Apollon und Co. im Fitnessstudio: Gegen die Götter kommt man auch in Sachen Selbstoptimierung nicht an. (Collage: Sumanie Gächter)

Muss ich mein Leben ändern?

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In der Pandemie schlug die goldene Stunde der Selbstoptimierung. Dabei begleitet sie uns schon seit Jahrtausenden.

Die Individualisierung der Lebensverhältnisse ist eine der krassesten Folgen der derzeitigen Pandemie: Soziale Kontakte sind eingeschränkt, Arbeit findet zuhause statt, Sport im Alleingang, Prüfungen vor dem PC, und das Abendessen bestellt man sich vor die Haustür. Gerade diese Individualisierung der Lebensverhältnisse ist gemäss dem renommierten Soziologen Ulrich Beck einer der zentralen Grundsteine für die Selbstoptimierung. Wenn in unseren Zeiten das Individuum für Erfolge und Misserfolge verantwortlich scheint, so gilt es logischerweise auch, das Individuum – das Selbst – zu optimieren, um Erfolge zu garantieren. Kein Wunder also, dass die Pandemie die drängende Frage der Selbstoptimierung im Gepäck hatte. Sie stellte uns vor die Aufgabe, neue Alltagsstrukturen zu schaffen, oder die alten Strukturen coronakonform zu transformieren. 

Kurz: Die Pandemie machte Tabula rasa, Alltag und Zeitmanagement wurden neu durchmischt. Damit mag sie uns zugleich die Chance geben, nicht nur von unseren Gewohnheiten besessen zu sein, sondern sie auch zu besitzen, wie es der deutsche Star-Philosoph Peter Sloterdijk gekonnt ausdrückt. 

Was bezweckt die Selbstoptimierung?

Der Frage der Selbstoptimierung – an sich ein Unwort, das ökonomische Management-Prozesse auf einzelne Subjekte anwendet – liess sich in diesem Kontext kaum noch aus dem Weg gehen. Zeit also, das Phänomen historisch etwas einzuordnen. Die Arbeit an sich selbst ist kein brandneues Thema der Menschheitsgeschichte. Michel Foucault widmete sich in seinem Spätwerk intensiv den «Selbsttechniken» und identifiziert deren Ursprung unter anderem im platonischen Dialog «Alkibiades». 

Im alten Griechenland war die Arbeit an sich selbst und die «Lebenskunst» der reichen männlichen Elite vorbehalten, während sie heute zu einem Massenphänomen geworden ist. Zudem diente sie der Erkenntnis: Nur wer sich richtig in Form brachte, war empfänglich für die Wahrheit. Auch die religiösen Selbsttechniken – Körperübungen, Hunger-Askese und Reinigungsrituale – dienten dieser Empfänglichkeit für die (göttliche) Wahrheit. Foucault definiert Selbsttechniken deshalb als Operationen am Körper oder der Seele des Einzelnen, «mit dem Ziel, sich so zu verändern, dass er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt». 

Die Trickserei des «Enhancement»

Nach welchen Werten streben wir heute, wenn wir an uns selbst arbeiten? Bei den globalen Eliten gibt es eine regelrechte Obsession mit der von Foucault angesprochenen Idee der Unsterblichkeit. So wird die Forschung zum Stopp des Alterns seit geraumer Zeit mit Silicon-Valley-Milliarden vollgepumpt. Neben die Suche nach der optimalen Ernährung haben sich Zellbehandlungen und Hormontherapien gesellt. Das passend bezeichnete Unternehmen «Ambrosia» bietet Blutinfusionen an, in denen sich alternde Millionär*innen für stolze Preise (5500 Franken für einen Liter) jugendliches Blut einflössen lassen können. So kommen die Superreichen den mittelalterlichen Vampir-Herzogen noch näher. 

