Rosa für Mädchen, blau für Jungen – so sehen es die Geschlechterklischees bis heute vor. Foto: Stephanie Caminada

Rosa für Mädchen, blau für Jungen – so sehen es die Geschlechterklischees bis heute vor. Foto: Stephanie Caminada

Fünf farbige Zimmer, Schicksale und Realitäten

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Die Ausstellung «Geschlecht» im Stapferhaus in Lenzburg lässt Besucher*innen in eine Welt der Geschlechtsorgane und -identitäten eintauchen.

Ein Countdown, dann schwingt die silberne Tür zu einem runden Raum auf. Auf kreisrunder Leinwand wiegen und formen sich Geschlechtsorgane, abstrahiert zu farbigen Pflanzen und Blüten – wer die Ausstellung «Geschlecht» im Stapferhaus in Lenzburg betritt, fühlt sich wie in einem futuristischen Film.

Ein sphärisches Erlebnis

Begleitet von sphärischen Klängen und fliessenden Farben auf der Leinwand erklärt eine Stimme aus dem Off, wie vielfältig Geschlecht sei, wie es bestimmt werde – durch Chromosome, aber auch gesellschaftliche Konventionen – und dass einige es als Kategorie ablehnten. Wenngleich die Wissenschaft nach wie vor wenig über das Entstehen von Geschlecht wisse, müsse in der Schweiz bei jeder Geburt festgelegt werden, ob ein Kind «männlich» oder «weiblich» sei.

Die Ausstellung nimmt von Beginn an eine kritische Haltung im Sinne der aktuellen Genderforschung und Queertheorie ein. Wer sich mit Gender und Feminismus schon auseinandergesetzt hat, erfährt wenig Neues. Aber: «Geschlecht» ist ein Paradebeispiel dafür, wie Museen multimediale «Erlebniswelten » zu schaffen suchen.

Fünf Zimmer

Von einem Hauptraum gehen fünf farbcodierte Zimmer ab. Im pinken hängen Telefonhörer von der Decke, eine Sexologin und Paartherapeutin beantwortet Fragen wie «Was machen Schönheitsideale mit dem Sex?». Im blauen Zimmer stehen Nagellack und High Heels bereit – das Thema hier: Gender performen. Das grüne Zimmer ist voller Statistiken zur Geschlechterungleichheit, an Bildschirmen erläutern ein Gewaltberater, ein Mediziner und eine Historikerin Zahlen zu häuslicher Gewalt und männlich geprägter Forschung. Die Ausstellung vermischt harte Fakten und spielerische Interaktivität, zugleich ist es befremdlich, dass sie die Gender- Stereotypen zwar dekonstruiert, aber sie gleichzeitig reproduziert. Ausstellungsgegenstände gibt es wenig, weshalb «Geschlecht » vor allem mit Zitaten und Videoausschnitten von Expert*innen arbeitet.

Im violetten Hauptraum wird die Geschichte zum Thema Geschlecht aufgerollt. Foto: Stephanie Caminada
Im violetten Hauptraum wird die Geschichte zum Thema Geschlecht aufgerollt. Foto: Stephanie Caminada

Doch die Ausstellung will nicht nur Fachleute zu Wort kommen lassen, sondern vor allem auch Menschen ihr Geschlecht reflektieren lassen. Im orangen Zimmer erzählen sieben Personen, die ihr Geschlecht unterschiedlich leben, darunter die erste Schweizer Dragqueen und eine Richterin, die ein spätes Coming-out hatte. Ausgestellte Kleidungsstücke verweisen auf Geschichten, etwa ein Binder, mit dem ein Transmann die Brüste abpressen kann. Eine ältere Frau erzählt, wie sie an der Fasnacht zum ersten Mal Hosen trug.

Im unteren Stock läuft der Zusammenschnitt von 53 Gesprächen: Leute von der Primarschülerin über eine Interperson Mitte zwanzig bis zum alten Mann beantworten Fragen wie «Haben Sie sich schon bei Vorurteilen ertappt?» und «Wie weiblich fühlen Sie sich auf einer Skala von 1 bis 7?». Während der Ausstellung sollen Besucher*innen auf einem Faltblatt angeben, ob sie ihre Geschlechterrollen wie die Eltern leben, und auf Skalen ankreuzen, was das eigene Geschlecht prägt. Am Schluss stehen Gesprächsboxen bereit, und die Fragen in einer eigens erstellten App sollen zum Diskutieren anregen.

Einblick in Schicksale und Realitäten

Um biologisches und soziales Geschlecht geht es, um Geschlechtsorgane, -rollen und -identitäten, um Sexualität und sexuelle Orientierung. «Geschlecht» will viel, vielleicht etwas zu viel. Allein der Hauptraum überflutet einen mit Anekdoten und Ereignissen aus über 30’000 Jahren, nach zwei Stunden ist die Besucherin erschöpft von all den Klangund Bildreizen – und hat doch nicht alles gesehen. Wer trotzdem mehr möchte, kann Workshops und Veranstaltungen besuchen oder den Podcast zur Ausstellung hören.

«Geschlecht» belehrt nicht, sondern gewährt Einblick in Schicksale und Realitäten, lässt normale Menschen Banales erzählen. Und fordert immer wieder auf, den Bezug zu sich selbst zu schaffen.

«Geschlecht» ist noch bis im Mai 2022 im Stapferhaus in Lenzburg zu sehen. Eintritt regulär: 21 Franken / für Studis: 13 Franken.

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