Viele Kulturhäuser mussten ihren Betrieb pandemiebedingt einstellen, das Theater am Hechtplatz spielt mit reduzierter Zuschauer*innenzahl. (Bild: Stephanie Caminada)

Ist das Kultur und kann das weg?

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In der Pandemie geht nichts mehr. Die Kultursparte braucht eine Perspektive, die ihren gesellschaftlichen Wert anders bemisst.

Während sich das kulturelle Leben derzeit zunehmend ins Netz verschiebt, sind die analogen Kulturbetriebe in einen pandemiebedingten Dornröschenschlaf entschlummert – zumindest teilweise. Wenn die Kulturbetriebe nun nicht mehr erwachen, was verlieren wir dann? Wie wertvoll ist uns die Kultur, wie wir sie gerade kennen?

Knausriger Umgang mit der Kunst

Der Mensch bemisst den Wert einer Sache gerne mit Geld. Betrachten wir nun die Zahlen, scheint uns die Kultur aber nicht viel wert zu sein. Für die Oper kann man gut zwei-, dreihundert Franken hinblättern, für eine Ausstellung oder einen Film zahlen wir aber gerade mal so viel wie für einen Teller Spaghetti in einem billigen Restaurant, obwohl wir uns daran durchaus satt sehen können. Viele können sich dennoch gar keinen Theaterbesuch leisten. Das Theater Neumarkt  hat deshalb ein Wahlpreissystem eingeführt: Jede*r zahlt nur so viel man kann – oder wie viel einem die Kultur eben wert ist. Solche alternativen Bezahlmodelle sind wichtig, um dem Problem der Subventionierung durch die öffentliche Hand zu begegnen: Welche Kulturbetriebe gilt es von den staatlichen Ebenen zu unterstützen, und welche nicht? Es ist eine alte, nie gelöste Frage. Sollen es nur die geschichtsträchtigen Kulturhäuser wie das Opernhaus sein, das heute 80 Millionen Franken Subventionen vom Kanton Zürich erhält, oder das Nationalmuseum, das 50 Millionen erhält, oder eben auch neue und alternative Projekte, die gerade deshalb unterstützungsbedürftig sind, weil sie nicht Magnet der zahlungskräftigen Elite sind? Auch vierzig Jahre nach den Opernhauskrawallen zeichnet sich ein Graben in der heutigen Kulturförderung zwischen der subventionierten Hochkultur und der weitgehend vernachlässigten Subkultur der Schweiz.

Systemrelevante Kulturbetriebe

Und immer stellt sich die Frage, wie viel Kultur man sich als Gesellschaft leisten will. 2017 hat das öffentliche Gemeinwesen rund 2’943 Millionen Franken für die Kultur ausgegeben, das sind 1,7 Prozent der Gesamtausgaben. Davon profitieren aber längst nicht alle Kulturschaffenden. Und gerade jetzt, während der Pandemie, werden diese oft vergessen oder fallen durchs Raster.

«Dass die Kultur vom Staat als nicht systemrelevant eingeschätzt wird, wird als Verletzung erlebt», sagt Daniel Rohr vom Theater Rigiblick. «Kultur ist systemrelevant. Sie ist das Korrektiv der Gesellschaft. Sie ist der Ort, wo die Zeit langsamer und schneller laufen darf. Kultur tröstet. Kultur regt an. Kultur rüttelt auf.» Das gilt nicht nur für das Theater. Die Kultur beäugt kritisch und pointiert das Zeitgeschehen, das Schalten und Walten der Politik, der Wirtschaft und des Sozialen, das Tun und Lassen der menschlichen Existenz. Ohne sie sind wir gefangen in einem Tunnelblick, der keine Abweichungen zulässt. Und zu welchem Bünzlitum das führen mag, wollen wir uns gar nicht erst ausmalen. Der Kultur soll aber kein Zweck aufgezwungen werden, es wäre ein Widerspruch in sich. Die Aufgabe der Kunst ist es, «Freiheit zu geben durch Freiheit», wie Friedrich Schiller sagte. Weil die Kunst ein Garant für dieses Gut ist, plädiert sie auch für die liberale Demokratie, und diese beiden Pfeiler sollten uns in jeder Krise schützenswert sein. Das sagt auch Rohr: «Kultur ist Bildung, ohne Bildung ist die Demokratie gefährdet.»

Viele Kulturhäuser bleiben leer. (Bild: Stephanie Caminada)

Wir brauchen eine Umwertung der Kultur

Dass die Kultur verschwindet, darüber müssen wir uns nicht sorgen. «Sie wird sich bei Bedarf neu erfinden», sagt Daniela Küttel, Betriebsleiterin der Neugass Kino AG, zu der das Riffraff und das Houdini gehören. Wenn sie sich aber verändert, ist das «der Idealfall in progressiven Gesellschaften, denn Kultur ist ja nicht statisch», so Hayat Erdoğan, Co-Direktorin des Theater Neumarkt.

Der ideelle Wert ist zwar schön und gut, wenn der wirtschaftliche aber nicht stimmt, nützt dieser den Kulturschaffenden so viel wie der Applaus auf den Balkonen dem Pflegepersonal. Die Kultur ist nicht gratis. Auch hier arbeiten Menschen (sie besetzen etwa 6 Prozent der Arbeitsstellen schweizweit), die selbstverständlich von ihrer Tätigkeit leben können wollen wie alle anderen eben auch. Für sie muss das Kulturverständnis, vor allem von der Politik, neu gedacht werden, damit sie ihrer Arbeit entsprechend entlöhnt und jetzt genügend unterstützt werden. «Ich wünsche mir eine mutige Kulturpolitik, die auf die Unsicherheiten unserer Zeit mit innovativen Massnahmen reagiert, eine, die offenkundig die Relevanz von Kultur in die Stadt posaunt», sagt Tine Milz, Co-Direktorin des Theater Neumarkt.

Ohne Lohn werden die Kunstschaffenden ihrem Metier nicht weiter nachgehen können, ob dieses nun virtuell oder analog ausgeübt wird, denn sie könnten nicht davon leben. Kunst würde zu einem Gebiet der Reichen und der durch Mäzene Unterstützten, Kulturbetriebe könnten nur noch mit einem dicken Portemonnaie besucht werden. Das wiederum würde die kulturelle Vielfalt gefährden, die vom Bundesamt für Kultur so hochgehalten werden will. Kultur gehörte wieder allein der Elite.

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