Ein Hoch auf den Nachtzug

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Was wäre, wenn – Grüne, gelbe, braune Farben ziehen am Zugfenster vorbei. Im TGV schrumpft die Schweiz, Europa, die Welt in sich zusammen. Noch kleiner wäre sie, wenn sich die Reisezeit nicht wie momentan vorwiegend auf den Tag beschränken würde. Einsteigen in Zürich, einmal kurz die Augen schliessen und schwups öffnet man sie in Amsterdam, Moskau, Barcelona. Lange war ein europaweit gut erschlossenes Nachtzugnetz nichts weiter als eine weit entfernte Zukunftsvision, mittlerweile scheinen wir uns dieser Utopie jedoch anzunähern, wenn auch bei weitem nicht im TGV-Tempo.

Während des letzten Jahrzehnts wurden Nachtverbindungen, ohne dabei gross Aufsehen zu erregen, Schritt für Schritt abgeschafft. Der Aufschwung der Klimabewegung liess Zugreise- Enthusiast*innen in den letzten Jahre jedoch neuen Mut fassen, mit ihren Forderungen vor die Politik zu treten. So sollen Barcelona, Amsterdam, Hamburg und Berlin bis spätestens 2024 wieder im Schlaf von Zürich aus erreichbar sein. Und das ist erst der Anfang. Die Grünen in Deutschland veröffentlichten letzte Woche im Rahmen ihrer Bahnstrategie ihren Fünf-Punkte-Plan für ein europäisches Nachtnetz: Dieser fordert unter anderem benutzer*innenfreundlichere Buchungsplattformen, faire Wettbewerbsbedingungen zwischen Flugzeug und Schiene und beinhaltet bis zu 40 Nachtzuglinien.

Würde dieses Nachtschienennetz in Kombination mit einer angemessenen Kerosinsteuer und einem Flug-Kontingent morgen verwirklicht werden, würden wir uns radikal anders fortbewegen. «Langsam Reisen» wäre kein Begriff mehr, der etwas ausserhalb der Norm benennt, sondern der Standard. Mehr Ferien, Sabbaticals und Fernarbeit würden zur Normalität und ermöglichten längere Reisen. Mit dem Flugzeug würde nur noch in aussergewöhnlichen Situationen gereist, das würde aber niemanden stören, denn die Zugreise an sich wäre zum besonderen Erlebnis geworden.

Bahnhöfe würden zu Begegnungsorten transformiert. Sie wären mit betreuten Spielplätzen, Wohnzimmern und Sportzentren ausgestattet und wären ein zentraler Bestandteil des interkulturellen Austausches geworden. Und was wäre mit den Flughäfen? Ein paar blieben noch übrig, die meisten würden aber zu gemeinnützigen Orten umgenutzt: Freizeitpärke, Wohnraum, Konzertlokale, Indoor- Gemüseanbau und es gäbe dort sogar Museen, die jüngeren Generationen die Geschichte des fossilen Zeitalters erzählten.

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