(Bild: Tom Haller)

Geschichten von der Pandemie

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Mit «Angesteckt» präsentiert Elisabeth Bronfen ein ganzes Arsenal an Pandemie-Geschichten, mit denen man das Jetzt besser verstehen kann. Von Camus zu Trump, von Freud zu Soderbergh: eine bunte Erkundungsreise durch Literatur, Politik, Psychoanalyse und Film. Der rote Faden: die Seuche. Und man erkennt vor allem eines: Epidemien haben den Menschen schon immer begleitet.

Elisabeth Bronfen ist Professorin für Anglistik an der Uni Zürich und Kulturwissenschaftlerin. Es überrascht daher nicht, dass «Angesteckt» grösstenteils eine kulturwissenschaftliche Untersuchung ist. Bronfen komprimiert Romane und Filme auf wenige Seiten, um dann ihre Bedeutungsgehalte zu analysieren. Die Erzählketten sind gekonnt geknüpft, die Bezüge zur Gegenwart scharfsinnig. Dennoch muss man sich durch ein Dickicht an Kurzfassungen schlagen – das ist alles andere als leichte Lesekost.

Susan Sontag hat in ihrem einflussreichen Essay «Krankheit als Metapher» dargelegt, wie die metaphorische Aufladung von Krankheiten zu Stigmatisierung und Ausgrenzung von Befallenen geführt hat. Sie plädiert für einen vorsichtigen Umgang mit Sinnbildern. Wird die Kulturwissenschaftlerin dieser Forderung gerecht? Bronfen nimmt Stellung: «Ich habe mich mit Susan Sontag auseinandergesetzt. Ich verstehe ihren Punkt. Aber: Wir können nicht ohne metaphorische Sprache. Es geht darum, dass man sich bewusst ist, was man tut.»

Ein Exkurs zur militärischen Sprache, die momentan Aufschwung erlebt, verdeutlicht dies. «Nous sommes en guerre», verkündet Macron. Trump präsentiert sich als «wartime president». Das mobilisiert Gemeinschaftsgefühle und bereitet auf Ausnahmesituationen vor. Und macht gleichzeitig blind für Probleme, die anderswo lauern. Die Ambivalenz solcher Denkfiguren zeigt sich auch an Bronfens Analyse von «Dawn of the Dead»: Sie schreibt, dass sich an dem Film ablesen lasse, wie Menschen auf Katastrophen reagieren. Die Infizierten zeigten triebhaftes Benehmen, die Überlebenden eine Lust zur Destruktion. In den Medien mögen Nachrichten von Plünderungen und Gewalt dominieren, aber Soziolog*innen haben herausgearbeitet, dass solche Situationen die altruistische und kooperative Seite des Menschen in Erscheinung treten lassen.

Ist es denn wirklich adäquat, Covid-19 mit der Pest zu vergleichen? Oder Erkenntnis über das Heute in einer mystischen Erzählung über einen Vampir zu suchen? Die Werke in «Angesteckt» haben eines gemeinsam: Sie handeln von einer hochtödlichen Gefahr. Die Infizierung muss also um jeden Preis vermieden werden. Der Kampf gegen Corona ist aber mehr eine Gratwanderung unter ständiger Inkaufnahme der Ansteckung.

Das Spezifische am Jetzt, nämlich dass die Wissensgrundlagen und Verhaltensregeln alles andere als klar sind; dass man mit der Tatsache umgehen muss, dass sich Zehntausende auf den Strassen Berlins versammeln, um gemeinsam die Existenz des Virus zu leugnen; dass niemand weiss, wie und wann es zu Ende gehen soll; dass man ständig neu verhandeln muss, welche Begrüssung angemessen, ob der Restaurantbesuch legitim ist: Diese Unsicherheiten sucht man in den Geschichten vergebens. Dabei ist doch das der Zustand, dessen Verständnis eine Denkfigur ermöglichen soll. Aber Wissen ist nicht alles: Geschichten können Trost spenden. Können das auch deren destillierte Zusammenfassungen in «Angesteckt»? Elisabeth Bronfen sagt: «Das wäre meine Hoffnung.»

«Angesteckt» von Elisabeth Bronfen ist am 31. August im Echtzeit-Verlag erschienen. Die Buchvernissage findet am 23. September um 20.30 Uhr im Kosmos statt.

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