Nachgefragt #4/20

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Nachgefragt Herr Vorburger, leben wir bald in einer virtuellen Realität, etwa wie in «Matrix»?

Wir werden sicher nicht so bald in mit Nährflüssigkeit gefüllten Brutkästen liegen und in einer rein virtuellen, computersimulierten Welt leben. Virtual Reality (VR) ist zwar mit der neusten Hardware-Generation endgültig beim Endverbraucher angekommen – insbesondere bei Computerspielen –, ist aber ein etwas irreführender Begriff, da schlicht und einfach der Bildschirm über das ganze Sehfeld gestreckt wird. Weder die Steuerung über die Motorik noch 3D-Welten sind wirklich neu. Um eine virtuelle Welt als «echt» erfahrbar zu machen, müssten sämtliche anderen Sinne des Menschen – inklusive des Gleichgewichtssinnes – entsprechend s(t)imuliert werden. Und davon sind wir noch weit entfernt.

Aber ja, wir leben in einer Welt, in der virtuelle Realitäten alltäglich sind. Während es offensichtliche Vermischungen zwischen der «echten» Welt und scheinbaren Realitäten gibt, wie dies beim Einsatz von Augmented Reality bewusst der Fall ist, gibt es ebenso häufig virtuelle Realitäten, die wir nicht als solche erkennen. Der Schein trügt – schon Platon hat in seinem Höhlengleichnis von Menschen gesprochen, die nicht die wahre Natur der Dinge sehen, sondern nur Schatten an der Wand und diese für die Realität halten.

Diese «Virtualisierung» der Welt manifestiert sich heute beispielsweise als Fake News, in sozialen Blasen und – wie schon vor tausend Jahren – in Werbung und Propaganda. Dies führt dazu, dass wir eine verfälschte, virtualisierte Realität wahrnehmen und somit auch in einer solchen leben.

Robert Vorburger ist Dozent für Knowledge Engineering an der ZHAW.

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