Bond wird die Einsamkeit nicht los. (Bild: Nicola Dove © 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. ALL RIGHTS RESERVED.)

Blaue Augen und ein Feuerwerk aus Raketen

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Nach langem Herbeisehnen ist der neue Bond nun da: Die pandemiebedingte Verzögerung hat die Erwartungen an Craigs Abschied von der Rolle wohl kaum gesenkt – trotzdem wird ihnen der Film grösstenteils gerecht. «No Time to Die» von Regisseur Cary Fukunaga bietet weniger dialogisches Feingefühl und narratologisches Geschick als seine zwei Vorgänger. Er überzeugt aber durch grossartige Bilder, psychologischen Tiefgang und einige Überraschungen, die in der Bond-Historie ihresgleichen suchen.

Der Plot beginnt eisig: Das Bond-Girl Madeleine Swann (Léa Seydoux) ist noch ein Mädchen und lebt mit ihrer Mutter an einem gefrorenen See im Nirgendwo. Die Mutter trinkt sich auf dem Sofa in den Schlaf, währenddessen schleicht sich ein Mann mit weisser Maske ins Haus. Er stellt sich als Lyutsifer Safin (Rami Malek) vor. Madeleines Vater, Mr. White, hat einst seine ganze Familie ermordet, nun ist er auf Rache aus. Er tötet die Mutter, Madeleine selbst liefert sich einen Kampf und wird schliesslich verschont. Die Szene ist atmosphärisch dicht und furchterregend und setzt damit den Ton für den Film, der sich diesbezüglich an den neueren Bond-Episoden orientiert. Hans Zimmers musikalische Untermalung ist stimmungsvoll, wenn auch ungewohnt zurückhaltend. Für die ganze Länge bleibt er der traditionellen Bond-Musik treu und bringt sich nur spärlich durch Zimmer-typische Stilmittel ein.

Auf die Schreckensszene folgt eine vermeintliche Idylle: Bond und Dr. Swann sind im Ruhestand und geniessen einander in einer Wohnung in Italien. Craig spielt den Agenten hier noch nahbarer als bisher und Léa Seydoux bietet abermals eine der interessantesten Liebhaberinnen des britischen Agents: elegant und stark, aber glaubwürdig menschlich. Gerade sind die beiden daran, sich von ihren letzten inneren Blockaden zu lösen und einander ihre Geheimnisse zu verraten, als eine Bombe Bond in seine schmerzliche Realität zurückreisst. Die daraus resultierende Verfolgungsjagd gehört mit ihren halsbrecherischen Stunts zu den aufregendsten der Bond-Geschichte und mündet in eine für den Film repräsentative Szene: Bond ist umzingelt und wird von allen Seiten beschossen. Anstatt sich einem Manöver zu bedienen tut er gar nichts und der kugelsichere Aston Martin gibt allmählich nach. Die wütende Frustration von einst hat sich in Müdigkeit verwandelt und der Agent ist kurz davor, sich dem Kugelhagel zu ergeben. Im letzten Moment und nur auf Drängen von Madeleine gibt er sich einen Ruck und befreit sich gekonnt.

Überzeugt davon, dass ihn Madleine verraten hat, verabschiedet Bond seine grosse Liebe, angeblich für immer, und zieht sich nach Jamaica zurück. Was Craig dem Charakter zum ersten Mal gegeben hat, ist emotionalen Tiefgang – in «No Time to Die» führt er dies noch einen Schritt weiter: Die Müdigkeit der beschriebenen Szene bleibt bestehen, der alternde Agent scheint endgültig gebrochen.

Doch wir wissen es: Bond ist nicht Bond, wenn er länger als ein paar Jahre in der Versenkung bleibt. Felix Leiter (Jeffrey Wright), sein alter Freund von der CIA, bittet Bond um Hilfe: Der Wissenschaftler Waldo Obruchev (David Dencik) wurde aus einem Labor de MI6 entführt, zusammen mit einer biologischen Giftwaffe, die spezifische Personen, Familien oder Ethnien mittels einer DNA-Technologie töten kann. Bond sagt nach anfänglichem Zögern zu und bekommt prompt eine Rivalin zugespielt: Eine dunkelhäutige Frau namens Nomi (Lashana Lynch) und Bonds Nachfolgerin als 007. Sie steht wohl für zeitgemässen Umbruch und bietet dem alten weissen Patriarchat die Stirn. Bonds Ego ist angekratzt, er verliert aber seine Selbstironie nicht: Als ihm Nomi erzählt, sie fische gerne nach alten Wracks, gibt er zurück: «You’ve come to the right place» – ein eher billiger Witz, was sich für Bond aber gehört und sich in diesem Fall geschickt mit neuen Normen kombiniert. Leider bleibt die Figur der weiblichen 007 ziemlich blutleer, sie hat einen eher symbolischen Charakter und wenig Persönliches: Da hätte sich das Filmteam ein bisschen mehr überlegen können.

Das Motiv des alternden weissen Patriarchats zeigt sich indes auch an der Figur des Mallory (Ralph Fiennes), der die Entwicklung der DNA-Waffe angeordnet haben soll. Dies im egoischen Glauben, die Welt damit sicherer zu machen, blind für die schrecklichen Folgen eines Missbrauchs.

Einmal auf Mission, befindet sich Bond in einem seiner typischen Abenteuer, voll nervenzerreissender Action, erzählerischer Wirrungen und Drama. Die Liebesgeschichte zwischen 007 und Madeleiene Swann wirkt dabei nie platt, stiehlt Bond aber auch seine Portion Nonchalance und Faustkampf nicht. Rami Malek gibt den Bösewicht Safin überzeugend gefürchig. Die Rolle bietet allerdings wenig Neues; man fühlt sich ein wenig an Blofeld (Christoph Waltz) erinnert, der eine ähnlich freundliche, untergründig psychopathische Art an den Tag legte.

Blofeld kommt dann auch prompt aus der Versenkung zurück, als Bond erkennt, dass dieser gar noch im Gefängnis seine Finger im Spiel hat. In einer kammerspielerischen Szene versucht er die benötigten Informationen aus Blofeld hinauszukitzeln, verliert bei dessen manipulativen Psychospielen aber die Fassung. Die Szene ist makellos inszeniert, nur bei der sprachlichen Feinheit des Dialogs hapert es ein wenig – ein Problem, das sich leider durch den ganzen Film zieht.

Wem es übrigens nicht an künstlerischer Finesse mangelt, ist Kameramann Linus Sandgren, der die Leinwand 160 Minuten lang mit malerischen Bildern füllt.

Zuletzt sei gesagt, dass der Film mit grossen Überraschungen aufwartet. Es soll hier nicht gespoilert werden, an der Pressevorführung in Spreitenbach wurde nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen: Unter dem Hahstag «notimeforspoilers» forderte man zu Empathie mit dem Filmteam und Bondfans auf. Ein kleines Zückerchen schadet aber nicht: Die Überraschungen haben mit einem zerstörerischen Gift zu tun – und mit blauen Augen und einem Feuerwerk aus Raketen.

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