Schöne Stadtwohnungen zu bezahlbaren Preisen sind extrem rar. Dort setzen die Kriminellen mit Fake-Inseraten an. Foto: Adobe Stock, Collage: Kai Vogt

In den Fängen der Wohnungsbetrüger*innen

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In Zürich ist Wohnungsbetrug ein weitreichendes Problem. Über die Maschen der Kriminellen und wie man sich davor schützen kann.

«Im Nachhinein ist man immer schlauer», sagt Paula*, nachdem sie ihre Geschichte erzählt hat. Stimmt wohl meistens. Doch stimmt nicht ganz, nicht nach diesem Text. Da ist man zwar auch schlauer, aber im Voraus. Vor was?Vor dem Betrug. Denn Paula, Studentin an der Uni Zürich, wurde Opfer eines Wohnungsbetrugs und verlor Geld im vierstelligen Bereich. Und damit ist sie nicht alleine. Fake-Inserate für Wohnungen und WG-Zimmer sind schweizweit ein Problem.

Besonders in hart umkämpften Ballungsgebieten wie Zürich, wo das Wohnangebot knapp und die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum hoch ist, wimmelt es nur so von Fake-Inseraten. Dabei machen sich die Betrüger*innen die prekäre Lage des Wohnungsmarktes zu Nutze und gaukeln günstigen Wohnraum vor. Darauf fallen besonders Geringverdienende und Studierende rein.

Wenn der Traum zum Albtraum wird

Sie hatte einen befristeten Vertrag und der lief ab. Also brauchte Paula, 21, dringend eine neue Wohnung. Zusammen mit ihrer Freundin durchforstete sie das Netz nach einem bezahlbaren Angebot in der Stadt – bis sie schliesslich auf ein vielversprechendes Inserat auf dem Onlineportal Ron Orp stiess. Es sei ein gewöhnliches Wohnungsinserat im Kreis 4 gewesen, das schöne Fotos zeigte und insgesamt professionell wirkte. Und dies auf einer Webseite, der Paula vertraute. «Die Miete war nur 900 Franken im Monat. «Da dachten wir uns: safe!» Also schrieben die zwei die Inserentin an, die auch bald mit einem langen Text antwortete: Leider sei sie in Spanien und könne wegen Corona nicht in die Schweiz reisen. Die Wohnung sei aber noch zu haben. Insgesamt hätte sie sehr viele private Informationen preisgegeben, so Paula weiter. «Sie schrieb zum Beispiel, dass sie für die spanische Regierung arbeite, einen Labrador habe und Grossmutter sei. Sie machte einen sehr sympathischen Eindruck.»

Bis zu diesem Zeitpunkt verlief die Geschichte unauffällig. Dann wurden Paula und ihre Freundin aufgefordert, die erste Monatsmiete und eine Kaution zu bezahlen, um die Wohnung für sich zu sichern. Die Transaktion sollte über Airbnb laufen. Von dort aus würde die erste Kaution rasch zurückbezahlt werden. «Für uns klang dies nachvollziehbar und Airbnb erschien uns seriös.» Sobald dies geschehen sei, wurde den beiden versprochen, die Wohnung mittels einer Kontaktperson, einem Anwalt, besichtigen zu können. «Wenn sie uns wirklich gefalle, könnten wir auch gleich einziehen. Wenn nicht, würde sie das Geld direkt wieder zurücküberweisen. » Den genauen Betrag, den sie dann zahlten, will Paula nicht nennen. Sie schäme sich auch heute noch zu stark.

«Nie Geld im Vorab überweisen»

Dies ist eine Geschichte, die wohl von vielen Jungen in Zürich erzählt werden könnte, denn die Vorgehensweisen der Betrüger*innen sind oft dieselben. Grundsätzlich gebe es zwei Arten von Betrugsmaschen, so Fabian Korn, Communication Manager bei der Immobilienplattform Homegate. «Einerseits über Fake-Inserate oder andererseits durch Phishing übers Internet.» Bei letzterem handelt es sich um Betrugsversuche, um an persönliche Daten zu gelangen. Am geläufigsten sei konkret jene Raffinesse, bei der die Betrüger*innen die Vorauszahlung eines Betrages fordern – mit dem leeren Versprechen, dass so eine Wohnung oder eine Besichtigung reserviert wird.

