Safer Set der Produktion von «Neumatt» während den Dreharbeiten unterstützend zur Seite. (Bild: SRF/Sva Hlavacek)

Das Virus dreht mit

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Die Corona-Krise hat die Schweizer Filmbranche hart getroffen. Ein Blick hinter die Kulissen eines Corona-Drehs.

Als der Lockdown ausgerufen wurde, stand von einem Tag auf den anderen auch die ganze Filmbranche still, laufende Projekte mussten ausgesetzt werden, bevorstehende Drehs wurden verschoben. Auch das Projekt von Regieassistent Thomas Kaufmann wurde ins Jahr 2021 verlegt. Im Mai entstand dann die Arbeitsgruppe Safer Set, die sich die Frage stellte, welche Massnahmen eingeleitet werden müssen, um schnellstmöglich wieder drehen zu können.

Individuelle Herausforderungen am Set

Kaufmann ist Teil von Safer Set und übernahm die Aufgabe des Covid-19-Supervisors unter anderem am Filmset der SRF-Dramaserie «Neumatt» im ersten Drehblock. «Vom Branchenverband gab es grobe Anweisungen zum Umgang mit der Pandemie. Mit Safer Set haben wir konkrete Leitlinien zur Umsetzung am Dreh entwickelt. Von Produktionen wie ‹Neumatt› werden wir angestellt, um die Projekte diesbezüglich zu begleiten. Dazu gehört zum Beispiel die Erarbeitung einer Strategie, wie oft sich welche Mitarbeitenden auf Corona testen lassen müssen», erzählt der 45-jährige Kaufmann. Jede Produktion steht dabei vor individuellen Herausforderungen, da die Grösse der Teams und die Drehorte variieren. Rund zehn Prozent der Produktionskosten müssen für die Schutzmassnahmen und den Mehraufwand eingerechnet werden.

«Die Filmbranche rückt zur Zeit noch näher zusammen.»

Thomas Kaufmann, Safer Set

Unterbringung, Catering und Transport müssen anders geregelt werden, es braucht mehr Autos und mehr Hotelzimmer, um die Abstandsregeln einhalten zu können. «Das Wichtigste ist dabei der gesunde Menschenverstand», sagt Thomas Kaufmann. «Wir von Safer Set stehen im Austausch mit Expert*innen, die uns helfen können bei konkreten Fragen oder wenn es tatsächlich zu Corona-Fällen kommt.» Ausserdem geht es um den Schutz besonders exponierter Personen: Während die meisten anderen Personen im Team Masken tragen können, sind die Schauspielenden wegen ihrem Make-Up fast den ganzen Tag ohne Gesichtsschutz unterwegs. Dies bedeutet auch ein erhöhtes Risiko für die Masken- und Kostümbildner*innen, die mit den Schauspielenden in engem Kontakt sind.

Risiko für Produzent*innen

In Deutschland können sich die Film-produzent*innen gegen Corona-Ausfälle versichern lassen, in der Schweiz gibt es eine solche Versicherung nicht. Das Risiko trägt die Produktionsfirma. Wird eine*r der zentralen Schauspielenden krank oder muss in Quarantäne, kann dies die ganze Produktion stilllegen.  Wenn ein Drehtag zwischen 20’000 und 50’000 Franken kostet, geht es dabei schnell um viel Geld.

Dies ist ein Dilemma für die Produ-zent*innen. Sie dürfen den Hauptdarstellenden verbieten, reiten zu gehen, damit sie sich kein Bein brechen, aber sie können ihnen nicht verbieten, am Wochenende Party zu machen. Dabei handelt es sich auch um eine arbeitsrechtliche Schwierigkeit. Wie weit soll man in das Privatleben der Angestellten eingreifen dürfen, um Ansteckungen und eine Gefährdung des Drehs zu vermeiden? Die Produzent*innen können lediglich auf die Vorsicht und das Immunsystem ihrer Angestellten hoffen.

Auch die Arbeit mit Laiendarstellenden wird zur Herausforderung. «Kürzlich haben wir in einer anderen Produktion mit 90 Laiendarstellenden eine Szene in einem Club gedreht. Die können wir unmöglich alle testen, und auch das Einhalten der Sicherheitsmassnahmen wird in einer solchen Situation erschwert», erzählt Thomas Kaufmann. Der Entscheid, welche Szenen gedreht würden und welches Risiko eingegangen werde, liege bei den Produzent*innen.

Eine Maskenpflicht gilt für fast alle auf dem Set. (Bild: SRF/Sva Hlavacek)

Erschwerte Drehbedingungen

Wie bei «Game of Thrones» macht sich die Filmbranche daher grosse Gedanken über den nahenden Winter, der weitere Herausforderungen bringen wird. Einerseits, weil sich mehr Leute erkälten und mehr Leute getestet werden müssen, andererseits, weil sich einige Drehorte nach drinnen verlagern. «Eigentlich kommt es in der Filmbranche oft vor, dass Personen krank zur Arbeit kommen. Das ist natürlich sowieso nicht gut. Durch Corona sind wir nun aber alle zu noch mehr Vorsicht gezwungen», sagt Thomas Kaufmann.

Die erschwerten Drehbedingungen bergen jedoch auch Positives. «Ohnehin wird in der Filmbranche über verschiedene Projekte hinweg kommuniziert. Derzeit rückt man noch näher zusammen und tauscht Know-how und Ressourcen im Umgang mit der Pandemie aus», erzählt Kaufmann.  Trotz den erschwerten Bedingungen hat die Schweizer Filmproduktion wieder volle Fahrt aufgenommen: «Inzwischen wird wieder sehr viel gedreht», sagt Thomas Kaufmann. «Das liegt daran, dass sich Projekte zwischen März und Juni aufgestaut haben. Während sonst alles zeitlich relativ gut verteilt ist, finden derzeit zahlreiche Projekte gleichzeitig statt.» Doch die Arbeitsatmosphäre leidet unter der Pandemie. Alle in der Branche hoffen, dass man bald wieder zu normalen Drehbedingungen zurückkehren kann. Thomas Kaufmann sagt: «Wir halten uns an die Massnahmen und nehmen die Situation hin, wie sie ist. Aber die Apéros und Feste fehlen, und damit das Zwischenmenschliche neben der Arbeit.»

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