In unzähligen Formen und Farben gibt es den Sneaker an der «Sneakerness». Foto: Lisa Horrer

In unzähligen Formen und Farben gibt es den Sneaker an der «Sneakerness». Foto: Lisa Horrer

Dem Sneakerkult auf den Fersen

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Die Schweizer Schuhmesse «Sneakerness» gehört weltweit zu den bekanntesten.

«Der Sneaker ist in den letzten 12 Jahren von einem Nischenprodukt zum Mittelpunkt deines Fashion-Statements geworden. Er definiert fast ein bisschen, wer du bist.» Mit diesem Satz spricht Sergio Muster, Mitgründer der Schweizer Sneaker-Messe «Sneakerness » wohl vielen Zeitgenoss*innen aus dem Herzen. Was als Turnschuh begonnen hat, ist heute eines der wichtigsten Style- Elemente. In unzähligen Varianten gibt es den Sneaker und neben den normal erhältlichen Modellen haben sich auch exklusive Luxus-Schuhe etabliert. Die kosten schnell mal mehrere tausend Franken und sind für den einfachen Sneaker-Nerd nur schwer zu ergattern.

Nike-Monopol

Die Diskrepanz zwischen der ursprünglich undergroundigen Sneaker-Kultur und der Geldmaschine, die sie mittlerweile antreibt, wird dann auch schnell ersichtlich, als ich den ersten Schritt in die Halle 622 mache und mich zu lautem HipHop-Sound ins Getümmel begebe. Da reiht sich Stand an Stand und wie auf einem grossen Basar bieten Verkäufer*innen ihre Standardschuhe und Perlenstücke an. Vom gewöhnlichen Air Jordan über limitierte Sondermodelle bis hin zu Gummischlappen ist alles zu finden. Man kann nicht umhin, zu staunen ob der sich bietenden Vielfalt. Nur das geübte Auge vermag den gewöhnlichen vom speziellen Schuh zu unterscheiden – ein kleiner Silberstreifen auf der Zunge oder ein leicht abweichender Farbton kennzeichnet manchmal die Auserwählten.

Doch dann stechen einem die Preisschilder ins Auge und stören das Bild einer coolen Subkultur. Und: Obwohl Sneaker heute von zig Herstellern produziert werden, herrscht ein erschlagendes Monopol. Die meisten Schuhe stammen von Nike, einige von Adidas und wenige von trendigen Namen wie New Balance – fast keine aber von neuen, unbekannten Marken. Dies, obwohl Muster solche grundsätzlich unterstützen möchte: «Wir verkaufen keine Quadratmeter. Wir sind nicht irgendeine Messe und werden es auch nie sein.» Jedes Jahr würden Sponsoring-Pakete an Newcomer*innen vergeben, die auch mal dabei sein wollen. Das Endergebnis ist trotzdem eine deutliche Dominanz der grossen Namen. Dies ist nicht nur die Schuld der Veranstalter*innen; teilnehmende Händler*innen sind an die Nachfrage auf dem Markt gebunden.

«Leute sagen mir jedes Jahr wieder, das sei jetzt die letzte Sneakerness. Huere ned!» so Messe-Gründer Sergio Muster. Foto: Lisa Horrer
«Leute sagen mir jedes Jahr wieder, das sei jetzt die letzte Sneakerness. Huere ned!» Messe-Gründer Sergio Muster. Foto: Lisa Horrer

Muster sieht den alten Szeni-Geist jedoch nicht verloren: «Der Sneaker ist salonfähiger geworden, es gibt heute ein vielfältigeres Klientel. Wir müssen einen Spagat machen und ich glaube, da sind wir gut dran. Wir haben einen guten Draht sowohl zur Community als auch zu den Brands.» Ob das alle zu überzeugen vermag? Ich lasse mich jedenfalls noch nicht ganz desillusionieren und nutze das volle Angebot des Events: Ein richtiger Sneaker-Head lässt sich auch vom Basketballspiel und der Joint-Roll-Competition am Rande der Halle begeistern. Ersteres, weil der Basketballschuh den wohl grössten Einfluss auf den Sneaker hatte (Michael Jordan gab damals seinen Namen dem berühmten Air Jordan). Letzteres, weil… das zum Lifestyle dazugehört?

Bescheidener Beginn

Die Anfänge des Sneaker-Trends liegen in der Jugendkultur. Als Student gründete Muster 2009 die Sneakerness zusammen mit Diana Cabarles, Lukas Wanner und Robert Zaugg. Damals habe man ihn noch als «Spinner» bezeichnet, er habe seine Leidenschaft mit einigen Internet-Bekanntschaften geteilt und kleine Treffen zum Schuh-Handel veranstaltet. Über die Jahre wuchs der Event zur heutigen Grösse heran und mittlerweile haben verschiedene Gruppen weltweit Lizenzen gekauft, um eine eigene «Sneakerness» zu veranstalten: Es gibt Ableger in Paris, London, Rotterdam, Amsterdam, Köln und Mailand.

Neuer Markt für digitale Schuhe

Ich habe Spass auf der Messe, kaufe mir etwas am Food-Stand und versuche mich dann im Glücksspiel. Zu gewinnen: ein nachhaltiger Sneaker. Dafür soll ich in einem windigen Behälter stehend Stoffbälle fangen und in kleine Löcher versenken. Ich scheitere kläglich und muss an ein weiteres Problem der Turnschuh-Welt denken: Grosse Marken schneiden bezüglich Nachhaltigkeit bis heute miserabel ab. Gemäss Schätzungen ist die Sneaker- Produktion für 1,4 Prozent der jährlichen Treibhausgase verantwortlich.

Langsam scheint sich aber etwas zu tun. Nike hat sich unter dem Motto «move to zero» dem Ziel der Nullverschwendung verpflichtet, Adidas stellt Sohlen im 3D-Drucker her und On bietet mit «Cyclon» ein «Schuh-Abo»: Abonnent*innen dürfen ihr ausgetretenes Paar wieder in den Kreislauf zurückgeben und erhalten ein neues. Mit solchen Unternehmungen steigen aber die Preise, was es schwierig macht, die Schuhe zu verkaufen. Muster sieht seine Verantwortung darum vor allem beim gedanklichen Austausch mit der Jugend: «Wir sind ein Konsum-Event – das schläckt kä Geiss wäg. Wir halten aber zum Beispiel Fashion Talks und versuchen die Kids so zu beeinflussen.»

Auf die Frage, was der Sneaker-Welt sonst bevorsteht, antwortet Muster: «Es werden immer mehr digitale Schuhe gekauft. Diese kann man zum Beispiel seinem Fortnite- Avatar anziehen.» Er selber hat vor einem halben Jahr einen virtuellen Schuh für 500 Franken erworben. Mittlerweile bekommt er Angebote über 40’000 Franken. Da wird es mir ein bisschen schwindelig und ich verlasse die Messe mit gemischten Gefühlen.

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