ZS-Alumna Nina Kunz hat ihre Kolumnen für ein Buch zusammengetragen. (Bild: Goran Basic)

Ein Nachschlagewerk für die diffuseren Emotionen im Leben

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«Ich denk, ich denk zu viel» ist ein kleiner Band von Texten, welche mehrheitlich aus der Kolumne «Lexikon der Gegenwart» stammen, die ZS-Alumna Nina Kunz regelmässig für das Magazin vom Tages-Anzeiger schreibt. Mit dem Titel dieser Rubrik ist nicht zu viel versprochen, denn das Buch liest sich wie ein Nachschlagewerk für die diffuseren Emotionen im Leben.

Am Anfang jedes Textes stand ein Gefühl des Unbehagens. Diesen Gefühlen einen Namen zu geben und sie zu ergründen, sei ihr Ziel gewesen, erklärt Nina Kunz in ihrer Lesung am Deutschen Seminar. Entstanden sind kurze Explorationen grosser Fragen: Wie gehen wir mit Fehlern um? Was heisst Familie? Ist das Leben nicht zu kurz, um so grosse Teile davon in unserem Instagram-Feed zu verbringen?

Trotzdem ist die Lektüre nicht schwerfällig. Die Sätze sind kurz und prägnant und die Leserin erkennt sich leicht in den Texten wieder. Und das obwohl es sehr persönliche Erfahrungen und Empfindungen sind, die Nina Kunz teilt. So schreibt sie in einem ihrer Texte darüber, wie es ist, den eigenen Vater erst als erwachsene Frau kennenzulernen.

Dabei schafft sie es, detailliert über die eigenen Gefühle und inneren Zerwürfnisse zu berichten, ohne egozentrisch zu wirken. Bestimmt auch, weil jeder Text andere Autoritäten zitiert, die sie in der Analyse unterstützt haben. Diese reichen von Jean-Paul Sartre bis hin zu ihrer eigenen Grossmutter.

In jeweils weniger als elf Seiten nuancierte Schlussfolgerungen zu ziehen, ist schwierig. Aber die Abwesenheit konkreter Antworten stört nicht. Kunz stellt die Konzepte kluger Köpfe vor und zieht daraus, was sie persönlich brauchen kann. Sie erklärt wissenschaftliche Begriffe wie Arrival Fallacy, um dann daraus einen eigenen Wunsch zu formulieren: Einzusehen, «dass das Glück kein planbares Ziel ist, sondern ein Gast, der vorbeikommt, wenn man es am wenigsten erwartet. Und Campari mitbringt.» So zerfällt die Grenze zwischen gesellschaftlichen Phänomenen und individuellen Empfindungen.

Dem Anspruch, mit ihren Texten eine Diskussion über strukturelle Lösungen anzustossen, wird sie gerecht. Dank dem Literaturverzeichnis am Ende können begeisterte Leser*innen sich weiter in die vorgestellte Materie einlesen.

Wer, wie Nina Kunz die Sorge kennt, das Leben im Internet zu verschwenden, greift das nächste Mal in der Lernpause zu diesem Buch anstatt zum Smartphone. Es lenkt viel nachhaltiger ab als so manche verfluchte App.

«Ich denk, ich denk zu viel» ist am 16. März bei Kein & Aber erschienen.

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