Belästigung im Nachtleben ist ein Problem. Das Podium im Labor5 hat mögliche Lösungsansätze diskutiert. Bild: Sarah Melillo

Belästigung im Nachtleben ist ein Problem. Das Podium im Labor5 hat mögliche Lösungsansätze diskutiert. Bild: Sarah Melillo

«Es braucht eine echte Sensibilisierung»

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Die Stadt führt zurzeit eine Kampagne gegen sexuelle Belästigung. Ein Podium hat die Situation im Nachtleben analysiert.

Am 9. November fand im Labor5 eine Podiumsdiskussion der Stadt Zürich über Belästigung im Nachtleben statt. Darin debattierten bekannte Persönlichkeiten der Zürcher Ausgangsszene darüber, wie sexuelle, sexistische, homo- und transfeindliche Übergriffe verhindert werden könnten. Unter den Sprecher*innen waren etwa der Geschäftsführer der «Bar & Club Kommission Zürich», der Mitinhaber der Clubs Klaus und Heaven und eine Awareness-Trainerin. Am Ende des Abends war man sich einig: Es muss mehr Bewusstsein geschaffen werden.

Meldungen von Belästigungen nehmen zu

In einer Bevölkerungsumfrage von 2019 gaben ein Drittel der befragten Frauen und 11 Prozent der Männer zwischen 18 und 29 Jahren an, im letzten Jahr auf der Strasse oder in Bars und Clubs belästigt worden zu sein. Diese Erkenntnisse bewegten die Stadt dazu, eine Kampagne gegen sexuelle Belästigung unter dem Namen «Zürich schaut hin» aufzugleisen. In deren Rahmen wurde vergangener Mai ein Online-Meldeportal aufgeschaltet, das eine anonyme Meldemöglichkeit bei jeglichen Übergriffen bietet. Heute gehen durchschnittlich fünf Meldungen pro Tag ein.

«Es braucht eine echte Sensibilisierung », erklärte Karin Rykart, Sicherheitsvorsteherin der Stadt, bei der Eröffnungsrede des Podiums. Denn der Grat zwischen Flirt und Belästigung sei schmal, vor allem unter Alkoholeinfluss. Doch sich auf eine einheitliche Definition von Belästigung zu einigen, ist nicht immer einfach. Dies zeigte sich etwa an den Publikumsreaktionen am Podium, als Schauspieler*innen eine Bar-Szene aufführten. Während einige das Ansprechen einer Frau mit «Prinzessin» als harmlos empfanden, schüttelten andere vehement den Kopf.

Probleme proaktiv thematisieren

Alain Mehmann, Mitinhaber der Clubs Klaus und Heaven, erläuterte: «Nicht alle nehmen bestimmte Situationen gleich wahr. Zudem sind die Leute ab Mitternacht hemmungsloser und konsumieren auch mehr Alkohol.» Zentral sei daher die Türpolitik. «Im Heaven versuchen wir, so offen wie möglich zu sein. Im Klaus wird etwas expliziter und stärker selektioniert. Dies erlaubt es, eine etwas familiärere und rücksichtsvollere Atmosphäre zu schaffen.» Erzeugt werde diese, indem offensichtlich berauschten oder ausfälligen Gäst*innen der Eintritt verweigert werde.

Respekt und gegenseitiges Vertrauen soll dabei auch unter Club- Mitarbeiter*innen gelebt werden.  Sofia Valderrama vom Gastra-Kollektiv, das sich für Rechte von Frauen, Inter-, Non-Binary- und Transpersonen in der Gastronomiebranche einsetzt, fordert: «Auch Mitarbeiter*innen sollen einen geschützten Arbeitsraum haben. Es soll ein Vertrauensverhältnis geschaffen werden, das uns erlaubt, Vorfälle zu melden.» Sie wünscht sich, dass das Thema Belästigung proaktiv in jedem Betrieb thematisiert wird, damit sich Mitarbeiter*innen im Falle eines Übergriffs ohne Angst vor beruflichen Konsequenzen bei Verantwortlichen melden können. Dies würde sich dann auch positiv auf das Wohlbefinden der Gäst*innen auswirken.

Codewörter, um nach Hilfe zu fragen

Mit Massnahmen innerhalb des Nachtlebens ist es allerdings nicht getan. Valderrama führt aus: «Es muss ein gedanklicher Shift passieren.» Plakate und Pro-Forma-Kurse würden nicht ausreichen. Das «Nicht-Wegschauen» liege in der Verantwortung aller. So sollen betroffene Clubbesucher*innen wie auch Zeug*innen problematischer Ereignisse den Dialog mit Security oder anderen Verantwortlichen suchen. Erwähnung finden auch sogenannte Codewörter, wie sie in England bereits durch eine grossangelegte Kampagne gegen sexuelle Belästigung eingeführt worden sind: Barund Clubbesucher*innen können sich dort etwa mit «Can I talk to Karen?» an das Personal wenden, um diskret nach Hilfe zu fragen. Ähnliches wäre auch in der Schweiz denkbar, wurde bisher aber nicht umgesetzt. Die Vertreter*innen aus der Club- und Gastroszene betonen, dass es sich um ein gesellschaftliches Problem handle. Ein Club sei schliesslich ein sozialer Raum, der nicht nur isoliert betrachtet werden dürfe. Der erste Schritt sei daher das Schaffen von «Awareness». Das Thema soll an die Öffentlichkeit gebracht werden, unter anderem mit Podiumsdiskussionen wie dieser.

Das zahlreiche Erscheinen von Interessent*innen bestätigt die Notwendigkeit der Debatte. Dennoch fehlte es der Diskussion am Ende des Abends an einer konkreten Bilanz. Der Wille schien vorhanden, doch klare Massnahmen blieben spärlich. Es bleibt daher zu hoffen, dass noch konkrete Strategien folgen werden, die das Schweizer Nachtleben in Zukunft sicherer machen.

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