Rolf Lyssy, Marc Sway und Steffi Friis (v.l.n.r) erzählen von ihren Erfahrungen im Filmbusiness. (Bild: Sumanie Gächter)

«Das Einfache, das schwer zu machen ist»

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Regisseur Rolf Lyssy sorgte 1978 mit «Die Schweizermacher» für den bis heute grössten Schweizer Kino-Erfolg. Am diesjährigen Zürich Film Festival erhielt er den Life Achievement Award und stellte sein neustes Werk «Eden für Jeden» vor. Darin zu sehen: Newcomerin Steffi Friis und Musiker Marc Sway. Im Interview mit der ZS sprachen die drei über Schauspielerei, den Dialektfilm und die Kunst der Komödie.

Rolf Lyssy, was bedeutet es Ihnen, dass Zürich ein mittlerweile international etabliertes Film Festival hat und wie fühlt es sich an, den Preis zu erhalten?

Lyssy: Also das Festival find ich super! Aber ich muss auch gestehen, als es vor fünfzehn Jahren durch die Privatinitiative von Karl Spoerri und Nadja Schildknecht entstand, ist man ihnen natürlich mit grösstem Misstrauen begegnet. Und ich habe da auch dazugehört. Nach einem Jahr musste man das alles schon korrigieren und ich habe realisiert: die ziehen es durch. Und es ist von Jahr zu Jahr besser geworden. Das haben sie natürlich unter anderem auch der Festnahme von Roman Polanski zu verdanken. «Roman Polanski am Zürich Film Festival verhaftet» – einen besseren Werbespruch kann man sich nicht wünschen! Ich muss sagen, ich freue mich jedes Mal aufs Festival. Was ich die letzten Jahre nun schon für tolle Filme gesehen habe, da muss ich sagen: Chapeau! Und jetzt haben wir einen neuen Direktor und seine erste Amtshandlung ist es, mir diesen Preis zu geben. Das ist der Grund, warum wir heute da sind und ich freue mich sehr darüber.

Sie sind also nicht jemand, der es unangenehm findet, einen Preis entgegenzunehmen? Das gibt es ja auch.

Lyssy: Ja da wäre ich ja irgendwie krank… Nein, ich muss mich korrigieren, die Frage ist immer: Was für ein Preis ist es und wer gibt ihn mir? Würde mir die AFD einen Preis verleihen, müsste ich es mir dann sehr gut überlegen, und ich würde ihn wahrscheinlich nicht annehmen (lacht).

Es wäre auch erstaunlich, würde die AFD einen solchen Preis verleihen.

Lyssy: Heutzutage weiss man nie, nicht? Die sind zu allem fähig. Aber wissen Sie, was mich am meisten freut? Dass wir einen Film zeigen können. Und es ist ja nicht nur der Film, denn dass der gelungen ist, weiss ich. Aber: die Schauspieler und alles Drum und Dran und die Musik, das ist auf einem solchen Niveau… Ich mache jetzt schon Werbung für den Film. Aber wenn man etwas gemacht hat und weiss, dass es gut ist, dann kann man das auch sagen.

Sicher, ja!

Lyssy: Alles andere ist falsche Bescheidenheit. Diese Schauspieler sind einfach so ein Aufsteller! Auch dass Steffi Friis mit einer Hauptrolle auf der Abschussrampe in den Orbit hinausfliegt, finde ich grossartig! Marc Sway hat seine erste Schauspielrolle und Adina Friis, Steffis Schwester, hat die Filmmusik gemacht – nicht in Konkurrenz zu Marcs Songeinlagen, sondern in Absprache. Jetzt haben Sie also drei Sterne, die am Filmhimmel zu funkeln beginnen. Können Sie sich etwas Besseres vorstellen?

Steffi Friis,«Eden für Jeden» ist Ihr zweites Projekt mit Rolf Lyssy. Diesmal spielen sie die Hauptrolle der jungen rebellischen Nelly. Wie ist es für Sie, mit einer Schweizer Koryphäe zusammenzuarbeiten?

