Willi Wottreng liest aus «Jenische Reise» an der unsichtbaren Lesung der Züri City Card am 11. Oktober 2021. Foto: Leah Süss

Die Stimme der Unsichtbaren

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Eine Lesereihe im Kulturlokal Karl der Grosse will auf marginalisierte Bevölkerungsgruppen in der Schweiz aufmerksam machen. In der zweiten Lesung ging es um die Situation der Jenischen.

Züri City Card lädt im Oktober zu einer dreiteiligen Lesereihe ins Kulturlokal Karl der Grosse ein. Der Verein, der sich für Sans-Papiers einsetzt, will so auf marginalisierte Bevölkerungsgruppen aufmerksam machen. Die zweite Lesung behandelt die Situation der Jenischen, einer nationalen Minderheit, welche die Schweizer Kultur seit jeher geprägt hat.

Geschichte von unten

Der Autor, Journalist und Politiker Willi Wottreng wurde von den Ideen der 60er Jahren geprägt. Sein literarisches Werk fokussiert sich auf die Menschen am Rande der Schweizer Gesellschaft. So möchte er Geschichten «von unten» erzählen, denn dies erlaube am besten, ausgrenzende Strukturen aufzuzeigen. In seinem neuesten Roman «Jenische Reise» skizziert Wottreng die fast tausendjährige Geschichte einer jenischen Frau, die über Europas Metropolen bis in abgelegene Täler der Schweiz reist. Die Protagonistin, Anna genannt, repräsentiert dabei die Erfahrungen eines ganzen Volkes. In Annas Worten: «Ich zeige euch die andere Geschichte Europas. Die reiche Geschichte der Armut. Die vielen Geschichten des jenischen Volkes.»

Die Geschichte der Jenischen kann wahrhaftig als eine «reiche Geschichte der Armut» bezeichnet werden. Laut dem Bundesamt für Kultur leben heute ungefähr 30’000 Jenische in der Schweiz, neunzig Prozent davon sesshaft. Die grenzüberschreitende Volksgruppe bewegte sich ursprünglich fahrend durch die Schweiz und umgebende Länder. Sie hat eine eigene Sprache, die aus deutschen, französischen und auch jiddischen Elementen besteht. Die Jenischen sind eine anerkannte Minderheit in der Schweiz und heute in allen möglichen Branchen anzutreffen, etwa als Scherenschleifer*innen, Computergrafiker*innen, Filmemacher*innen, Krankenpfleger*innen oder als Rektor*innen.

Jenische sind dabei nicht mit den Sinti und Roma gleichzustellen. Roma sind Angehörige einer Volksgruppe, die Romanes sprechen; eine Sprache, die aus der indischen Ursprache Sanskrit entstanden ist. Dieses Volk mit Wurzeln in Indien und Persien reiste seit dem neunten Jahrhundert durch ganz Europa. In der Schweiz leben zurzeit schätzungsweise 80’000 Roma, davon wiederum nur ein Bruchteil in Wohnwagen. Sinti, letztlich, hielten sich wie die Jenischen primär im mitteleuropäischen Raum auf. Sie sind aber Nachfahren von Roma und sprechen eine Form des Romanes. Die kleine Gruppe der in der Schweiz lebenden Sinti wird auch als nationale Minderheit anerkannt, ihre Mitglieder sind heute oft mit Jenischen verheiratet.

Wottreng ist 1993 als Journalist mit Jenischen in Kontakt gekommen. Seit 2014 vertritt er als Geschäftsführer des Dachverbandes «Radgenossenschaft der Landstrasse» die Anliegen der Jenischen und Sinti der Schweiz. Er erzählt, dass Jenische stark in der nationalen Kultur verankert seien. Ihre Lebensweise widerspreche dem kulturellen Stereotyp der «zügellosen Zigeuner» und könne gar als «bieder» empfunden werden. «Bezeichnend ist aber ihr Misstrauen gegenüber Institutionen wie Staat, Kirche oder Gesundheitswesen. Anders als die traditionsbetonten Roma und Sinti wirken Jenische anarchistisch.» Verschmitzt fügt er an: «Das ist ein Grund, weshalb es mich zu den Jenischen zieht.» Da die drei Volksgruppen meist sesshaft leben, werden die Bezeichnung «Fahrende» sowie die abwertend konnotierten Begriffe «Zigeuner» oder «Vaganten» heute nicht mehr verwendet. Man benennt die Gruppen bei ihrem Namen.

