Nicht alle Studierende haben gleich gute Voraussetzungen, um von zuhause eine Prüfung zu schreiben. (Bild: Stephanie Caminada)

Die virtuelle Prüfung im Aufschwung

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Online-Leistungsnachweise haben an den Hochschulen durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen. Sie stecken aber noch in den Kinderschuhen.

Anfang 2014 sassen 780 angespannte Jus-Frischlinge der Universität Zürich vor ihren Computern, um sich in 90 Minuten anhand von 30 Multiple-Choice-Fragen testen zu lassen. Die Rechtswissenschaftliche Fakultät prüfte zum ersten Mal ein Fach in Form eines Online-Tests. Wenige Minuten nach Beginn kam der grosse Frust: «Server Error» – die vielen Zugriffe brachten das System der Prüfungsinstanz OLAT zum Einsturz. 360 Studierende mussten die Prüfung wiederholen. Trotz der technischen Panne bei der Durchführung wollte die Uni Zürich schon damals an der Online-Prüfung festhalten, zumindest für dieses eine Fach. Dass das Format sechs Jahre später unabkömmlich werden würde, konnte man da noch nicht erahnen. Was man aber schon seit Längerem weiss: Online-Prüfungen bringen der Uni Vorteile. Sie garantieren nicht nur die Durchführung von Leistungsnachweisen in Krisenzeiten wie jetzt, die digitalen Examen kosten auch weniger, man muss keine Säle oder gar Hallen – wie die Messe in Oerlikon – mieten, Aufsichtspersonal und Papier kann eingespart werden. Und die Antworten in den Prüfungen, etwa bei Multiple-Choice-Tests, werden vom Programm gleich selbst korrigiert.

Online-Prüfung zur Effizienz-Maximierung

So sind Online-Prüfungen auch eine direkte Entwick- lung der Bologna-Reform. Die einheitliche Hochschullandschaft, die diese mit sich bringen sollte, verlangt, dass die Studierenden als Grundlage für die Vergleichbarkeit Leistungsnachweise für ihre Module erbringen. Zudem steigt die Anzahl der Studis, die sich an Hochschulen einschreiben, kontinuierlich. Das führt zu einer Prüfungsflut, und mehr und anspruchsvollere Prüfungen bedeuten auch mehr Aufwand für die Dozierenden.

Für die Universitäten lohnt sich die Umstellung also durchaus. Es ist die effizienteste Form, möglichst schnell eine grosse Anzahl Studierender zu prüfen. Aber ist das das eigentliche Ziel? Sollen Studis einfach nur noch abgefertigt werden wie Fliessbandware? Online-Prüfungen zeigen einmal mehr, dass es längst nicht mehr vorwiegend ums Lernen geht, sondern dies nur ein Mittel zum Zweck ist. Lernen tut man, damit man Prüfungen besteht, Prüfungen schreibt man, um Punkte zu erhalten, und Punkte sammelt man, um diese gegen einen Abschluss einzutauschen. Es liest sich fast wie eine Beschreibung eines Gesellschaftsspiels, nur dass dieses Spiel ziemlich viel Gewicht für Studis hat.

Eine Hürde für die Chancengleichheit

Onlineprüfungen mögen effizient sein, sie bringen aber auch unfaire Verhältnisse für die Studierenden mit sich. «Rund 90 Prozent der Leistungsnachweise wurden im Herbstsemester 2020 online durchgeführt. Diese liefen sowohl aus technischer als auch organisatorischer Sicht weitgehend reibungslos ab», sagt Melanie Nyfeler, Sprecherin der Uni Zürich. Die Prüfungsumgebung der OLAT-Software habe sich als stabil erwiesen. Die Fakultäten hätten berichtet, dass negative Rückmeldungen und Einsprachen von studentischer Seite, etwa wegen technischer Schwierigkeiten, nur vereinzelt vorkamen. Thomas Gächter, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Zürich, kann das bestätigen. Aber er räumt ein: «Es ist wohl so, dass nicht alle Studierenden unter Corona-Bedingungen gleich gute Voraussetzungen haben, um zu lernen und sich vorzubereiten.»

