Die ETH hat schwierige Zeiten hinter sich. Die Republik titelte «Eidgenössische Toxische Hoschule». Collage: Sumanie Gächter

Die ETH hat schwierige Zeiten hinter sich. Die Republik titelte «Eidgenössische Toxische Hoschule». Collage: Sumanie Gächter

Die ETH sucht den Anstand

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Nach den negativen Schlagzeilen um Mobbing und Diskriminierung will die Hochschule ihre Angehörigen sensibilisieren. Wie kann das gelingen?

«Mach du einen Punkt, wenn andere ihn nicht machen. Steh ein für Respekt.» Mit diesem Slogan will die ETH ihre Angehörigen für «respektvolles Verhalten» sensibilisieren. An der ETH würden Mobbing, Belästigung, Diskriminierung oder Bedrohung und Gewalt jeglicher Form nicht toleriert. Und weiter: «Reagieren Sie, wenn Sie mit unangemessenem Verhalten konfrontiert werden.» Letztes Jahr ging die Respekt-Kampagne – mit 100‘000 Franken budgetiert – in die dritte Runde: Ergänzend zu Plakaten gab es diverse Veranstaltungen. Sie richtete sich gezielt auch an beobachtende Drittpersonen. Diese wurden ermutigt, in diskriminierenden Situationen aktiv für Betroffene einzustehen. Die Kampagne wurde ergänzt durch einen «Verhaltenskodex Respekt», einer Anleitung zum Vorgehen bei selbst erlebtem oder beobachtetem Fehlverhalten, und einem Angebot von Anlauf- und Beratungsstellen.

Nach den dunkeln Kapiteln von Mobbing, Diskriminierung und Belästigung in der jüngsten ETH-Geschichte will die Hochschule einen Wandel herbeiführen. Die ETH war seit 2017 wiederholt in den Schlagzeilen wegen missbräuchlichem Verhalten von Professor*innen gegenüber ihren Angestellten. So wurde zum Beispiel 2017 das Institut für Astronomie nach Mobbingfällen aufgelöst. 2018 gab es mediale Aufmerksamkeit um Vorwürfe sexueller Belästigung durch einen Architekturprofessor und Machtmissbrauchsvorwürfe am Departement für Biosysteme.

Fehlende Transparenz

Eine ehemalige Doktorandin, die anonym bleiben will, hat die verwerfliche Arbeitskultur selbst miterlebt. Sie sieht das grundlegende Problem der ETH darin, dass «vor allem Doktorierende in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Professor*innen stehen». Sie beklagt, dass es kein unabhängiges System gebe, das darüber entscheidet, welche Kriterien erfüllt werden müssen, um den Doktortitel zu erhalten: «Die fehlende Transparenz führt dazu, dass man der Willkür der Professor*innen ausgeliefert ist.» Unter diesen Machtverhältnissen sei ein respektvolles Arbeitsklima nicht gewährleistet.

Deshalb fordert sie einen grundlegenden Kulturwandel und nicht nur vereinzeltes Eingreifen und kritisiert die Herangehensweise: «Die ETH scheint nur an Symptombekämpfung interessiert zu sein.» Hat sich an der Hochschule inzwischen etwas getan? Der neue Rektor Günther Dissertori zumindest, hat kürzlich in einem Interview mit der NZZ am Sonntag versprochen, dass Doktorierende von zwei Personen betreut werden sollen, um die Abhängigkeiten zu verringern.

Der Instagram-Account «Speak-UpETH», betrieben vom studentischen Verein AG Chancengleichheit, zeigt, dass nicht nur Doktorierende, sondern auch Studierende an der ETH betroffen sind: Bisher wurden rund achtzig Posts mit anonymisierten Geschichten von sexistischen, rassistischen oder anderweitig diskriminierenden Erlebnissen geteilt. Die Arbeitsgruppe kämpft mit der Instagram-Seite «für eine offenere Kultur an der ETH». Sie fordert, dass die ETH die Probleme nicht aus Image-Gründen unter den Teppich kehrt: «Die Kultur an der ETH ist nicht sehr positiv und braucht mehr Diversität», so Co-Leiterin Stella Harper.

Die ETH wollte der ZS kein telefonisches Interview zur Respekt-Kampagne geben. In einer schriftlichen Stellungnahme teilt die Hochschule die Wahrnehmung nicht, dass es Probleme gebe, ein respektvolles Arbeitsklima zu schaffen. Im Gegenteil betont Markus Gross von der Medienstelle der ETH die positiven Resultate aus den Ergebnissen der Befragungen von Studierenden und Mitarbeitenden: «Das Umfeld an der ETH Zürich wird von einer grossen Mehrheit als respektvoll wahrgenommen.» Und weiter fügt er an: «Die meisten Befragten sehen kein Problem der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts über die ganze Institution betrachtet.»

