«Nein zum Krieg»: Protestierende in St. Petersburg, kurz bevor sie verhaftet wurden. Foto: David Frenkel/Mediazona

«Nein zum Krieg»: Protestierende in St. Petersburg, kurz bevor sie verhaftet wurden. Foto: David Frenkel/Mediazona

«Die Mehrheit der Jugend in Moskau ist gegen den Krieg»

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Das Studierendenmagazin DOXA aus Moskau hört nicht auf, kritisch über den Krieg zu berichten. Die Redaktion riskiert damit die Verhaftung.

Eine kritische Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine ist in Russland fast nicht mehr möglich. Schon alleine den Krieg als solchen zu bezeichnen, ist strafbar. Kritik am Militär kann neu mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden. Unter diesen Bedingungen haben viele der verbleibenden kritischen russischen Medien ihre Berichterstattung eingestellt oder berichten nur noch aus dem Ausland. Nicht klein beigegeben hat das Online-Studierendenmagazin DOXA. Seit seiner Gründung 2017 ist es zu einer der wichtigsten kritischen Stimmen der Jungen in Moskau geworden. Täglich veröffentlicht DOXA Nachrichten zum Krieg in der Ukraine, den es auch als solchen bezeichnet – obwohl gerade erst vier frühere Redaktor*innen zu zwei Jahren «harter Arbeit» verurteilt wurden. Dies, weil sie sich in einem Video mit Studierenden solidarisierten, die im Zuge der Nawalny-Proteste 2021 festgenommen wurden. 

Die ZS hat den DOXA-Redaktor Vitalyn, der zurzeit an der Universität Zürich doktoriert, zum Interview getroffen. Der 27-Jährige ist seit 2018 beim Nachrichtenportal aktiv und damit eines der ältesten und langjährigsten Mitglieder. Aktuell veröffentlicht er Beiträge von Zürich aus. 

Vitaly, du lebst seit über zwei Jahren hier in Zürich. Woher weisst du, was in Russland vor sich geht?

Ich telefoniere täglich mit meinen Freund*innen in Russland, ausserdem lebt meine Familie auch noch da. Aus diesem Grund würde ich auch lieber nicht mit meinem vollen Namen zitiert werden.

Wie würdest du die Stimmung in Russland zurzeit beschreiben?

Die Leute sind deprimiert. Zu Beginn des Krieges gab es noch zahlreiche Proteste, insbesondere von jungen Leuten. Doch diese wurden strikt unterdrückt. Dennoch protestieren viele weiter, wenn auch subtiler. Sie sprayen Graffitis und verteilen Aufkleber gegen den Krieg. Aber gerade in Moskau ist auch das gefährlich. Die Stadt wird stark überwacht, unter anderem mit Gesichtserkennungskameras.

Ist eine Mehrheit der Russ*innen also eigentlich gegen Putins Krieg?

Das kann man leider nicht sagen. Doch ist es auch nicht so, wie der lettische Präsident Egils Levits kürzlich an einem Vortrag in Zürich sagte, dass nur eine kleine liberale Elite in Russland für die Demokratie ist. Eine bedeutende und grosse Minderheit sieht sich als Teil der Welt und nicht einfach als russische*r Staatsbürger*in. Doch in den letzten zwanzig bis dreissig Jahren wurden die neuen demokratischen Institutionen der Perestroika Stück für Stück abgebaut. Es gibt heute kaum mehr Möglichkeiten, sicher zu protestieren. Auch gibt es keine organisierte Opposition. 

2012 war ich im Rahmen eines Austauschs in Russland. Meiner Wahrnehmung nach interessierten sich insbesondere junge Leute kaum für Politik und es herrschte eine gewisse hilflose Gleichgültigkeit. Wie sieht es heute bei den Jungen aus?