«Nie Geld im Vorab überweisen», lautet deshalb die Devise, die alle Online-Plattformen und die Polizei propagieren. «Doch es beginnt eigentlich schon bei der ersten Kontaktaufnahme», so Tom Wespi, Gründer von wgzimmer.ch, der grössten Zimmer-Vermittlungsplattform in der Schweiz. Oft würden schon zu Beginn persönliche Daten wie eine Kopie der Identitätskarte gefordert, mit denen Identitätsdiebstahl begangen würde. Zur Sensibilisierung auf das Thema werden auf wgzimmer.ch alle Inserate, die als Fakes entlarvt wurden, extern aufgelistet. Wespi erkennt deshalb viele Fakes schon an den Äusserlichkeiten. «Die Fake-Inserate sind immer von viel zu schönen Wohnungen zu einem viel zu günstigen Preis. Dann sollte man schon stutzig werden. Es gibt wirklich kein WG-Zimmer in Zürich, das 600 Franken im Monat kostet, ausser wenn es zur Woko oder Juwo gehört.» Zudem seien die Fake-Inserate meist auf Englisch und die Mailadressen oft exotisch.

Komplexer wurde das ganze Bild aber, als die Pandemie ausbrach. Diese spielte den Betrügern in die Karten, denn die Behauptung, nicht vor Ort sein zu können, konnte nun mit der pandemischen Lage gerechtfertigt werden. Gewisse Online-Markplätze verzeichneten deshalb in jüngster Vergangenheit einen Anstieg der Scam-Anzeigen. Herausfordernd sei zudem, dass die Betrüger gewitzter und die Inserate professioneller geworden sind, so Tom Wespi weiter. «Teilweise werden auch bestehende Inserate kopiert.» Die meisten Immobilienplattformen haben daher Schutzmechanismen eingerichtet. Dies heisst: maschinelle und manuelle Prüfung der Anzeigen vor Veröffentlichung. Für Ron Orp heisst es zudem: Jedes Inserieren kostet drei Franken. Denn in ihren Höchstzeiten wurden auf dem Online-Marktplatz rund 30 Fake-Inserate pro Woche aufgeschaltet.

Ein Appell an die Achtsamkeit

Um gegen die ausgefeilten Betrugsmaschen vorzugehen, arbeiten die Plattformen auch mit den Behörden zusammen. Bei der Stadtpolizei Zürich gehen monatlich rund zehn Anzeigen wegen Wohnungsbetrug ein. Die Dunkelziffer wird wohl wesentlich höher liegen, denn die Ermittlungen gestalten sich aufwändig und bleiben meist erfolglos. Thomas Walker, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich, erklärt: «Erfahrungsgemäss verfügt die Täterschaft über ein gutes IT-Wissen und kennt Mittel, um die eigene Identität zu verschleiern. Zudem führen die IP-Adressen der mutmasslichen Täterschaft fast immer ins Ausland.» Eine Zusammenarbeit mit dem Ausland finde aber nicht statt. Anders gesagt: Wer also hofft, die Betrüger*innen würden gefasst, hofft wohl meistens vergebens.

Für diejenigen, die Opfer eines Wohnungsbetrugs wurden, besteht «einzig und allein unmittelbar nach Auslösung der Zahlung allenfalls die Möglichkeit, das Geld über die eigene Bank wieder zurück zu fordern», so Walker. Erfahrungsgemäss werde es aber auf ein Konto eines Moneymule – Personen, die deliktisch erworbenes Geld transferieren – überwiesen. Nach Zahlungseingang werde es in bar abgehoben, weitergeleitet und sei für das Opfer somit verloren.

So war es auch bei Paula und ihrer Freundin. Gutmütig und vorfreudig haben sie bezahlt und wurden bitter enttäuscht, ihr Geld haben sie nie wieder gesehen. «Viele urteilen heute schnell, wenn sie diese Geschichte hören, und auch ich kann heute kaum glauben, dass wir darauf reingefallen sind. Doch im Moment selber sieht man es nicht!» Es bleibt also nur der Appell an die eigene Achtsamkeit. Von einer Gesundung des Wohnungsmarktes – mit mehr bezahlbarem Wohnraum und damit weniger Ertragspotenzial für Betrüger*innen – kann nur geträumt werden.

*Name der Redaktion bekannt

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