Wer heute meditieren will, kann dies in einer religiösen Tradition tun oder ein säkulares Angebot nutzen. Illustration: Sumanie Gächter.

Wer heute meditieren will, kann dies in einer religiösen Tradition tun oder ein säkulares Angebot nutzen. Illustration: Sumanie Gächter.

Meditation als Mittel zu welchem Zweck?

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Schweizer*innen meditieren zwischen Religion und Individualität, Alltag und Erkenntis.

Ommmm, voll Zen sein. Nach dem Zustand völliger Gelassenheit ausserhalb der alltäglichen Hektik streben viele. Und sehen sich dabei mit einem schier unüberblickbaren Angebot konfrontiert. Allein für den Montag verzeichnet die Website www.meditation-in-zuerich.ch rund 20 regelmässig stattfindende Kurse in der Stadt Zürich und Umgebung. Wer mag, könnte den Tag um halb sieben mit der Schweigemeditation der evangelischen Kirche beginnen und ihn um halb neun mit einer Zen-Meditation beenden. Die Vielfalt kann überfordern – vor allem, wenn man sich Meditieren als Stillsitzen und nicht Nachdenken vorstellt. Wie viele Arten des bewussten Nichtstuns kann es denn schon geben?

Als Orientierungshilfe dient der Blick in die Geschichte. In welche Tradition ordnet sich die Meditationspraxis ein und von wem wurde sie gelehrt? Das Zen-Dojo «Mushin» in Zürich führt die eigene Linie bis auf den historischen Buddha zurück. Diese ununterbrochene Übertragungslinie ist für Zen-Praktizierende zentral. Doch das Festhalten an dieser Tradition soll keine religiöse Eitelkeit sein. «Zen-Meister*innen bestehen darauf, dass man mit anderen zusammen übt, sonst kann man sich irren oder arrogant werden», erklärt Doris Frei vom Leitungsteam des Dojo. Ein Identitätsverlust sei das allerdings nicht, meint Mitgründer Philipp Funk: «Wer mit der Tradition migeht, löst den Klammergriff um die eigene Individualität – und kann so auf sich selbst treffen.» Sowieso würde man beim Zazen, der Sitzmeditation, nicht den Bezug zum Weltlichen verlieren auch wenn es manchmal nach Rückzug aussehe. «Erst durch diesen Rückzug kann man energievoll in der Welt wirken», meint Frei. Durch die regelmässige Meditationspraxis wolle man Gefühle nicht ausmerzen, aber man könne lernen, sie loszulassen. Dieses Loslassen sei wichtig, um frei von Leidenschaften das Richtige zu tun und sich selbst bei Fehlern zu vergeben. «Schwamm drüber und weitermachen», wie es Funk ausdrückt.

Fehler machen und sich verbessern dürfe man auch beim Zazen. Auch deshalb sei es so wichtig, unter Aufsicht eines Lehrers oder einer Lehrerin zu meditieren. Nur eine aussenstehende Person könne die eigene Haltung korrigieren. Und beim Meditieren sei korrektes Sitzen unerlässlich, denn: «Die Körperhaltung soll den Geist beeinflussen und nicht umgekehrt», so Madeleine Ehrhard, ebenfalls Teil des Leitungsteams.

Wissenschaftlich fundierte Achtsamkeit

Auf die Wechselwirkung von Körper und Geist setzt auch Mindfulness-Based Stress Reduction, kurz MBSR. Allerdings präsentiert sich diese Tradition von einer westlichen, säkularen Seite. Entwickelt wurde die Meditationspraxis in den 1970er-Jahren durch Jon Kabat-Zinn, einen Molekularbiologen am MIT. Nachdem er das Meditieren von Zen- und anderen buddhistischen Meister*innen gelernt hatte, wollte er mit der Achtsamkeitspraxis die breite Bevölkerung erreichen. So richtete er am Medical Centre der University of Massachusetts ein Meditationszentrum ein und forderte die Spitalärzt*innen auf, die schwierigsten Patient*innen in seinen Kurs zu schicken. Das Programm aus Achtsamkeitsmeditation und Yoga-Übungen stiess auf grossen Anklang. Es gewann dann an zusätzlicher Beachtung, als die Forschung den positiven Effekt des MBSR bestätigen konnte.