Friis: Legendär, luxuriös. «Fantastisch» ist mein Lieblingswort, was das angeht. Was will man mehr, als seine erste Hauptrolle unter der Leitung von Rolf Lyssy zu spielen? Ich weiss es extrem zu schätzen und bin wahnsinnig dankbar dafür. Es bringt aber auch Verantwortung mit sich. Man tritt in die Fusstapfen von Emil Steinberger und der ganzen Crew.

Lyssy: Emil ist kein Schauspieler!

Friis: Ich weiss, aber er hat trotzdem auch mal eine Hauptrolle in einem deiner Filme gespielt!

Ist Nelly ein Charakter, der Ihnen nahe liegt, oder brauchte es viel Arbeit und Fantasie, um in die Rolle reinzufinden?

Friis: Sie ist mir definitiv sehr nahe. Schon als ich für das Casting einige Szenen gelesen habe, merkte ich, wer sie für mich ist. Es war dann meine Aufgabe, die grundsätzlichen Unterschiede zu finden, also zu sagen: «Da ist Nelly zehnmal weiter als ich und da bin ich zehnmal weiter als sie. Da hör ich auf und da fängt Nelly an». Ich habe mit ihr zusammen eine Reise gemacht als meine beste Freundin. Ich habe sie von Anfang an gespürt und gedacht: «Doch, die kenn ich!“

Lyssy: Darf ich etwas sagen? Wenn ich ihr so zuhöre, fällt mir auf: Das ist eine unglaublich gute Analyse davon, wie ein Schauspieler an eine Rolle herangeht. Ich habe das so noch nie gehört. Da habe ich jetzt wirklich mit Vergnügen zugehört. Ich komme ihr langsam auch auf die Schliche. Ich merke, warum sie diese Rolle so grossartig interpretiert. Du hast ein Geheimnis verraten, Steffi, pass auf! Du solltest nicht zu viel erzählen, sonst machen’s Dir dann alle nach. (Lacht.)

Herr Lyssy, wie sind Sie darauf gekommen, Steffi Friis in «Eden für Jeden» die Hauptrolle zu geben?

Lyssy: Ich lernte Steffi bei «Die letzte Pointe» kennen. In einer Szene suchen Chantal und Meret im Geschenkeladen ein Spiel zum neunzigsten Geburtstag der Grossmutter. Und da gibt es diese Verkäuferin, gespielt von Steffi. Sie sagt: „Grüezi mitenand, was sueched Sie?» Chantal: «Wir suchen ein Denkspiel.» Die Verkäuferin: „Wie alt ist denn das Kind?“ Meret: „neunzig.» Und dann kommt ein spontanes Lachen von Steffi, das ich nicht erwartet habe, einfach zack. Seither ist sie mir nie mehr aus dem Kopf gegangen. Und als es drei Jahre später für «Eden für Jeden» ans Casten ging, da war sie natürlich ganz oben auf meiner Liste. Ich wusste: «Ja, es ist klar, die Steffi spielt Nelly, das geht gar nicht anders.» Und so kam sie zu dieser Rolle.

Friis: So einfach! (Lacht.)

Lyssy: Ja, es ist immer einfach.

Sway: Nachher.

Lyssy: Nein, wissen Sie, die guten Filmgeschichten sind immer einfach. Aber eben: der grosse Berthold Brecht sagte mal: «das Einfache, das schwer zu machen ist.» Eine einfache Geschichte zu erzählen, ist eben gar nicht so leicht.

Herr Sway, Sie spielen in «Eden für Jeden» den halbbrasilianischen Musiker Paolo Cesar. Es ist Ihre erste Filmrolle. Was war für Sie der Grund mitzuspielen?

Sway: Es war vor allem Rolf Lyssy. Als er anrief und sagte: „Ich habe eine Idee, hör dir das an», da war es für mich klar. Ich bin der Sohn eines Schweizers und einer Brasilianerin, ich weiss, was «Schweizermacher» heisst. Der zweite Grund: Je älter man wird, desto weniger kommt man in die Situation, etwas zu probieren, ohne zu wissen, ob man es erfüllen kann. Man geht einfach weniger Risiken ein. Das Wunderbare mit zwanzig ist: Da hat man eine herrliche Mischung im Leben, ist sich am entwickeln, und ist gleichzeitig naiv und grössenwahnsinnig. Mit dem Älterwerden verschwindet das mehr und mehr, auch weil man glaubt, mehr verlieren zu können. Der zweite Grund war also die Möglichkeit, wieder mal etwas zu machen, von dem ich nicht wirklich wusste, ob ich es kann oder nicht.