Studierende sind selbst dafür verantwortlich, die geeignete Infrastruktur für die Durchführung von digitalen Prüfungen zu beschaffen, das schreibt die Uni Zürich vor. Dadurch stellen sich neue Hürden auf, die Gewährleistung der Chancengleichheit gerät ins Wanken. In einer Umfrage der Fachvereine SI Recht und FV Jus zur kommenden Prüfungssession, an der über 1000 Jus-Studierende teilgenommen haben, gaben 49 Prozent der Studierenden an, dass sie sich sorgten, dass ihre Internetverbindung plötzlich abbricht oder zu langsam ist, etwas mehr als 40 Prozent, dass sie Nachteile bei der Hardware gegenüber anderen Studierenden haben – es fehlt ihnen etwa an technischem Knowhow oder an gleichwertigem Equipment –, und knapp 30 Prozent fragen sich, wo sie hin sollen, um die Prüfung in einer passenden und ruhigen Umgebung zu schreiben.

62 Prozent der befragten Studis sind zudem unsicher in Bezug auf die Anforderungen und Bewertung der Online-Prüfungen und fast alle – nämlich 83 Prozent – sorgen sich, dass die Prüfungen schwieriger würden. Die Dozierenden seien deshalb dieses Mal besonders dazu angehalten, Unsicherheiten rund um die Technik und die Erwartungen an die Leistungserbringung auszuräumen, so Gächter.

Das Schummel-Problem wird überbewertet

Das Fernbleiben der Aufsichtspersonen bringt die Frage nach dem Schummeln mit sich. Einige kritische Stimmen unterstellen Studierenden im Vorhinein, bei Online-Prüfungen zu betrügen. Gächter beschwichtigt: «Wir denken, dass dieses Problem massiv überbewertet wird und dass sich die Studierenden zu stark vor den Konsequenzen fürchten.» Das wichtigste Instrument gegen Betrug seien intelligente Prüfungen. «Wenn man die Prüfung so gestaltet, dass nicht einfach auswendig gelerntes Wissen abgefragt, sondern Problemerkennung und Argumentation verlangt werden, nützt Schummeln gar nichts, sondern schadet nur, weil man damit bloss Zeit verliert.»

Sind Online-Prüfungen also die Zukunft? Bisher seien pro Semester nur ein paar wenige Online-Prüfungen von Zuhause geschrieben worden und man habe rund 15 bis 20 Prüfungen mit universitätseigenen Geräten in den Hörsälen der Uni Zürich durchgeführt, sagt Uni-Sprecherin Melanie Nyfeler. Franziska Moll von der Abteilung Studienangebotsentwicklung der Uni Zürich ist überzeugt, dass in Zukunft die Online-Prüfung als eine von vielen unterschiedlichen Leistungsnachweis-Formen an Bedeutung gewinnt und häufiger durchgeführt werde als noch vor wenigen Semestern. Da Computer in den Lernprozessen selber eine immer grössere Bedeutung gewinnen, sei es nur konsequent, dass sie auch in den Prüfungen Einzug hielten, sagt Moll.

Gächters Fakultät fällte nach dem Herbstsemester ein erstaunliches Fazit: «Es macht einen überraschend geringen Unterschied, ob in Präsenz oder online geprüft wird.» Die Resultate seien statistisch unauffällig. Unterschiede in den Prüfungen lägen nach ihrer Feststellung nicht am Prüfungsmodus, sondern am vorangehenden Online-Unterricht, der die Studierenden nicht mit der gleichen Verbindlichkeit zu erreichen scheine wie Präsenzunterricht. Prinzipiell strebe die Rechtswissenschaftliche Fakultät aber an, so bald wie möglich wieder zu Präsenzprüfungen zurückzukehren, sagt er. Wie im vorigen Jahr plant sie aufgrund der Corona-Krise aber auch die Prüfungssession dieses Frühlingssemesters mit rund 10‘000 schriftlichen Prüfungsarbeiten nochmal gänzlich ohne Präsenz-Prüfungen durchzuführen, also nur digital und online. Und das, obwohl gemäss der Umfrage der Fachvereine SI Recht und FV Jus 66 Prozent der Studierenden klar Präsenz-Prüfungen vorgezogen hätten, mit geeignetem Schutzkonzept.

 

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