Salome Hohl auf der Bühne im Cabaret Voltaire. (Bild: Frederik Baur)

Dada befragt die Gegenwart

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Salome Hohl leitet neu das Cabaret Voltaire und will Dada in seiner ganzen Vielfalt zeigen.

An der Münstergasse 26 in der Zürcher Altstadt befindet sich das «Cabaret Voltaire». Eine schmale Treppe führt hoch in den legendären Raum, in dem Dada geboren wurde: Die Bewegung, welche die gesamte Kunst- und Literaturwelt auf den Kopf gestellt hat. Das Voltaire wurde 1916 mitten im Ersten Weltkrieg eröffnet. Damals war Zürich ein Rückzugsort für kreative Denker*innen aus ganz Europa. Die Begründer*innen des Dadaismus lehnten alles ab, was als bürgerlich oder konventionell galt. Von den vielen kulturellen Rebellionen, die das 20. Jahrhundert hervorbrachte, kann Dada als Urknall angesehen werden.

Ständiges Hinterfragen

Zur Definition von Dada gehen seit hundert Jahren die Meinungen auseinander. Oft werden vereinfachte Narrative verwendet, um die Bewegung zu erklären. «Genau das möchte ich vermeiden!», sagt Salome Hohl dazu. Die Appenzellerin leitet  März dieses Jahres das Programm des Cabaret Voltaire. Sie versteht Dada als Befragungsmodus. Dada heisst: «Fortlaufend Fragen an die Gegenwart stellen.»

Als Direktorin möchte sie die Vielfalt und Komplexität der Bewegung in den Vordergrund rücken. «Dada war von Anfang an ein Zusammenstossen von ganz unterschiedlichen Menschen. Mit diversen künstlerischen Methoden wollten sie sich von den Absurditäten und Missständen ihrer Zeit absetzen.»

Männlich geprägter Kanon

Obwohl viele Frauen an Dada beteiligt waren, standen die Männer im Zentrum. Das spiegelt auch die Geschichtsschreibung wider: «Männer haben sich stark selbst historisiert, worauf weitere Männer dann nur die Männer wahrgenommen und reproduziert haben.» So gerieten Beiträge von Künstlerinnen wie Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch oder Emmy Hennings in den Hintergrund.

Hennings hat 1916 zusammen mit Hugo Ball das Cabaret Voltaire eröffnet und mit ihren Gedichten und Performances die Künstler*innenkneipe geprägt. Der bestehende Kanon bietet jedoch einen eher voyeuristischen Einblick in ihr Leben: «Der Fokus liegt nicht auf ihrem Werk, sondern auf ihrer Rolle als Muse und Geliebte, ihrer Drogenabhängigkeit und darauf, dass sie sich prostituieren musste, um durchzukommen», betont Hohl. Die erste Ausstellung nach Hohls Übernahme befasste sich mit Hennings’ Werk im Dialog mit der jungen Zürcher Künstlerin Sitara Abuzar Ghaznawi.

Krise und Meme-Kultur

Aber was kann Dada in Zeiten globaler Unruhen leisten? «Eine Krise bringt viele Ungleichheiten ans Licht. Kunst kann helfen, Spannungen und Disharmonien in der Gesellschaft auszudrücken», sagt Hohl. Die Reaktion auf die Gegenwart müsse aber jederzeit neu justiert werden. Lassen sich auch Memes dadaistisch lesen? «Als im Berliner Dada die Collage entwickelt wurde, setzte Hannah Höch Bilder und Buchstaben aus Zeitungen neu zusammen, um gesellschaftliche Themen zu diskutieren», so Hohl. «Im Grunde funktionieren Memes sehr ähnlich. Sie können verdichtet und klug kommentieren.» Demokratisch Informationen zu streuen, sei auch eine Form von Selbstermächtigung und enorm dadaistisch.

Um Dada selber zu erfahren, schaut man am besten im Cabaret Voltaire vorbei. Für eine Ausstellung, eine Soirée oder um etwas zu trinken und die dadaistischen Geister auf sich wirken zu lassen. Für Letzteres ist der «Dada-Sour» zu empfehlen.

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