Nachgefragt #3/21

von

Frau Saporiti, denken wir zu viel?

Nein. Eher zu wenig, und auch nicht gut genug. Wir sind oft gedankenlos und selten gedankenverloren. Oft denken wir die Dinge nicht zu Ende, selten denken wir gründlich nach. Es ist einfacher, vorgefasste Meinungen zu übernehmen und das zu glauben, was die eigenen Vorurteile und die des eigenen Umfelds bestätigen. Wer Meinungen (auch die eigenen) immer wieder hinterfragt, macht sich keine Freunde. Wer genau nachdenkt und seine Überlegungen dann mitteilt, nervt. Denn wir sind meist nur an angenehmen Wahrheiten interessiert und mögen es nicht, wenn wir es mit einer unbequemen und noch dazu stichhaltig begründeten Auffassung zu tun bekommen.

Selber nachzudenken ist anstrengend und bedeutet, ein Stück mehr Verantwortung dafür zu übernehmen, was man so glaubt. Und wer will schon verantwortlich sein, wenn es nicht mit einem leicht erkennbaren Vorteil verbunden ist? Viel lieber lassen wir uns sagen, wo es langgeht und was der Fall ist.

Obendrein sind wir ziemlich schlecht beim Denken. Ob induktives oder deduktives Schliessen, ob hypothetische oder apodiktische Urteile, ganz zu schweigen von kontrafaktischen Erwägungen und dem Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Statistiken, wir neigen nachweislich alle dazu, immer wieder dieselben Fehler zu begehen. Nur wer seinen Verstand schult, kann einige dieser Fehler vermeiden. Denken ist nicht Glücks-, sondern Übungssache, und ein unbestechlicher und scharfer Verstand ist wertvoll. Nachdenken ist wichtig. Tun Sie’s öfter!

Dr. Katia Saporiti ist Professorin für Philosophie an der Universität Zürich.

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