Es gibt etwa 530 Studentenverbindungen in der Schweiz, aber nur vier Studentinnenverbindungen. Bild: Jens Meyer/Keystone

Es gibt etwa 530 Studentenverbindungen in der Schweiz, aber nur vier Studentinnenverbindungen. Bild: Jens Meyer/Keystone

Eine schwindende Tradition

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Bei Studentenverbindungen hat sich einiges getan. Wie steht es um die Popularität und den politischen Einfluss?

Seit 1864 sind Frauen an der Uni Zürich zum Studium zugelassen, weitere Schweizer Hochschulen folgten später. Nach der Öffnung für Studentinnen wurde im Jahr 1906 die erste Studentinnenverbindung, auch Damen- oder Frauenverbindung genannt, in der Schweiz gegründet, die mittlerweile nicht mehr aktiv ist. Historiker und Zofingia-Verbindungsmitglied Ronald Roggen stellt fest, dass sich Studentenverbindungen mit ihren eigenen Traditionen im Weg stehen, sich für weibliche Mitglieder zu öffnen. Obwohl der Vorschlag, Damen aufzunehmen, immer wieder aufkomme, seien eher die jungen Aktiven gegen eine Öffnung. Roggen vermutet, dass sie sich «das alte Idealbild einer Männerverbindung bewahren möchten».

Heutzutage gibt es schweizweit rund 530 Herrenund geschlechtergemischte Verbindungen, jedoch nur vier Damenverbindungen. Sie wurden zwischen 1999 und 2012 gegründet und verteilen sich auf die Städte Bern, Neuchâtel, St. Gallen und Zürich. Wie ihre rein männlichen oder gemischten Pendants betonen auch die weiblichen Verbindungen auf ihren Webseiten, dass es insbesondere um Freundschaft, den Aufbau eines Netzwerks, Wissenschaft und Tugend gehe. Auch sie treffen sich regelmässig zum Stamm und zu gemeinsamen Aktivitäten. Dazu gehören etwa Workshops, Gastvorträge und Sportveranstaltungen. Doch auch alkohollastige Unternehmungen wie Brauereiführungen, Apéros oder Schnaps-Degustationen stehen an der Tagesordnung. Dennoch wehren sich Damenverbindungen wie die «Auroria Bernensis» gegen Klischees. Die Frauenverbindung aus Bern war die einzige, die für ein Interview bereitstand. Désirée Ryf, die dort Mitglied ist, möchte nicht «in denselben Topf des konservativen hierarchischen (Betrunkenen-)Nepotismus geworfen werden». Stattdessen lege ihre Verbindung Wert darauf, «sich weiterzuentwickeln, Traditionen zu hinterfragen und aufzubrechen, dass es für die Frauen* dort stimmt». So engagierten sich die Mitglieder etwa am Frauenstreik 2019. Auch entschieden sie sich gegen die Mensur, eine Art studentisches Fecht-Duell. Zudem sei die Verbindung weder religiös, noch einer Partei zugehörig und stehe auch für trans- und intersexuelle Menschen offen.

Zulauf unterliegt Denkmoden

Laut Roggen sei der Eintritt in eine Verbindung auf verschiedene Motivationen zurückzuführen. So sei er selbst eingetreten, um von Personen diverser Studienrichtungen umgeben zu sein und «um breiter aufgestellt zu sein». Zudem sei es attraktiv, dass sich Verbindungsmitglieder gegenseitig unterstützen, sogar über das Studium hinaus. Die Verbindungen lockern das Leben auf, indem sie den Studierenden Ablenkung vom Büffeln bieten und sie somit auch mal anderen Aktivitäten nachgehen. Weiter helfen sie berufliche und politische Karrieren aufzubauen, indem Mitglieder Kontakte knüpfen können, die im Berufsleben hilfreich sein können.

Dennoch lastet Verbindungen ein verstaubtes Image mit altmodischen Traditionen an. Das Interesse lässt nach, Verbindungen im Inland und dem deutschsprachigen Ausland beklagen einen Mitgliedermangel. Zwar erzählt Roggen, dass Austritte eine Seltenheit seien, doch der Zulauf unterliege ständigen Auf- und Abbewegungen. «Es gibt Denkmoden, dass es mal mehr oder weniger trendy ist, in eine Verbindung einzutreten. Auch die Coronapandemie haut ziemlich rein, denn eigentlich leben Verbindungen von der physischen Präsenz der Mitglieder », erklärt Roggen die aktuellen Entwicklungen. Betroffen von den Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden, seien insbesondere jene Verbindungen, die in kleineren Städten, wie zum Beispiel Fribourg, angesiedelt sind. Grössere Verbindungen, etwa in Bern oder Zürich, hätten selten solche Probleme.

