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    Studierende werben für die Marx-Lesegruppe am Deutschen Seminar. (Bild: Pascal Ritter)
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    Die Marx-Lesegruppe am DS. (Bild: Theo Zierock)

Keine Punkte für Marx

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Am Deutschen Seminar treffen sich Studierende in der Freizeit und lesen Marx. Aufgrund mangelnden Angebots. Dabei ist der Klassiker nicht überall ein rotes Tuch.

«Du Karl, ich finde unsere Namen wieder nicht im Vorlesungsverzeichnis», sagt Friedrich Engels zu Marx. Diese Szene ist auf einem Aushang am Deutschen Seminar der UZH abgebildet. Dort treffen sich jeden zweiten Donnerstag Studierende, um Texte von Karl Marx und den späteren Verfechtern seiner Theorie zu lesen. Der Germanistikstudent Jonas ist einer der Initianten der Marx-Lesegruppe. Marx werde an der Uni viel zu wenig behandelt, sagt er und fügt an: «Sie wird der historischen Relevanz von Marx für die Literaturtheorie nicht gerecht.»
Dass Germanistikstudierende die Initiative ergreifen, mag erstaunen, denn Marx ist weniger für Literatur- als für politische Theorie bekannt. «Aber: Wo Marx endet, beginnt erst die Geschichte der marxistischen Literaturtheorie», sagt Jonas.

Marx polarisiert

Gegen den Vorwurf, marxistische Theorien würden in der Germanistik ignoriert, wehrt sich Daniel Müller Nielaba dezidiert. Der Professor für Neuere deutsche Literatur findet den Vorwurf zwar «rührend», er sei aber «komplett verfehlt». Das Engagement der Gruppe begrüsst er aber ausdrücklich. Er zählt diverse Veranstaltungen auf, die sich implizit und explizit mit marxistischen Konzepten auseinandersetzen. Beispielsweise seine eigene Vorlesung, die sich ausschliesslich um Literaturtheorie dreht und in der auch Marxisten wie Ador­no ihren Platz haben.
Ein Blick an die anderen Fakultäten der Uni Zürich zeigt, dass die Meinungen zu Marx auseinandergehen. Der Fachverein Philosophie hat die Studierenden am Seminar gefragt, welche Philosophen mehr gelehrt werden sollten. Marx steht nach Nietzsche und Kant an dritter Stelle. «Die drei gehören zu den kontinentalen Philosophen, zu denen grundsätzlich zu wenig Veranstaltungen angeboten werden», sagt Thomas Kindle, Mitglied des Fachvereins.

«Nur Exoten behandeln Marx»

Keine Berührungsängste mit Marx hat die Ethnologie. Dieses Semester wird  ein Seminar unter dem Titel «Marxismus und Ethnologie» angeboten.
Eine Vorlesung mit dem Titel «Marxismus und Ökonomie» würde der Volkswirtschaftsprofessor Armin Schmutzler wohl nie anbieten. Für ihn ist klar: «Marxistische Ideen werden nur von Exoten behandelt.» Die wirtschaftliche Standardtheorie stelle genügend Mittel bereit, um die Phänomene unserer Zeit zu erklären. Dass sich diese gerade in Krisenzeiten wieder schlechter verkaufen lassen, haben andere gemerkt. Der Wirtschaftsgeograph Christian Berndt beispielsweise sagt: «Wir lesen zwar nicht ‹Das Kapital›, aber marxistische Ideen sind enorm wichtig, um in der Forschung weiter zu kommen.» Wirtschaftsforschung müsse auch über die Grenzen des Mainstreams hinausgehen.
Auch die Marx-Lesegruppe geht über den Mainstream hinaus. In Zeiten von Bologna sind selbstorganisierte Seminare selten. Marx bewegt auch knapp 130 Jahre nach seinem Tod noch.

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