Bild: Michael Kuratli

Aufklärung im Cabaret

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Ein Podium des Zentrums Geschichte des Wissens (ZGW, Uni und ETH Zürich) fragte nach der Relevanz der Geisteswissenschaften und zog damit ein grosses Publikum ins Cabaret Voltaire.

 

«Ich bin nicht einverstanden mit dem, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen» – dieser bekannte Satz soll das Demokratieverständnis des grossen Aufklärers Voltaire charakterisieren. Das ZGW-Podium der Reihe „Wissen in Gesellschaft“ vor Ostern, bei dem über die Geisteswissenschaften und aufklärerische Ideen diskutiert wurde, fand passenderweise im Cabaret Voltaire im Zürcher Niederdorf statt. Dass dieses Lokal auch die Geburtstätte von Dada ist, passte hingegen eher aus Kontrast – um eine kleine Zeitdiagnose zu wagen. Während nämlich an den Feierlichkeiten zum Dada-Jubiläumsjahr beobachtet werden kann, wie Grenzüberschreitungen und Freiheit als Beliebigkeit auf manchmal peinliche Art in den Mainstream eingegangen sind und ihre kritische Sprengkraft damit verpufft ist, zeigen die ZGW-Veranstaltungen im Dada-Haus: Wer heute radikale Kritik üben will, spricht von Wissen und Wahrheit.

 

Sinn statt Nutzen

Das Thema des hier besprochenen Abends war nun ein potentiell brisantes: die Relevanz der Geisteswissenschaften. Moderator Philipp Theisohn, Literaturprofessor an der Uni Zürich, diskutierte mit den ETH-Kollegen Michael Hampe (theoretische Philosophie) und Sarah Springman (Geotechnik sowie Rektorin). Die zwei Geisteswissenschaftler und die Naturwissenschaftlerin waren sich über die Wichtigkeit der Geisteswissenschaften einig, und Rektorin Springman betonte, dass sie es schätze und für richtig halte, dass sich die ETH als technisch-naturwissenschaftliche Hochschule ein Departement für Geisteswissenschaften leiste. Ihrem Kollegen Hampe versicherte sie: «He’s still got a job!» Dieser hatte zuvor in einem kurzen, luziden Vortrag die Frage nach dem Nutzen geisteswissenschaftlichen Wissens auf ein grundlegendes Missverständnis zurückgeführt: dass nämlich alle Wissenschaft Probleme löse. Seine eigene Disziplin etwa, die Philosophie, sei viel eher damit beschäftigt, Probleme überhaupt zu entdecken sowie mögliche Kontexte aufzuzeigen und Denkrahmen zu entwerfen, in denen die erst bewusstgemachten Probleme gelöst werden könnten. Deshalb schlug Hampe eine Unterscheidung vor zwischen nützlichen akademischen Projekten und solchen, die einen bestimmten Sinn haben beziehungsweise Zweck verfolgen.

Einer wenn nicht der zentrale Zweck nun der Geisteswissenschaften sei die Pflege einer Kultur der Geistesfreiheit, wie sie in der westlichen Geschichte bahnbrechend in der Zeit der Aufklärung verbreitet wurde. Diese Errungenschaft beruhe letztlich auf den denkerischen Leistungen hauptsächlich von Philosophen. Die Naturwissenschaften ihrerseits seien auf diese Freiheit des Denkens und Forschens als Existenzbedingung angewiesen, könnten sie aber selbst nicht garantieren und aufrechterhalten (das gleiche gelte auch für die politischen Institutionen). Man möchte anmerken: Die aktuellen politischen Entwicklungen – etwa den Rechtsstaat gefährdende Volksinitiativen – erinnern uns dringlich daran, dass Anstrengungen zur Pflege der besagten Freiheit immerzu nötig sind.

 

Heroischer IS?

Hampe zeigte anhand der Unterscheidung zwischen heroischen und postheroischen Kulturen, dass ein wesentliches Merkmal der aufgeklärten Kultur die Austragung von Konflikten mittels Diskussion und Argumenten anstelle von Gewalt sei. Schon in der Antike habe etwa mit der ersten Austragung einer Olympiade um 770 v.Chr. eine Ritualisierung der kämpferischen Konflikte stattgefunden und damit verbunden ein Übergang in eine erste postheroische Kultur. Als aktuelles Beispiel einer Regression in eine heroische Kultur nannte Hampe den IS.

An diesem Punkt setzte ein kritischer Einwand aus dem Publikum an, der die These einer «Dialektik der Aufklärung» der Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer ins Spiel brachte und die Frage aufwarf, ob nicht das Messen und Zählen der rationalisierten, aufgeklärten Moderne eine gewaltvolle dialektische Schattenseite mit sich bringe – der IS könnte demnach als Reaktion auf diese Art von Gewalt interpretiert werden und somit als ein Problem, welches der vermeintlich aufgeklärte Westen selbst (mit-)produziere. Hampe entgegnete, er teile dieses Unbehagen, jedoch teile er nicht die Ansicht der zitierten Adorno/Horkheimer, dass die möglicherweise mit der postheroischen Rationalisierung einhergehende Gewalt gleichzusetzen sei mit der heroischen, was im Falle des IS hiesse: mit dem Abhacken von Köpfen.

Dieses Publikumsstatement brachte zum Schluss noch etwas Hitzigkeit in die Diskussion, und bestätigte somit auf schöne Weise Hampes Lob des Wortgefechts; nun wäre es nochmals richtig spannend geworden, aber die Zeit war um. Am besagten Streitpunkt liesse sich die Diskussion und Hampes Thesen weiterverfolgen. Diese Aufgabe wurde an diesem Abend vorerst an die Bar des Cabaret Voltaire verlagert.

 

Die nächste ZGW-Veranstaltung der Reihe „Wissen in Gesellschaft“ findet am 20. April um 18.30 Uhr im Cabaret Voltaire statt. Der emeritierte Geschichtsprofessor der UZH Jakob Tanner diskutiert nach einem kurzen Vortrag mit den Kollegen Lutz Wingert (ETH Zürich) und Barbara Lüthi (Uni Köln). Mehr Infos auf: www.zgw.ethz.ch

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