sehr tolle Zeit war. Das Interesse am Fach war gross, und alles neben dem Studium konnte ich unbeschwert geniessen.

 

Warum wollten Sie Jus studieren?

Weil mich die Themen Gerechtigkeit und Strafrecht interessierten. Ich fragte mich, was Leute dazu bringt, Verbrechen zu begehen, und wie die Gesellschaft damit umgehen soll. Das Recht schützt vor allem die Schwachen, die Starken können sich auch ohne Recht durchsetzen. Insofern habe ich das Recht immer als ein wichtiges Instrument empfunden, um in einer Gesellschaft Frieden zu gewährleisten. Heute hat sich mein Fokus etwas verschoben. Ich beschäftige mich im politischen Bereich mit der rechtspolitischen Frage, wohin wir uns im Strafrecht bewegen. Das ist ein Thema, das mich mit Sorge erfüllt. Vor allem, wenn ich sehe, dass an Grundfesten des Rechtsstaats gerüttelt wird.

 

Beispielsweise mit der Initiative «Landesrecht vor Völkerrecht» von Herrn Vogt?

Ja, das ist gewissermassen die Spitze des Eisberges. Ich empfinde diese Initiative als ausserordentlich gefährlich und schädlich, weil sie Dinge in Frage stellt, die bisher nie in Frage gestellt worden sind.

 

Waren Sie bereits während dem Studium politisch aktiv?

Ja,  ich war Vizepräsident der Studentenschaft an der HSG und im Studierendenparlament.

 

Sind die Studierenden heute weniger politisch als früher?

Ich nehme sie als weniger politisch war. Aber das ist meine subjektive Sicht. Ich hatte immer das Gefühl, das liege an der Zeit, in der ich studiert habe. Das war während des Kalten Krieges und die Politik hatte im alltäglichen Leben noch mehr Bedeutung.

 

Wenn Sie heute Student wären, bei welcher Gruppierung oder für welche Themen würden Sie sich an der Universität einsetzen?

Ich hatte mit Gruppen Kontakt, die im Februar 2014 aufgrund der Masseneinwanderungsinitiative gegründet worden sind. Das wäre sicher ein Moment gewesen, der in mir das Bedürfnis geweckt hätte, politisch aktiv zu werden.

 

Beschreiben Sie sich selbst in drei
Worten.

Engagiert, ausdauernd und jemand, der immer noch Idealist ist.

 

Beschreiben Sie Vogt in drei Worten.

In drei Worten? Nationalkonservativ, ein sympathischer Mensch, politisch leider am falschen Ort.

 

Auf was sind Sie stolz?

Am meisten auf meinen Sohn.

 

Was war als Kind Ihr Berufswunsch?

Rechtsanwalt, seit ich 12 bin.

 

Haben Sie einen Lieblingsfilm?

Ja, natürlich. Einen Lieblingsfilm für Juristen: Die zwölf Geschworenen. 

 

Welche bekannte Persönlichkeit wären Sie gerne?

Da müsste ich jetzt lügen, wenn ich jemanden ausser mir selbst nennen würde. Ich bin gerne mich selbst. Besonders, weil ich jetzt ein neues Amt habe. Es wäre schade, wenn ich jemand anderes wäre, dann  könnte ich das ja gar nicht ausüben.

 

Welche Superkraft hätten Sie gerne?

Ich hätte gerne die Kraft, die Zeit zurückzudrehen.

 

Beschreiben Sie Ihre Wunschuniversität.

Aus Sicht des Professors gibt es eigentlich nicht viel zu kritisieren an der Universität Zürich. Ausser, dass es schade ist, dass es so viele Studierende in einer Vorlesung sind. Es wäre schön, wenn man in
Dreissiger-Gruppen die Themen erarbeiten könnte. Mit vierhundert Leuten ist es nicht möglich, individuell mit den Studierenden zu arbeiten. Eine Grossveranstaltung ist natürlich sehr monothematisch. Aber das lässt sich schwer ändern.

 

Also würden Sie eine Begrenzung ausländischer Studierender, wie sie die ETH momentan thematisiert, begrüssen?

Nein. Ich würde die Studierendenzahl nicht begrenzen wollen. Es wäre optimal, wenn wir das Betreuungsverhältnis verbessern, sprich den Lehrkörper vergrös-sern könnten.

 

Zur Person: Daniel Jositsch, geboren 1965, besuchte die Kantonsschule Stadelhofen in Zürich und studierte anschliessend Recht an der HSG. Zu Beginn der 90er Jahre leitete er die Schweizer Handelskammer in Kolumbien. Seit 2004 ist er Strafrechtsprofessor an der Universität Zürich. 2007 wählte ihn das Zürcher Stimmvolk in den Nationalrat, vor wenigen Wochen mit über 182’000 Stimmen in den Ständerat. Der SP-Politiker ist geschieden und hat einen Sohn.

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