Und ist es gelungen?

Sway: Zum Glück muss ich das ja nicht selber entscheiden. Aber ich glaube, ich bin mit dem nötigen Respekt an die Aufgabe herangegangen. Ich weiss als Musiker, was es bedeutet, ein Handwerk sauber zu erlernen. Ich wusste: «Ich habe das Handwerk nicht sauber erlernt, wie das meine Schauspielkollegen gemacht haben.» Aber ich kann jetzt durchaus Parallelen sehen zwischen Musik und Schauspielerei. Timing zu haben und den richtigen Rhythmus zu finden, mit der Dynamik zu arbeiten, im passenden Moment da zu sein oder nichts zu sagen – diese Ansprüche machen die beiden Kunstformen nicht nur zu Verwandten, sondern zu Blutsbrüdern.

Das Setting des Films, ein Zürcher Schrebergarten, kam mir vor wie eine Modellwelt. Es gibt junge Rebellen, die auf störrische Alte treffen, einen tröstenden Onkel, einen Gartenchef, der seine Macht nicht verlieren will und Familiengeheimnisse, die an die Oberfläche kommen. Die ganze Welt ist gewissermassen vertreten. Herr Lyssy, haben Sie so gedacht, als Sie den Schrebergarten wählten?

Lyssy: Natürlich habe ich an das gedacht! Wenn Sie einen Dokumentarfilm drehen, müssen Sie sich anpassen an die Wirklichkeit. Was vor der Kamera passiert, können Sie praktisch nicht beeinflussen. Beim Spielfilm ist es genau umgekehrt: Alles was man in einer Szene sieht, ist bewusst gestaltet. Wie die Figuren miteinander umgehen, wie die Handlung verläuft, das ist festgeschrieben. Mit anderen Worten: Die Wirklichkeit wird für die Kamera kreiert.  Meinem Drehbuchautor, Dominik Bernet, und mir war von Anfang an klar, dieser Schrebergarten ist im Grunde genommen ein Abbild der Schweiz. Unser Land ist ja eigentlich ein Patchwork-Gebilde. Und die Schweiz wiederum ist ein verkleinertes Spiegelbild von Europa und seinen sechsundzwanzig Staaten. Wir haben ein starkes Mikroskop genommen, um zu sehen, was sich im Kleinen abspielt.

Ist das Schweizerische auch etwas, an das Sie denken?

Lyssy: Was immer das «Schweizerische» sein soll, mir geht es in einer Filmgeschichte um Authentizität. Das heisst, man sollte die Herkunft eines Spielfilms erkennen: Welches Land? Welche Sprache? So schafft man die besten Voraussetzungen, dass sich das Publikum eines Landes im Film wiedererkennt. Die erfolgreichsten Schweizer Kinofilme waren immer Dialektfilme – und sind es noch. Ich bin ein Fan unserer vielen Dialekte.  Dass wir sechsundzwanzig verschiedene Dialekte sprechen, ist doch grossartig! Für mich ist es wie Musik! Ich habe in meinen Filmen auch immer verschiedene Dialekte gemischt. Denn die Vielfalt interessiert mich auf allen Ebenen: In der Pflanzen- und Tierwelt und selbstverständlich auch bei den Menschen. Das heisst, dass wir heute – im Gegensatz zu früher – eine Multikulti-Gesellschaft sind. Dies zeigt sich am Schrebergarten beispielhaft. Heidi Diggelmann und Suly Röthlisberger sprechen beide einen reinen Zürcher Dialekt. Es ist eine Freude, ihnen zuzuhören. René Ander-Huber hat schon einen eingefärbten Innerschweizer Dialekt. Ich habe seit Beginn meiner Filmlaufbahn immer gesagt: Eine Gesellschaft hat das Recht, in ihrer Landessprache von der Leinwand angesprochen zu werden. Synchronisierte Filme sind mir ein Gräuel. Und zum Glück haben wir in Zürich immer noch die Möglichkeit, Filme in der Originalfassung zu sehen.