Eine kulturelle Minderheit mit grossem Einfluss

Seit dem Mittelalter profitierte die Schweiz stark vom handwerklichen Geschick und dem nationalen Umschlag von Handelsgütern durch jenische Familien. Auch die Schweizer Volksmusik wurde stark durch jenische Musikant*innen geformt. Im 19. Jahrhundert prägten etwa der berühmte blinde Geiger Fränzli Waser und der Klarinettist Paul «Pauli» Kollegger die Bündner Ländlermusik. Die zeitgenössischen Chansioniers Stefan und Erich Eicher, 2017 im Film «Unerhört Jenisch» porträtiert, gehen auf diese Tradition zurück. Die jenische Musik erfreute sich stets grosser Beliebtheit. Die nur mündlich überlieferten Stücke wurden oft von anderen Musiker*innen unter neuen Titeln veröffentlicht. So blieben die jenischen Einflüsse in der Schweizer Kultur lange unsichtbar.

Im öffentlichen Diskurs wurden Jenische schliesslich vor allem durch ihre Geschichte der Unterdrückung wahrgenommen. Die Schweizer Behörden versuchten seit Ende des 19. Jahrhunderts aktiv, die jenische Lebensweise zu unterdrücken. Dies unter anderem mithilfe des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse», welches 1926 von der Stiftung Pro Juventute gegründet wurde. Rund sechshundert Kinder jenischer Herkunft wurden von Vormundschaftsbehörden von ihren Familien getrennt und in Heimen, Anstalten oder Fremdfamilien platziert. Es kam gar zu Zwangssterilisationen. Als Begründung für eine Kindeswegnahme reichte eine vermeintliche Identifizierung der Eltern als «Hausierer, Kessler oder Korber». Das Programm wurde erst 1973 auf Druck von Schweizer Medien eingestellt. Zu dieser Zeit entstanden jenische Organisationen wie die «Radgenossenschaft der Landstrasse», welche seit 1985 vom Bund anerkannt und subventioniert wird.

Eine Reise durch die jenische Seele

Willi Wottreng schafft mit seiner Lesung Aufmerksamkeit für die jenische Bevölkerung. Eine Aufmerksamkeit, welche über eine Schuldaufarbeitung hinausgeht. Der Autor beschreibt seinen Roman als «eine Erzählung, wie man sie am Lagerfeuer in tausendundeiner Nacht erzählen könnte». Die fiktive Reise seiner Protagonistin zeige dabei, wie «sie liebt, leidet, kämpft, sich durchschlängelt, alle Gewerbe ausübt und so überlebt». Dies mache sie zu einer «unverwüstlichen Jenischen» und somit zu einer Metapher für die ununterdrückbare Kultur eines lange unterdrückten Volkes.

Wottreng stützt seinen Roman auf Erzählungen und Legenden von Jenischen aus seinem breiten Bekanntenkreis. Mit Einbezug von historischen Begebenheiten entsteht ein «aus tausend Fäden verwobener üppiger Teppich». Letztlich solle sein Roman nicht nur eine Geschichte über Jenische in Europa sondern auch eine Reise «durch die jenische Seele» sein. Dem positiven Anklang innerhalb und ausserhalb der jenischen Gemeinschaft nach, scheint ihm dies gelungen zu sein.

Die unsichtbaren Lesungen werden vom Verein Züri City Card organisiert, welcher einen Stadtausweis für alle Zürcher Bewohner:innen fordert – unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus. Dies soll die mutmasslich 10’000 in Zürich lebenden Sans-Papiers entlasten, welche heute «unsichtbar» und in ständiger Angst vor Kontrollen leben und so ihre Grundrechte nur unzureichend wahrnehmen können. Die Situation der Sans-Papiers ähnelt in vielerlei Hinsicht der Geschichte der Jenischen, welche Jahrhunderte lang ohne Heimatscheine in der Schweiz lebten und somit der Willkür der Behörden ausgeliefert waren. Wottrengs Schilderungen zeigen, dass unsichtbare Gruppen dennoch die Kultur eines Landes beeinflussen und diese grundlegend bereichern können.

Willi Wottrengs «Jenische Reise» ist 2020 im Bilgerverlag erschienen. Die «unsichtbare Lesung» der Züri City Card fand am 11. Oktober 2021 im Karl der Grosse statt. Den Abschluss der Lesereihe bildet Meral Kureyshi am 18. Oktober 2021 mit ihrem Roman «Fünf Jahreszeiten».

Am 28. Oktober 2021 liest Wottreng im Rahmen von «Zürich liest» erneut aus «Jenische Reise» im Museum der Radgenossenschaft der Landstrasse.

 

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