Beatrice Aschmann, MBSR-Lehrerin in Zürich, schätzt die wissenschaftliche Fundierung des MBSR, weil die Praxis dadurch zugänglicher werde. «Einem Banker beispielsweise, der sich noch nie mit Spiritualität auseinandergesetzt hat, hilft es zu wissen, dass die Methode erprobt ist.» Um möglichst viele Leute zu erreichen, halte sie ihren Kurs bewusst säkular, auch wenn sie sich selbst als religiös bezeichnen würde. Doch Angst, dass dadurch etwas verloren geht, hat sie nicht: «In erster Linie helfe ich Menschen dabei, bewusster durchs Leben zu gehen und für sich selbst einen Weg zu finden, mit Stress umzugehen. Ob sie sich für die zugrundeliegende Philosophie interessieren und die Haltung in den Alltag übernehmen, ist ihnen überlassen.»

Mit der offenen, dienstleistungsorientierten Haltung scheint MBSR den Zeitgeist zu treffen. Religionswissenschaftler Rafael Walthert erforscht diese moderne Art der Religiosität. «Gemeinschaftliche Gruppierungen, welche ein Mitglied Lebensbereich-übergreifend integrieren, haben es schwer», meint er. Stattdessen haben unverbindliche Formen wie Yoga-Studios mit spirituellem Hintergrund und Achtsamkeitspraxen an Bedeutung gewonnen. Treiber der ganzen Bewegung sei die fortschreitende Individualisierung. «Man will sich nicht umfassend an etwas binden. Wenn man sich bindet, sieht man das als Produkt der eigenen Entscheidung.» Auch die mediale Präsenz solcher Angebote habe dazu beigetragen, dass sie zugänglicher wurden.

Ein Blick in die Statistik bestätigt Waltherts Diagnose: 2019 hatten rund 40 Prozent der Schweizer*innen mindestens einmal meditiert und 11 Prozent taten das sogar regelmässig. Dagegen gehörten nur 1,1 Prozent einer buddhistischen oder hinduistischen Gemeinschaft an. Die meisten Menschen meditieren also ausserhalb der Religionen, welche die Meditationspraxis überliefert haben. Das kann Konsequenzen haben, sowohl fürs Individuum wie auch für die Gesellschaft als Ganzes. Denn mit der Religionsgemenschaft könnte auch der Rückhalt verloren gehen, die diese geboten haben. Dass sich die Menschen nach Gemeinschaft sehnen, verneint Walthert nicht. «Doch unser Lebensstil ist mit starken Bindungen nicht kompatibel und im konkreten Fall entscheiden sich viele von uns dagegen.»

Superkräfte, Stressabbau oder Spiritualität

In einem Spannungsverhältnis zur heutigen Gesellschaft steht auch die Frage nach der Motivation. Warum meditieren die Leute in der Schweiz? Sind sie auf der Suche nach spiritueller Erkenntnis, einer Religion oder doch «nur» nach Stressabbau und mehr Konzentration? Dabei ist die Hoffnung auf alltagstauglichen Nutzen und Superkräfte keineswegs neu. Schon in den frühen buddhistischen Texten des Pali-Kanons ist von der Überwindung unangenehmer Emotionen, Schmerzresistenz und anderen weltlichen Nutzen die Rede. Sogar magische Kräfte wie übernatürliches Gehör oder das Erinnern von vergangenen Leben werden den meditierenden Menschen in Aussicht gestellt. Meditation wurde also keineswegs immer nur als spiritueller Selbstzweck praktiziert. Gemäss Jeff Wilson, Autor von «Mindful America: The Mutual Transformation of Buddhist Meditation and American Culture», unterscheidet sich die westliche Achtsamkeitspraxis von ihrem buddhistischen Pendant, indem sich der Fokus verlagert hat: Im Zentrum stehe nicht mehr das Streben nach Einsicht, sondern der Wunsch, den Alltag besser zu bestreiten.

Im Zen-Dojo sieht man diese Verlagerung gelassen: «Wen Spirituelles nicht interessiert, dem können Achtsamkeitsübungen sicher auch helfen. Wer aber den Willen hat, tiefer zu gehen, der muss dranbleiben, seinen Geist öffnen – und irgendwann auch diesen Willen loslassen.»

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