 Solche Praktiken würde Peter Sloterdijk nicht gutheissen. In seinem Buch «Du musst dein Leben ändern» unterscheidet er deshalb die übenden Anthropotechniken, die wir alle in der einen oder anderen Form ausführen, von einem weiteren jüngeren Unwort: dem «Enhancement». In Chirurgie, Wellness, Doping, Microdosing und Technologie suchen Menschen eine Abkürzung, wo «Selbstoptimierung» ohne mühselige Arbeit gelingen soll. Dabei wird zwar optimiert, doch bleibt das «Selbst» auf der Strecke, denn das «Ich», das hier optimiert wird, verkommt  zum wissenschaftlichen Versuchsobjekt ohne subjektives Erlebnis. Für das Enhancement, das ohne Übung und innere Verwandlung auskommt, gilt das berühmte Sprichwort des Dichters Arthur Rimbauld: «Ich ist ein anderer». Das Selbst verkommt zur Ware, deren Marktwert es zu steigern gilt.

Die Erde als asketischer Stern

Entgegen dem passiven «Enhancement» entwirft Sloterdijk eine Menschheitsgeschichte anhand von Übungen – auf Griechisch: Askesen. Der Mensch ist der, der übt. Schon Nietzsche sprach von unserem Planeten als dem «asketischen Stern». Die griechische Askese war dabei unterteilt in «gymnasia» und «melete», also Körper- und Psychotechniken. Und: Sie lag fest in der Hand der Religion. Erst mit dem 20. Jahrhundert taucht die menschliche Übung gänzlich säkular und entspiritualisiert auf: als Sport, beziehungsweise Training. 

In der Rückkehr der Olympischen Spiele 1896 steckt noch die Wurzel des göttlichen Olymps, jedoch wurde die Rolle der Götter im Sport immer unwichtiger. Dabei sind neue Jobs entstanden: Trainer*innen und Coaches, Psycho- und Physiotherapeut*innen sind Phänomene der Neuzeit, die den Priester als ständigen Ratgeber und Kontrolleur zu ersetzen vermögen. Gleichzeitig bilden unsere medialen und sportlichen Superstars  einen atheistischen Olymp. Sloterdijk weist darauf hin, dass die griechischen Götter nicht nur als geistige Vorbilder dienten. Wer schon einmal eine Statue Apollons betrachtet hat, weiss: Die alten Götter waren «shredded». Sie dienten als athletische Inspiration, genauso, wie es heute unsere Fitness-Influencer*innen tun, denen gegenüber sich viele als unwürdig, schuldig, defizitär zu erleben scheinen. 

Für wen die ganze Arbeit?

Bei den unzähligen Optimierungsstrategien ist es kein Leichtes, Gesundheit und Krankheit zu unterscheiden: Während Detox und Intervallfasten als gesund gelten, würde wohl kaum jemand Essstörungen als selbstoptimierende Praktiken beschreiben. Sport kann befreiende Körpergefühle bewirken, doch kann er zum neurotischen Zwang werden, wenn man sich dem permanenten gesellschaftlichen Druck zur Fitness ausgesetzt sieht. Es stellt sich deshalb die wesentliche Frage: Für wen macht man das ganze Theater, für wen arbeitet man an sich selbst? Unterwirft man sich durch Selbstoptimierung den strengen Gesetzen eines Gesellschaftssystems? – Foucault weiss, dass dies genauso gut der neoliberale Druck zur Optimierung und Performance-Steigerung sein kann wie der christliche Druck zur religiösen Disziplin und Beichte. Oder kann sich die Sorge um sich selbst dem machtvollen Fremdzugriff auf das eigene Leben entgegensetzen? 

Üben und Arbeiten passiert allzu oft unter fremder Herrschaft, fast jede Praxis der Selbstsorge und -optimierung kann befreiend oder neurotisch wirken, stärkend oder schwächend, emanzipierend oder unterwerfend. Nur wenn die Arbeit an sich selbst wie im antiken Griechenland mit dem Imperativ «Erkenne dich selbst» einhergeht, wenn uns die Selbsttechniken also dazu dienen, uns selbst besser kennenzulernen und zu verstehen, und wir dabei nicht den Erwartungen von aussen nachgeben, werden wir für die Arbeit auch wirklich belohnt.

 

 

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