Alan Vega (links) mit Martin Rev vor dem legendären New Yorker Punk-Club CBGB. (Bild: zVg)

Echo aus dem Untergrund

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Mit dem Album «Mutator» öffnen sich zum ersten Mal die Türen zu Alan Vegas Nachlass.

Ende April erschien das erste posthume Album des 2016 verstorbenen Alan Vega. Wer erst mit «Mutator» auf Vega stösst, kann sich das Album zum Anlass nehmen, tiefer in seinen Katalog zu graben. Gemeinsam mit Martin Rev bildete Vega das legendäre New Yorker No-Wave-Duo «Suicide». Als schräge, schmächtige Figuren stiegen Vega und Rev zu kaum vermuteter Prominenz im New Yorker Untergrund auf, ohne jemals ihre Rolle als Underdogs ablegen zu können. Ihr Debütalbum «Suicide» gilt als Meilenstein im Einsatz von Synthesizern und Drum-Machines. Damit steht «Suicide» für die Geburt eines neuen Genres: Electro-Punk.

Immer besser, immer dunkler

Hinter dem Erfolg des Debüts geht der restliche Katalog von Alan Vega und Martin Rev oft vergessen. Dabei gelang es ihnen auf dem 1980 erschienen «Suicide: Alan Vega and Martin Rev», ihre musikalischen Konzepte noch präziser in herkömmliche Song-Strukturen zu giessen.Mit den Jahren wurden ihre Synthies, Drums und Vegas Gesang nur noch düsterer. Beweis dafür sind die grossartigen Alben «A Way of Life» (1988) und «Why Be Blue?» (1992).

Jedes ihrer Alben verkörpert Unruhe und ein direktes Gefühl von Gefahr, sie wirken gleichsam unendlich lebendig und lebensgefährlich. Auch der Solo-Katalog des 1938 geborenen Vega kann sich sehen lassen. Auf seinen Alben der 80er-Jahre produziert er hochklassigen Elektro-Pop mit Rockabilly-Einfluss. Neben Veröffentlichungen wie «Saturn Strip» (1983) und «Just a Million Dreams» (1985) gibt es noch unzählige unbekannte Aufnahmen. Das offenbaren die «Vega Vaults», Vegas Studio-Archiv.

Brutale Songs, legendäre Balladen

Das halbstündige Album «Mutator» ist die erste Veröffentlichung aus diesem Archiv, doch weitere posthume Veröffentlichun- gen sind bereits in Planung. «Mutator» entstand gemeinsam mit Alan Vegas langjähriger Frau und Kollaborateurin Liz Lamere in seinem New Yorker Studio zwischen 1995 und 1996. So ist es auch Lamere, die gemeinsam mit Jared Artaud die «Vega Vaults» kuratiert. Das stimmt optimistisch, da Vegas Nachlass nicht – wie so oft – gierigen Manager*innen oder inkompetenten Nachkommen in die Hände fällt. Die acht Songs präsentieren die üblichen Stärken: düstere, wummernde Synthesizer, Drum Machines und Alan Vegas zittrige Stimme, mit der er performt wie ein nihilistischer Elvis.

Das minimalistische Cover zeigt ein dunkles und verschwommenes Schwarz-Weiss-Foto von Vega. Die brutalen Songs und die dystopische Ästhetik – von Albumcovern über ihre Live-Auftritte bis zu ihrem Bandnamen – machten Vega berühmt. «All the great minds of our time are dead / and Jesus fears us» singt er auf «Nike Soldier», der ersten Single von «Mutator». Zwischen solchen Songzeilen könnte man seine filigranen Balladen leicht vergessen. Legendäre Hits von «Suicide» wie «Dream Baby Dream» oder «Surrender» klingen wie post-apokalyptische Zwillinge von Presleys «Love Me Tender» oder «I Can’t Help Falling in Love».

Auch auf «Mutator» haben die Balladen ihren Platz. Auf «Samurai» und dem grandiosen Schlusspunkt «Breathe» stellen Vega und Lamere die Drum-Machines ab und hellen die Synthesizer auf, um Vegas Sprechgesang erfolgreich mit Pathos aufzuladen. Beide Songs sind zweifellose Highlights und brechen das Muster der anderen Songs, die nach dem Erfolgsrezept von Vegas aggressiver Monotonie gestaltet sind. Wie viele weitere solche Schätze liegen noch unentdeckt im Archiv? Die nächsten Veröffentlichungen aus dem Nachlass werden es zeigen.

 

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