Dušan Kojić, Bassist von Disciplin A Kitschme, bei einem Konzert 2018. (Bild: Marin Stojanovic)

Ein musikalisches Erdbeben

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Das einflussreichste jugoslawische New-Wave-Album «Paket Aranžman» jährt sich zum 40. Mal.

Das 1981 veröffentlichte Album revolutionierte die jugoslawische Musikszene und trug zur Entstehung einer der grössten New-Wave-Szenen Europas bei. Das Werk ist eine kollaborative Liedersammlung von drei Gruppen – VIS Idoli, Električni Orgazam und Šarlo Akrobata – und vereint Ska-Punk im Stil von The Clash mit dem Post-Punk von Joy Division und dem New Wave der Talking Heads. Innerhalb einer Nacht wurde die ganze Rockszene Jugoslawiens auf den Kopf gestellt. Das Album wurde ein Jahr nach dem Tod des Staatsoberhauptes Josip Broz Tito veröffentlicht, welcher das Land 35 Jahre lang zwischen Ost und West balancierte. Die Bewohner*innen Jugoslawiens genossen im Sozialismus Privilegien, von welchen die Bürger*innen der Sowjetunion nur träumen konnten. So gab es Coca-Cola und Jeans in den Supermarktregalen und freies Reisen nach Ost und West. Man hatte kein schweres Leben, solange man die Partei und Tito nicht kritisierte.

Neue musikalische Inspirationen

Nach dessen Tod 1980 wurde die Musik von Bands wie den Sex Pistols zum ersten Mal per Radio gesendet. Dies motivierte damals die Jugendlichen, selbst die Gitarren in die Hand zu nehmen. «Haustor», «Azra» und «Film» aus Zagreb waren damals weitere wichtige Vertreter*innen der Musikszene. Die VIS Idoli leisteten einen enormen Beitrag zum Album mit den Liedern «Maljčiki» («Jungs»), «Schwüle über Europa», «Amerika» und «Plastika». «Maljčiki» macht sich lustig über den Realsozialismus, indem es die sowjetische Volksmusik imitiert und leninistische Reden parodiert.

Das amüsante «Schwüle über Europa» wird auf Deutsch gesungen, jedoch von Leuten, die kein Deutsch können. Auch nach dem Album «Paket Aranžman» hatten Vis Idoli grossen Einfluss in der jugoslawischen Musikszene, insbesondere mit dem Album «Odbrana i poslednji dani» («Abwehr und die letzten Tage»). Šarlo Akrobata’s Song «Ona se budi» («Sie wacht auf») behandelt die Entfremdung der Jugendlichen im Jugoslawien der 80er und unterlegt seinen Punk mit einem Reggae-Beat. «Oko moje glave» («Um meinen Kopf herum») erinnert mit seinem nervösen Art-Punk an die Talking Heads, «Niko kao ja» («Niemand wie ich») hingegen an den Ska von Gruppen wie «Madness».

Einflussreich bis in die Gegenwart

«Niko kao ja» war so ikonisch für diese Zeit, dass das Lied Eingang in zahlreiche Dokumentarfilme über die neue Welle in Jugoslawien gefunden hat. «Šarlo Akrobata» existierte nicht lange, aber die Mitglieder gründeten ihre eigenen Bands wie Milans «EKV» und Kojas «Disciplina Kiĉme», welche die grössten Erfolge in den der westlichen Musikszene erreichen konnten. Elektriĉni Orgazam waren die Punker der drei Bands. Lieder wie «Zlatni Papagaj» («goldener Papagei»), machten sich über die Elite der Belgrader Gesell- schaft lustig und «Vi» («Ihr») handelt von der Entfremdung des Menschen in der modernen Welt. «Elektriĉni Orgazam» ist von den drei Bands, die das Album aus «Paket Aranžman» formten, die einzige, die heute noch spielt.

40 Jahre danach klingt das Album immer noch frisch. Es erzählt die Geschichte von jugendlichem Aufbruch und ist heute so aktuell wie damals. Bei belgradischen Bands neuer Generationen, wie etwa «Repetitori» oder «Straight Mickey and the Boyz», kann man den Einfluss dieses Albums spüren. «Paket Aranžman» ist bis heute ein wichtiger Teil der Belgrader Kultur und liefert einen umfassenden Einblick in die Musikszene während des Sozialismus.

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