Streamingdienste verdrängen die Kinos. (Illustration: Chazar Akmali Khajouie)

Erkrankte Kinos

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Während Netflix boomt, haben es die Filmtheater schwerer denn je. Schaffen sie es aus der Krise oder werden die Säle dauerhaft leer bleiben?

Wie alle Kulturbereiche sind auch Kinos stark von der Pandemie betroffen. Und wie so viele andere können nur noch Kurzarbeit, Ausfallsentschädigungen und strenge Sparmassnahmen die Kinobetriebe am Leben erhalten. Die Öffnungen im vergangenen Sommer und Herbst entpuppten sich als eine wenig erfolgreiche Therapie. Denn die Einschränkungen der Anzahl Besucher*innen und die limitierenden Konsumationsverbote machten ein rentables Geschäft zu einer Sache der Unmöglichkeit.

Der Dachverband der Schweizer Kinos, ProCinema, verzeichnet für 2020 erschütternde Werte: Rund 8 Millionen weniger verkauften Karten als 2019 und ein Umsatzrückgang von 65%. Seit Anfang Dezember stehen die Filmsäle wieder völlig leer und so liegt die Branche erneut flach. Mit fortschreitenden Impfaktionen träumen viele von Lockerungen für Kulturbetriebe. Doch die Kinobranche war schon vor der Pandemie stark angeschlagen, ob sie sich nun von der Covid-19-Infektion vollständig erholen kann, wird sich zeigen.

Krankheitserreger sind die Internet-Giganten

Schon seit den 1980er Jahren kämpfen Filmtheater mit einem stetig schwindenden Publikum. 2019 verzeichneten die Schweizer Kinos dann mit 12,5 Millionen verkauften Karten das zweitschlechteste Ergebnis seit fast vier Jahrzehnten. Doch Kino ist nicht gleich Kino. Prinzipiell betreffe dieser Abwärts-Trend zwar alle Kinos, aber «Mainstreamkinos sind von dem Rückgang aufgrund von Streaming-Angeboten schwerer  betroffen, als der Arthousekino-Sektor» erklärt Frank Braun, Programmleiter der Zürcher Kinos Riffraff und Houdini und des Bourbaki in Luzern. Kulturkinos bleiben mit ihrem tendenziell älteren Publikum trotzdem nicht unverwundet: «Auch bei dieser weniger streaming-freudigen Gruppe hat während der Pandemie die Zurückhaltung abgenommen, sich Filme auf diesem Weg anzuschauen», so Braun.

Video-on-demand-Anbieter wie Netflix hingegen sind auf einem Höhenflug. Laut dem britischen Vergleichsdienst Comparitech wird Netflix gemäss Haushaltsbefragungen von 1,8 Millionen Schweizer*innen genutzt, fast einem Viertel der Bevölkerung also. Auch andere Anbieter konnten zulegen. Cinefile, ein Streaming-Portal mit starkem Fokus auf Independent-Filme, konnte während Hochzeiten letzten Jahres laut Eigenangaben seine Anzahl an Abonnements  versiebenfachen. Diese Entwicklungen verstärken die Sorgen um ein Überleben der Kinobranche und beschäftigen auch Frank Braun: «Zunächst einmal ist es eine gute Nachricht, denn es bedeutet, dass es eine riesige Nachfrage nach Filmen gibt. Ob Kinos wirklich wieder das Publikumsniveau erreichen wie vor der Pandemie, ist allerdings ungewiss.»

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Dennoch lässt sich Braun den Optimismus nicht nehmen. Man solle aufhören, VOD-Anbieter als Konkurrenzprogramme zu betrachten, wenn sich Streaming und Kino doch gerade ergänzten. «Nur weil ich eine Küche habe, bedeutet das doch auch nicht, dass ich kein Restaurant mehr besuche.» Ob sich Kinos in der ferneren Zukunft jedoch als Alltagsangebot halten können, oder sich schliesslich in Form unregelmässiger Filmevents und mittels Subventionen etablieren müssen, kann der Programmleiter nicht sagen. Kurzfristig lässt sich, wie der Branchenverband in seinem Bericht für das Krisenjahr 2020 schrieb, nur hoffen,  «dass die staatlichen Hilfen solange fortgeführt werden, bis ein normaler Kinobetrieb unter dauerhaft stabilen Umständen wieder möglich ist». 

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