Prosadebüt des Lyrikers Tadeusz Dąbrowski: Cover seines Liebesromans «Eine Liebe in New York» (Bild: zVg).

Ein bisschen an die Liebe glauben

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Buch Gratulation, ihr habt den Valentinstag schon überstanden. Vielleicht beim Candle-Light-Dinner mit eurem Lieblingsmenschen, wahrscheinlicher allein mit Netflix im Bett, eventuell am WG-Küchentisch, oder, ihr Ärmsten, lernend in der Bib. Die meisten von euch werden ihn nicht bemerkt haben. Ernsthaft jetzt, die Liebe geht uns auf die Nerven, oder?  Genauer: das Gerede über die Liebe, das Aufheben, das wir ein paar hundert Jahre nach ihrer Erfindung immer noch darum machen.

Trotzdem wird euch gleich ein Liebesroman empfohlen werden, und zwar das Prosadebüt des wunderbaren polnischen Lyrikers Tadeusz Dąbrowski. Wer damit gar nicht klarkommt, sollte besser nicht weiterlesen. Für alle andern: Natürlich, wir wissen, das mit der Liebe funktioniert eh nicht, ist alles soziale Konstruktion. Trotzdem denken wir den halben Tag dran. Und sicher, es ist hip zu behaupten, der neue Houellebecq, der mit dem Serotoninspiegel seiner desillusionierten Helden spielt und ein, noch fieseres Vokabular für die fortschreitende Dekonstruktion von eigentlich jedem Gefühl (ausser Selbsthass) gefunden hat, sei «total genial».

Aber mal ehrlich, wirklich genial ist es, heute einen Liebesroman zu schreiben, der weiss, dass man von der Liebe nichts mehr hören mag und ohnehin nicht mehr dran glaubt, der aber auf dieses postmoderne Allgemeinwissen einfach mal pfeift. Ein richtiger Liebesroman, mit starken Gefühlen, Sehnsucht, Annäherung, Zurückweisung, Verlangen, Demütigung, Stolz, Spiel , der quälenden Frage: Soll ich oder soll ich nicht anrufen? – und null Komma null Kitsch. Oder nur gutem Kitsch.

In aller Kürze: Der Erzähler ist ein polnischer Dichter und auf Lesereise in New York (der Titel, «Eine Liebe in New York», lässt das Schlimmste ahnen, ist aber harmlos). In der U-Bahn trifft er auf eine junge Architektin, die sehr blass und sehr schön ist und die seine Leere mit ihrer gasförmigen Präsenz ganz und gar ausfüllt. Dass unser Dichter verheiratet ist, ist ihr irgendwann doch egal. Nachdem alles Geld ausgegeben ist und mehr Alkohol nicht mehr in die Adern passt, hat er bei ihr ein neues Zuhause gefunden. Und dann verschwindet sie einfach, er sucht sie, er findet sie, das Wiedersehen ist überwältigend. Aber unser Dichter muss zurück nach Polen, sein Leben ist aus den Fugen geraten, er ist verliebt, von ihr: Keine Antwort. Ein ganzes Jahr lang. So weit, so banal.

Unser Dichter schreibt jetzt seine Liebesgeschichte nieder und macht keinen Hehl daraus, dass wir nichts anderes zu lesen bekommen als eine literarische Therapiemassnahme. Das ist uns völlig schnuppe, denn anscheinend hilft es dem Dichter, Sätze wie diese zu schreiben: «Ich warte hier ganz einfach wie ein Hund auf sein Frauchen, weil ich keine andere Wahl habe, weil ich um diese Zeit nirgends mehr hingehen kann. Weil ich mit ihr heute durch die lachsfarbene Dämmerung streichen will, weil ich sie lieben will wie ein Hund. Ich war in die Betrachtung einer vom Wind getriebenen leeren Packung Pedigree versunken, als es liebevoll, wenn auch entschieden ertönte: ‹Tad!›»

Und diese Sätze, die ebenso wahrhaftig wie cool und ebenso schön wie lustig sind, lassen wir uns auf der Zunge zergehen, von wo sie direkt in unsere Herzen sickern und dort kleine Flämmchen anzünden, die fröhlich lodern, bis wir das dünne Büchlein zuschlagen. Und vielleicht lodern sie danach noch weiter. Und wir sind irgendwie froh, dass wir wieder an die Liebe glauben dürfen, ein bisschen wenigstens.

Tadeusz Dąbrowski: «Eine Liebe in New York». Der Roman wurde von Renate Schmidgall aus dem Polnischen übersetzt und erscheint am 5. März 2019 bei Schöffling & Co.

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