Im rosaroten Raum beschäftigt sich der Strauhof mit drei Kapiteln aus Iris von Rotens Werk: Haushalt, Mutterschaft und Erotik. (Bild: Stephanie Caminada)

Das Streben nach Gleichstellung

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Mit drei Ausstellungen widmet sich Zürich dem Kampf der Frauen für gleiche Rechte. Sie veranschaulichen, dass das Frauenstimmrecht nur der Anfang war.

Die überdimensionale Chaiselongue im Lichthof der Uni Zürich steht eigentlich nicht für die vermeintliche Ruhe und Entspannung. Emilie Kempin-Spyri, die damit als erste Schweizer Juristin gewürdigt wird, faulenzte nicht, sie focht ihr Leben lang für die Gleichstellung der Frau. Anwältin durfte sie nicht werden, weil ihr das Aktivbürgerrecht fehlte, eine Qualifikation, die sie lediglich deshalb nicht erlangen konnte, weil sie das «falsche» Geschlecht hatte. 

Erst 1971, fast ein Jahrhundert später, errangen die Schweizerinnen das Wahlrecht. Obwohl Frauen bereits seit der Menschenrechtserklärung von 1789, als die «freien Männer» für politisch mündig erklärt wurden, dafür kämpften, dass «Mänscherächt für beidi Gschlächt» gelten, wie noch am «Marsch auf Bern» 1969 skandiert wurde.

200 Jahre Frauenbewegung im Landesmuseum

Die Chaiselongue wurde anlässlich von «Frauen.Rechte» ins Landesmuseum gezügelt. Es ist eine von drei Zürcher Ausstellungen, die derzeit das über 200-jährige Ringen um die Rechte von Frauen in der Schweiz veranschaulichen. Steile Stufen steigt man zur Schau empor, ähnlich wie der lange und steinige Weg, den die Frauen Richtung Gleichberechtigung gegangen sind. An der Decke hängen riesige Banner, deren Schriftzüge die Grösse der Stofffläche fast sprengen. Sie sollen die Dringlichkeit der Forderungen zeigen – und auch wie vehement sie eingefordert wurden. «Frauen.Rechte» holt aus und schaut mithilfe von Zeitdokumenten zurück auf die Frauenbewegung der vergangenen Jahre, von der französischen Revolutionärin Olympe de Gouges bis zum Schweizer Frauenstreik 2019. Dabei ging es in den frühesten Forderungen vorderhand gar nicht so sehr um die politischen Rechte der Frau, sondern darum, die Frau überhaupt als ebenbürtiges menschliches Wesen anzuerkennen. 

In der Ausstellung platzierte Kunstwerke reflektieren die damalige Atmosphäre. (Bild: Stephanie Caminada)

In der Ausstellung platzierte Kunstwerke reflektieren die damalige Atmosphäre. Etwa Pipilotti Rists grossflächige Videoinstallation «Ever Is Over All», bei der eine Frau mit einer Blume eine Autoscheibe zertrümmert, oder das filigrane «Flügelwesen», das über der Ausstellung schwebt, ein Kunstwerk von Erica Pedretti. Schwerelos, leicht und doch fragil – die Emanzipationsbewegungen waren befreiend und beflügelten die Frauen, doch bei Höhenflügen droht auch immer der Absturz: Die Handlungsspielräume, die sich die Frauen schafften, schlossen sich später auch immer wieder. Noch lange wurden sie aus der öffentlichen Sphäre verdrängt und auf die Rolle der Hausfrau und Mutter reduziert.

Toni-Areal zeigt 39 Plakate

Wie üblich bei Abstimmungen waren auch bei jenen zum Frauenstimmrecht Plakate Schlüsselinstrumente. Sie appellieren an die Emotionen, entfachen Wut, finden Anklang und geben mit ihren Parolen und Motiven eine eindeutige Stimmempfehlung ab. Im Toni Areal werden derzeit, in Zusammenarbeit mit dem Museum für Gestaltung, 39 Plakate seit 1920 gezeigt. 

Beim Betrachten der Sujets wird klar: Ob 1920 oder 1969, die Befürworter*innen wie die Gegner*innen beriefen sich durchs Band auf etwa dieselben Argumente. Erstere appellierten an ein «freies Volk», das «freie Frauen» brauche und forderten dieses zur Gerechtigkeit und Vernunft auf. Letztere unterstrichen die Geschlechterrollen und hoben hervor, dass die Politik schlicht nicht zur weiblichen, der häuslichen, Sphäre gehöre, sondern zur öffentlichen, die den Männern vorbehalten war. Sie warnten davor, dass die politische Betätigung der Frau die Familie und den Haushalt ins Chaos stürzen könnte.

Strauhof bespricht 600-Seiten-Werk

Ein solches Plakat rief besonders heftige Reaktionen hervor. Das Sujet von 1946 zeigt einen «Nuggi», auf dem eine Fliege sitzt. Macht die Frau Politik, verkommt der Nachwuchs, so das Narrativ. Iris von Roten, Juristin und Frauenrechtlerin, bezeichnete das Motiv in ihrem Buch «Frauen im Laufgitter», das 1958 erschienen ist, als Sinnbild des Mannes als «Riesensäugling», der sich nur um sich selbst sorge. Von Rotens Werk wird derzeit im Strauhof besprochen. Es sind «offene Worte zur Stellung der Frau», so der Untertitel, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Patriarchat, virtuos geschrieben, mit Humor und bissiger Ironie.

Der Strauhof inszeniert die wichtigsten Passagen aus dem fast 600-seitigen Werk, unter anderem werden sie von Schauspielerinnen in Videoinstallationen vorgetragen. Während der Recherchen für die Ausstellung wurde zudem eine Trouvaille wiederentdeckt: Ein bisher unveröffentlichtes Kapitel zu Frauen und Kleidung, indem von Roten die «Überbetonung des Geschlechts der Frau» kritisiert, ist ebenso wie das Originalmanuskript des Buchs zu besichtigen. Der Kreis schliesst sich, denn in einem weiteren Raum, der von Rotens «Komplizinnen» in «Wut und Mut» gewidmet ist, treffen wir wieder auf Kempin-Spyri, die gewissermassen von Roten den Weg zum Jurastudium geebnet hat. 

Die Ausstellungen überschneiden sich zwar in ihren Themen, der Besuch der einen macht die andere aber nicht überflüssig. Sie ergänzen sich vielmehr gegenseitig. Allen gemeinsam ist, dass sie das Frauenstimmrecht nicht als Endpunkt, sondern als Anfang anerkennen, als ein Werkzeug, um das umzusetzen, worauf die Frauen lange gewartet haben. Die Gleichstellung ist zwar seit 1981 in der Bundesverfassung verankert, doch die Forderungen von damals sind teilweise heute noch aktuell. So lässt es sich noch nicht auf der Chaiselongue ausruhen.

 

«Frauen.Rechte» ist bis am 18. Juli 2021 im Landesmuseum zu sehen.
Die 39 Plakate zum Frauenstimmrecht hängen bis am 16. Mai 2021 im Toni Areal.
Der Strauhof zeigt «Iris von Roten – Frauen im Laufgitter» noch bis am 30. Mai 2021.

 

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