Fokus auf politische Tradition

Die Gründung der Zofingia resultierte aus einer Zusammenkunft von Berner und Zürcher Theologiestudenten, deren Ziel die Gründung des Bundesstaats war. So sollen sie beim ersten Verbindungstreffen 1819 in Zofingen gerufen haben: «Wir wollen keine Berner sein, wir wollen keine Zürcher sein, wir wollen Schweizer sein!», erzählt Roggen. Das politische Interesse und Engagement innerhalb seiner Verbindung seien stets hoch gewesen, sodass Mitglieder seit 1848 an der Bundesverfassung der Schweiz mitwirkten; selbst bei der heute geltenden. Auch Bundesräte stellte die Verbindung regelmässig. Seit 1848 gehörten 22 Bundesräte der Zofingia an. Laut Roggen fokussiere sich die Verbindung auch auf die Heimat, auf «Patria». Folglich möchten die Verbindungsmitglieder über die Grenzen der Verbindung hinaussehen, nämlich über die ganze Schweiz. Nichtdestotrotz meint Roggen, dass das Gros der Studentenverbindungen heutzutage «eher unpolitisch» sei.

Was hat sich ansonsten geändert? Während es im 19. Jahrhundert Standard war, die Mensur zu schlagen, befinden sich Verbindungen heute laut Roggen im Modernisierungs- und Liberalisierungsprozess. So sei die Mensur bei der Zofingia längst verboten und mitunter das Tenue, die Kleiderordnung, erleichtert worden. Zudem erklärt Roggen, dass der Comment, also das Regelwerk für das Miteinander in der Verbindung, «nicht mehr so altväterisch und ernst, sondern mehr gespielt» sei. Sitten wie einen Trinkzwang gebe es in seiner Verbindung nicht mehr, in anderen noch vereinzelt. Trotz der schrittweisen Modernisierung sind Verbindungen weiterhin männerlastig.

Für viele Studierenden kommt ein Eintritt in eine Verbindung nicht in Frage. So sind lediglich zwei Prozent der Studierenden an Schweizer Hochschulen Mitglied in Verbindungen. Doch heutzutage gibt es weitere Möglichkeiten für Studis, die mit anderen Studierenden zusammenkommen möchten. Alleine an der Uni Zürich gibt es rund 120 studentische Organisationen, die sich mit unterschiedlichen Inhalten und Zielen befassen. So gibt es etwa Sportvereine, Alumnivereine, Assoziationen für Studierende unterschiedlicher Herkunft, Zeitschriften mit verschiedenen politischen Ansichten und Vereine für Transsowie Queer-Personen. Im Gegensatz zu den stark hierarchisch organisierten Verbindungen sind diese weniger strikt organisiert, der Eintritt ist einfacher und die Interessierten müssen keine Aufnahmeverfahren mit Bewährungsproben absolvieren.

Fortbestand der Verbindungen

Auf die Frage, ob Verbindungen in Zukunft fortbestehen werden, verweist Roggen auf die Geschichte der Zofingia: «In unserer 200-jährigen Verbindungsgeschichte ist die Zofingia nie gefährdet gewesen. Es gab zwei Weltkriege und einen Generalstreik. Sie hat trotzdem bestanden.» Dennoch sei es durchaus möglich, dass Verbindungen «weggefegt» werden.

Studentenverbindungen sind mittlerweile politisch unbedeutender als zu ihren Gründungszeiten. Auch das dort gelebte Bild einer Männergesellschaft ist nicht mehr zeitgemäss. Daher könnte der Mitgliederschwund fortschreiten und andere Hochschulvereine, die etwa liberal, modern und divers sind, an Zulauf gewinnen. Studentinnenverbindungen scheinen aufgrund ihrer kürzlichen Gründung weniger traditionsbelastet und daher offener für neue Entwicklungen zu sein als Männerverbindungen. Dennoch ist fraglich, ob Frauenverbindungen sich aus der Rolle des Nischenphänomens lösen können.

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