Fantastische Gerichte und wo sie zu finden sind

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Eine Kulturwissenschaftlerin widmet sich der Verbindung von Fiktion und kulinarischem Genuss.

Kochbücher, die auf fiktionalen Werken basieren, haben derzeit Hochkonjunktur. Was sich für manche nach einem Nischenphänomen anhört, ist in Wahrheit schon längst im kulturellen Mainstream angekommen. Ob es sich nämlich um das «Harry-Potter-Cocktail-Buch» oder um «50 Shades of Chicken» handelt – kaum eine bekannte Franchise kommt mittlerweile ohne kulinarisches Begleitwerk aus.

Solche fiktionalen Kochbücher hat Natalie Borsy, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Zürich, zum Gegenstand ihrer Forschung gemacht. In ihrer Dissertation widmet sie sich unter anderem den Fragen, warum dieses Subgenre ausgerechnet in den letzten Jahren zu solcher Beliebtheit gelangte, und was dieser Umstand über unser heutiges Verhältnis zu fiktionalen Medien an sich aussagt.

Cosplay für Gourmets

Charakteristisch für Rezepte aus fiktionalen Welten ist es, so Borsy, dass sie ihren Ursprung zumeist in Online-Foren haben. Häufig scheinen sie zum Beispiel dem Bedürfnis zu entspringen, Fan-Anlässe kulinarisch passend zu begleiten; also beispielsweise bei einem Herr-der-Ringe-Filmabend «Lembas» (Elbenbrot) aufzutischen. Kommen die Gäste etwa noch in Verkleidung, können auf solche Weise Momente entstehen, in denen die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschmelzen – Medium und Rezeption können beinahe nicht mehr auseinandergehalten werden.

Das reale Nachkochen imaginierter Gerichte ist kennzeichnend für eine neue Art von Fankultur, welche das Fiktive nicht mehr bloss von aussen betrachten, sondern sinnlich erleben und sich regelrecht «einverleiben» will. Ähnlich wie beim Cosplay «zelebriert und materialisiert man etwas», wie Borsy es ausdrückt, «das zuvor nur im Kopf existiert hat». Auch die Kochbücher selbst sollen das Gefühl übermitteln, sie seien nur durch Zufall in unserem Haushalt gestrandet – mit vergilbten Seiten, als wären sie Relikte aus Westeros, oder in italo-amerikanischem Slang, als hätte sie Paulie von den Sopranos verfasst.

Fans gestalten mit

Überhaupt gehört es innerhalb der Szene fast schon zum guten Ton, dass man fiktionale Kochbücher nicht einfach unter dem Namen der realen Autor*in veröffentlicht. Vielmehr werden diese aus der Perspektive einer fiktiven Figur geschrieben, deren angefügte Anekdoten den Rezepten einen «authentischen» Anstrich geben sollen. Damit knüpfen diese Werke an einen breiteren Trend an: denjenigen der autobiographisch geprägten Kochbücher à la Snoop Doggs «From Crook to Cook», welche zunehmend die Regale erobern.

Wie Borsy in ihrer Forschung herausarbeitet, ist der Erfolg von fiktionalen Kochbüchern nicht nur einem gesteigerten Bedürfnis nach Immersion, sondern auch einem Verlangen nach Interaktivität geschuldet. Zwar gibt es mittlerweile ebenfalls viel «Offizielles» in diesem Bereich, das von den Verlagen selbst herausgegeben wird. Doch entstammen gerade die am liebevollsten gemachten Werke oft der Fanszene, sind also «inoffiziell». Ähnlich wie auch Fan-Fiction sind sie Ausdruck einer erstarkenden «participatory culture»; einer Fankultur, die sich nicht mehr nur als Gruppe passiver Konsument*innen, sondern als kreative Gemeinschaft versteht, welche das Medium, dem sie anhängt, aktiv mitgestalten möchte.

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