Die isolierende Eigenschaft von Schnee macht eine Übernachtung bei Minustemperaturen möglich. (Bild: Nuria Tinnermann)

Ein Haus aus Schnee

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Eine Gruppe von Zürcher*innen begibt sich auf die Suche nach einem Schnee-Abenteuer ausserhalb der Stadtgrenze. Eine Reportage.

Der winterliche Shutdown drückte auf die Gemüter. Zeitvertreibe, die viele sonst durch die kalte Jahreszeit bringen, blieben grösstenteils aus. So wurde das ausgelassene Tanzen in Clubs, Diskutieren in Bars bis zur späten Stunde oder Theater- und Konzertbesuche durch andere Aktivitäten ausgetauscht: Puzzeln, Spaziergänge oder Abendessen im kleinen Kreise. Schön und gut. Neue Eindrücke und Begegnungen blieben trotzdem gänzlich weg. Ein Tapetenwechsel musste her. Da waren sich meine Mitbewohner*innen und ich einig. Kurzerhand entschlossen wir uns, die Floskel wörtlich zu nehmen und die eigenen vier Wände gegen die Kuppel eines Iglus zu tauschen. Zumindest für eine Nacht.

Gesagt, getan

Einige Wochen und viel Vorbereitung später sitzen wir im Postauto Richtung Averstal in Graubünden. Der Bus schlängelt sich langsam die Passstrassen entlang, bis er in Juf einfährt, Endstation und höchstgelegene dauerhaft bewohnte Gemeinde Europas. Als wir aus dem Postauto steigen, blendet die Sonne. Es ist überraschend warm. Einzig die ungeheuren Schneemassen, die uns umgeben, lassen uns den Winter und die wartende Kälte nicht vergessen. Mit prall gefüllten Rucksäcken beginnen wir den Berg zu erklimmen. Samt zig Kleiderschichten, Kochutensilien, abgepackten Mahlzeiten, Lawinenausrüstung und Schlafzubehör auf dem Rücken sehen wir von Weitem aus wie Schildkröten im Skianzug, die sich im Zickzack den Hang hinaufbewegen. Nach 400 Metern Aufstieg befinden wir uns in Gipfelnähe.

Eine Frage der Technik

Die Bergspitzen um uns herum stechen in den Himmel, wir sind umgeben von Schneedünen und bis auf vereinzelte Skifahrer*innen allein in der weissen Wüste. Wir halten Ausschau nach einem geeigneten Bauplatz, werden fündig und beginnen zu graben. Schnee fliegt durch die Luft und wird in alle Richtungen katapultiert. Abwechselnd wird geschaufelt und aus Schnee Wasser und Tee gekocht.

Ziel ist es, vom unteren Ende des Hanges ein Tunnel zum oberen Loch zu graben. Das untere wird zum Iglu-Eingang, das obere Loch wird am Ende mit Schneeklötzen zugedeckt. Diese Voraussetzung bildet die Grundlage eines Iglus und bedient sich eines altbekannten Konzepts aus der Physik: Wärme steigt auf. Das und die isolierende Eigenschaft von Schnee machen eine Übernachtung mitten im Nirgendwo bei Minustemperaturen möglich. Ob und wie ein Iglu gebaut werden kann, hängt jedoch vor allem von der Lage und der Konsistenz des Schnees ab.

Wie auf einer Miniatur-Baustelle wuseln wir herum und teilen die Aufgaben auf: Schneeblöcke sägen, Schneeblöcke tragen, die Blöcke platzieren und zuschneiden.

Wer das Wort «Iglu» hört, hat meist das Bild einer Halbkugel aus backsteinförmigen Schneeklötzen vor Augen. In Tat und Wahrheit bezeichnet das Wort Iglu aber keine bestimmte Bauart. Denn in der indigenen Sprache Inuktut bedeutet Iglu nicht mehr als «das Haus». Die indigenen Völker der Arktis, die Inuit, praktizierten das Schneehaus-Bauen über Jahrtausende. Heutzutage werden sie teilweise noch als temporäre Jagdunterkünfte und an kulturellen Anlässen gebaut.

Das Wort Iglu bezeichnet keine spezifische Bauart, sondern bedeutet auf die indigenen Sprache Inuktut lediglich «das Haus». (Bild: Nuria Tinnermann)

Auch in diversen alpinen Regionen Europas wurden Versionen des Iglus übernommen und kommerzialisiert. So profitiert beispielsweise ein Schweizer Tourismusunternehmen durch den Bau von Iglu-Hotels und hält den Guinness-Rekord für das weltgrösste Iglu. Schnell geht vergessen, dass es sich dabei um ein tausendjähriges Kulturgut handelt. Auch ich denke erst im Verlauf des Tages daran und stelle mir vor, wie eine Nacht im Iglu in der Arktis ohne die ganzen Outdoor- Ausrüstung hätte aussehen können. Kalt, wahrscheinlich.

Endspurt

Mittlerweile sind vier Stunden vergangen, seit wir zu schaufeln begonnen haben. Die Sonne geht langsam unter. Wir sind noch weit entfernt von einem geschlossenen Schlafplatz. Uns wird bewusst: Wenn wir nicht wieder umkehren wollen, liegt noch viel Arbeit vor uns. Die Stimmung wird ernster, Stirnlampen werden montiert. Wie auf einer Miniatur-Baustelle wuseln wir herum und teilen die Aufgaben auf: Schneeblöcke sägen, Schneeblöcke tragen, im Schneeloch stehen, die Blöcke platzieren und zuschneiden, Wasser kochen. Stunden vergehen, es wird kälter. Wir versuchen uns mit lauwarmem Wasser und Snacks bei Laune zu halten. Irgendwann zwischen neun und zehn Uhr abends erklingt ein Jauchzen. Das Schneehaus steht. Kurz darauf sitzen wir zusammengedrängt um den Gaskocher im Innern des Iglus und warten zufrieden und erschöpft auf Fertigbeutel-Gerstensuppe.

Es ist Sonntagmorgen. Müde Augen blinzeln aus den Schlafsäcken. Wir haben bis 10 Uhr geschlafen. Eine feine Schicht Schmelzwasser überzieht die Iglu-Wände. Sonnenstrahlen leuchten durch die Ritzen der Schneeblöcke über uns. Die hektische Baustellenstimmung des Vortages ist weit entfernt. Vereinzelt trauen wir uns wieder aus dem Schneehaus, das uns für die Nacht unter seine Fittiche genommen hat. Die Schneewüste, die uns gestern noch bedrohlich beissende Kälte entgegensandte, strahlt uns heute Morgen unschuldig entgegen, als ob nichts gewesen wäre.

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