Klein wie eine Postkarte: "Das Gramm" enthält nur eine Kurzgeschichte pro Ausgabe. (Bild: zVg)

Ein Monatsabo für Literatur

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Das Literaturmagazin «Das Gramm» will Kurzgeschichten unter die Leute bringen.

Die Zukunft der Bücher sieht nicht rosig aus: Die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen reicht abends nur noch für Katzenvideos auf Social Media und kaum mehr für die Lektüre eines Romans. Haben Instagram und Memes das Lesen abgelöst? «Nein», sagt Patrick Sielemann, hauptberuflich Lektor beim Verlag Kein & Aber. «Viele Leute wollen mehr lesen, aber sie finden schlicht die Zeit dazu nicht.» Und wer sich die Zeit nehme, werde vom Überangebot des Büchermarktes in die Flucht geschlagen. Denn selbst für Branchenkenner*innen sei es unmöglich, den Überblick zu behalten.

Genau hier will sein neues Literaturmagazin «Das Gramm» ansetzen. «Dass heute weniger gelesen wird, ist eine Frage des Zugangs. Darum will ich mit dem Magazin Hürden abbauen», sagt Sielemann.Das Erfolgsrezept? Weniger ist mehr.

Ein Abo wie bei Spotify und Netflix

«Das Gramm» soll mit 10 mal 14 Zentimeter sehr schlank werden, so klein wie eine Postkarte. Und mit einer einzigen Kurzgeschichte soll der Inhalt des Magazins genauso schlank werden. Die Schreibenden, altbekannte sowie neue Autor*innen, sollen in ihrer Themenwahl frei sein. Den Abonnent*innen wird das Magazin alle zwei Monate nach Hause geliefert. Eine Online-Version ist nicht vorgesehen. Was unzeitgemäss erscheint, hält Sielemann für eine Stärke: «Das Abonnement-Modell hat grossen Zulauf bekommen, man denke nur an Spotify oder Netflix.» Wenn das Heft gedruckt vorliege und es nur eine Geschichte enthält, würde es auch eher gelesen. Für sein Ein-Mann-Projekt war Sielemann auf finanzielle Starthilfe angewiesen. Über «wemakeit» startete er ein Crowdfunding und hatte Erfolg: Eine Woche vor Ablauf der Frist waren die benötigten 9’000 Franken erreicht.

«Das Gramm» folge mit einer einzigen Kurgeschichte pro Ausgabe dem Konzept des erfolgreichen amerikanischen Vorbildes «One Story». Sielemann erfuhr von diesem Magazin vor einigen Jahren während eines Aufenthalts in New York. Das Magazin gibt es seit mehr als fünfzehn Jahren. Sielemann, der bei Literaturagenturen in London und Zürich gearbeitet hat, überzeugt: «Dieses Modell braucht es auch im deutschsprachigen Raum.»

Unterhaltsam statt poetisch

Doch was macht eine gute Kurzgeschichte aus? Für Patrick Sielemann muss sie unterhaltsam sein. «Das Schreiben einer Kurzgeschichte ist eine hohe Kunst, jedes Wort muss sitzen. Die Texte, die mich interessieren, nehmen die Leser*innen begleitend bei der Hand.» Sielemann liest oft Texte in Literaturzeitschriften, die einen hohen poetischen Anspruch hätten und sehr atmosphärisch seien. «Diese Texte haben alle ihre Berechtigung», räumt er ein, «mich langweilen sie aber zum Teil.»

So gehe es auch dem breiten Lesepublikum, das zeigten die Verkaufszahlen. Geschichten im Stil von Martin Suter, die ernste Themen auf unterhaltsame Weise bearbeiten, ohne dabei banal zu sein, würden von der breiten Masse viel gelesen. Renommierte Literaturpreise vernachlässigten solche Texte – ein Missverhältnis. «Das Gramm» möchte sich der Nachfrage des breiten Lesepublikums annähern. «Das soll nicht bedeuten, die Leute vor ‹Bauer sucht Frau› zu setzen, sondern sie auf eine unterhaltsame Weise zu fordern und neue Perspektiven aufzuzeigen.»

Mittlerweile ist die offizielle Webseite des Literaturmagazins aufgeschaltet. Die erste Ausgabe erscheint im Januar 2021, die Abonnent*innen dürfen sich auf «Die Übungen» vom mehrfach ausgezeichneten Autor Clemens J. Setz freuen.

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