2012 war vielleicht das letzte Jahr mit Hoffnung in Russland, ab dann ging es nur noch bergab. Die Nullerjahre waren äusserst apolitisch, es galt geradezu als uncool, politisch aktiv zu sein. Das hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Leute haben realisiert, dass Politik einen sehr grossen Einfluss auf ihr Leben hat. Im Zuge der Wirtschaftskrise wurden die Leute ärmer und Putin hat mit der Verfassungsänderung gezeigt, dass er vorhat, für immer zu regieren. Die heutige Jugend ist viel politischer.

Und wie steht die Jugend zum Krieg, insbesondere an den Universitäten?

Ich würde sagen, eine Mehrheit ist gegen den Krieg. Es gibt einen Generationen-Gap. Das sehe ich auch bei meiner Familie. Ich kann meinen Grosseltern nicht von meinem Aktivismus erzählen, sie würden es nicht verstehen. Manche meiner Freund*innen können darüber nicht mal mit ihren Eltern sprechen. Das ist für viele etwas vom Schlimmsten an der ganzen Situation: dass man nicht einmal mehr in der Familie eine gemeinsame Sprache findet, um über diesen schrecklichen Krieg zu sprechen.

Die Mehrheit deiner Freund*innen bei DOXA sind noch in Russland – wie könnt ihr noch weiter veröffentlichen?

Wir bei DOXA sind sehr horizontal organisiert. Es ist deshalb auch schwierig zu sagen, wie gross DOXA ist. Vor Beginn des Krieges  waren wir vielleicht zwischen 30 und 50 Personen. Aktuell werden die Artikel von Leuten aus dem Ausland publiziert. Dennoch sind unsere Mitglieder in Russland einem grossen Risiko ausgesetzt.

Wie erreicht ihr die Leute mit euren Nachrichten?

Wir sind besonders in den sozialen Medien aktiv. Auf Instagram folgen uns über 100’000 Personen, auf Telegram rund 55000. Ausserdem verschicken wir tägliche Newsletter per Mail, denn Mails sind schwieriger zu zensieren.

DOXA fokussierte sich bei seiner Gründung ursprünglich auf Themen rund um die Universität. Wie beeinflusst der Krieg die Universitäten in Russland?

In einem offenen Brief haben sich rund 200 Rektor*innen von russischen Universitäten hinter den Kurs des Kremls gestellt. Gebäude werden mit dem «Z» versehen und Gastredner*innen eingeladen, die erzählen, dass die Ukraine kein eigenes Land ist. Kritische Stimmen werden sowohl von Seiten der Regierung als auch der Uni unter Druck gesetzt. Studierende werden ausgeschlossen und die Verträge von Dozierenden nicht mehr verlängert. Aber es gibt auch Universitäten, die ihre Forschenden nicht daran hindern, sich kritisch zu äussern.

Die ganze Situation erscheint aussichtslos. Was ist deiner Meinung nach jetzt wichtig für den Umgang des Westens mit Russland?

Die Russ*innen komplett zu isolieren, halte ich für gefährlich, auch wenn ich den Impuls natürlich nachvollziehen kann. Doch das treibt sie nur noch mehr in die Arme von Putin, der ihnen genau das erzählen will: dass es für sie keinen Platz auf der Welt gibt ausser unter ihm. Vielmehr sollte den Russ*innen die Hand gereicht werden, zum Beispiel indem russischen Deserteur*innen Asyl angeboten wird. Wirtschaftliche Sanktionen, welche den Rohstoffhandel einschränken, sind ebenfalls wichtig. Doch gerade da ist der Westen zurückhaltend. 

Es gibt kein Zurück zum Status quo vor dem Krieg. Am wichtigsten ist es deshalb, dass der Westen demokratische Kräfte in Russland unterstützt, denn die gibt es. Auch beobachte ich einen Wandel bei Leuten, die Putin unterstützen. 2014 standen diese zu 100 Prozent hinter der Annexion der Krim. Heute habe ich das Gefühl, dass sie tief in ihrem Herzen wissen: Dieser Krieg ist nicht gerecht.

 

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