Ihre Filme sind keine düsteren Werke. Sie sind lustig und fliessen organisch dahin, wie ein Musikstück. Es werden aber auch ernste Themen angesprochen. Was gibt Ihnen die Form der Komödie im Vergleich zum Drama und wie schaffen Sie es, die feine Linie zwischen lustig und ernst zu halten?

Lyssy: Es gibt nichts Schwierigeres, als eine Komödie zu schreiben. Wir reden also von Filmkunst. Wenn Sie nämlich einen Film als Komödie annoncieren, und die Zuschauer im Kino nicht lachen oder schmunzeln, dann ist es keine Komödie. Mich interessiert die Schnittstelle zwischen Tragik und Komödie. So entsteht die Tragikomödie. Ein Drama ist nicht lustig. Eine Tragödie ist traurig. Und eine Komödie, wenn sie gut gemacht ist, zwingt den Zuschauer zu lachen. Und Sie wissen ja: Lachen ist gesund.

Herr Lyssy, Sie haben für diesen Film erneut mit Ihrem Sohn, Kameramann Elia Lyssy, zusammengearbeitet. Es wird berichtet, Sie seien ein perfektes Team und es gebe nie Konflikte. Nehmen Sie drei das alle auch so wahr?

Sway: Ja, sie sind sehr respektvoll miteinander. Mich hat es erstaunt, als Aussenstehender zu sehen, wie gut Vater und Sohn zusammenarbeiten – diese Konstellation kann ja auch schwierig sein. Als Sohn weiss ich das und fand den gegenseitigen Respekt bewundernswert.

Friis: Absolut. Und es ist einfach sehr schön anzuschauen. Das sind zwei Herren, die ihr Fach extrem beherrschen und super zusammenarbeiten, egal ob verwandt oder nicht.

Lyssy: Das hat eben eine Wurzel: Unter Erwachsenen gibt es eigentlich keine bedingungslose Liebe. Aber zwischen Eltern und Kind – das sollte bedingungslose Liebe sein. Damit habe ich alles gesagt.

Was kommt für Sie drei als Nächstes?

Sway: Ich bin im Moment einfach Zuhause und warte, bis Rolf Lyssy wieder anruft (lacht).

Rolf Lyssy: Da könntest Du noch überrascht sein, pass auf was Du sagst! Ich habe ja einen sogenannten Wunderdrehbuchautor, Dominik Bernet. Es ist ein Glücksfall, dass wir uns vor zwölf Jahren kennenlernten. Und jetzt hat er tatsächlich ein Treatment für unseren neuen Film geschrieben. Grossartig! Dominik sagte mir nämlich vor zwei Monaten: Die werden Dich am Festival fragen: «Was ist ihr nächster Film?» Und dann kannst du sagen: „Wir haben eine Geschichte!» Steffi hat auf jeden Fall eine Rolle, das ist schon klar. Ich freue mich wahnsinnig.

Friis: Ich mich überhaupt nicht (lacht).

Lyssy: Ja, das weiss ich schon (lacht). Bei Marc muss ich es mir noch überlegen. Eventuell wird er auch eine Rolle kriegen.

Friis: Ich warte einfach bis Rolf sagt: «Das Drehbuch ist da.» Und sonst wurde wegen Corona leider alles bis ins Nichts hinausgeschoben. Aber mein neues Projekt ist ein junger Hund, den ich nächste Woche bekomme. Dann heisst es erstmal jeden Tag zwei, drei Stunden laufen gehen.

Lyssy: Wenn Sie diesen Hund sehen – Sie müssen sich einfach einen kleinen Eisbär vorstellen – dann wollen Sie sich auch gleich einen besorgen.

Friis: (Lacht.) Ja, ich zeig Dir nachher ein Foto.

«Eden für Jeden» läuft seit 1. Oktober in den Schweizer Kinos.

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