«Die Kultur an der ETH ist nicht sehr positiv.»

Stella Harper, Co-Leiterin der AG Chancengleichheit des VSETH

Tatsächlich zeigte die vom VSETH lancierte «WiegETHs?»-Befragung von 2019, die sich an alle Studierenden richtete, dass sich die Mehrheit der Studis wohl fühlt. Die Umfrage zeigte jedoch auch, dass ein nicht wegzudiskutierender Teil der Studierenden Diskriminierung an der ETH erlebt. So fühlten sich 10 Prozent der Studierenden aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Geschlechtsidentität schon einmal benachteiligt und ganze 21 Prozent der Studierenden aufgrund ihrer Herkunft, Ethnie oder Sprache. Dazu kommen 12 Prozent der Studis, die an der ETH unter Mobbing leiden.

Markus Gross relativiert die Ergebnisse und begründet die Erforderlichkeit der Respekt-Kampagne auf seine Art: «In einer Organisation mit über 30‘000 Mitarbeitenden und Studierenden lässt sich respektloses Verhalten leider nie ganz ausschliessen, weshalb es zentral ist, dass unsere Werte regelmässig vermittelt werden und das vorhandene Hilfsangebot immer wieder prominent kommuniziert wird.»

Neue Massnahmen gefordert

In Folge der Umfrage schlug der VSETH Massnahmen vor, um die Situation der Studierenden zu verbessern. Auf Anfrage erklärt der Studiverband: «Wir erwarten von der ETH, dass sie sich vermehrt darum bemüht, die Respektthemen auch in den Unterrichtsbetrieb miteinfliessen zu lassen. Sei es durch eine (obligatorische) Sensibilisierungsschulung für unterrichtende Personen oder Bias-Schulungen in Bezug auf Berufungskommissionen, die für die Neubesetzung von Professor*innen zuständig sind, und bei der Bewertung von Prüfungen.» Der Verband lobt die ETH aber gleichwohl: «Das Rektorat nimmt unsere Forderungen ernst und bemüht sich, den VSETH zu unterstützen, aber es wird noch lange dauern und viel Ausdauer benötigen, bis alle diese Forderungen umgesetzt sind.»

In der Tat hat die Respekt-Kampagne die vorgeschlagenen Forderungen teilweise umgesetzt. Harper war an der Organisation der Respekt-Eventreihe beteiligt und ist erfreut über «die interessanten und erstmals etwas provozierenden Themen». Trotzdem gebe es bei der Kampagne noch viel Luft nach oben: «So manche Veranstaltungen waren nur auf Mitarbeitende ausgerichtet und viele Studierende haben von den Events gar nichts mitbekommen.»

Die seit 2019 in ihrer heutigen Form existierende Beratungs- und Schlichtungsstelle Respekt ist vielen ETH-Angehörigen kein Begriff. Sie ist eine vertrauliche Anlaufstelle für ETH-Angehörige mit Fragen oder Problemen bezüglich der Verletzung ihrer persönlichen Integrität am Arbeits- oder Studienplatz. Dies umfasse «insbesondere Themen wie Mobbing, Belästigung oder Diskriminierung». Von den jährlich eintreffenden rund 150 Anfragen stammen etwa zwei Drittel von Studierenden oder Doktorierenden. Die Medienstelle beschwichtigt: Diese Gruppe mache «nur rund 0,2 bis 0,6 Prozent aller Angehörigen der ETH» aus.

Es bleibt fraglich, ob diese Zahl der Fälle von Mobbing, Diskriminierung und Belästigung mit besserer Bekanntheit der Anlaufstelle sinkt. Aber zum Glück kommen gemäss der WiegETHs?-Umfrage die meisten ohne solche Probleme durchs Studium. Die Respekt-Kampagne scheint insofern erfolgreich zu sein, als dass das Thema «Respekt» in den Gebäuden und auf den Zoom-Hintergründen allgegenwärtig ist. Dadurch kennen wohl die meisten ETH-Angehörigen den Namen der Respekt-Kampagne. Ausserdem sollen rund 1500 Personen an den Veranstaltungen der Respekt-Eventwoche teilgenommen haben. Ob sich der grosse Rest der 30‘000 ETH-Angehörigen für das Thema sensibilisieren lässt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die Schaffung einer respektvollen, offenen und diversen Kultur ist auf jeden Fall weiterhin  eine Baustelle an der Hochschule.

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