Nachgefragt #4/21

von

Frau Biller-Andorno, darf der Mensch die Natur optimieren?

Wer optimieren will, muss wissen, was gut ist. Und was besser. Und was am besten. Unser menschlicher Tunnelblick führt dazu, dass wir primär die Bedürfnisse unserer eigenen Spezies sehen. Eine gute Natur ist aus dieser Sicht eine, die uns nicht stört oder bedroht, sondern als genügsam-dekoratives Grün das Auge erfreut oder als künftiges Steak den Gaumen kitzelt.

Dabei wissen wir natürlich, dass wir Teil eines Ökosystems sind. Doch scheiden sich die Geister an der Frage, wieviel moralische Relevanz wir nichtmenschlichem Leben zubilligen sollten. Aber nicht nur die Achtung vor dem Selbstzweck nicht-menschlicher Existenz ist ein mögliches Argument für Zurückhaltung beim Optimieren. Vorsicht ist auch aufgrund unserer Tendenz geboten, die Komplexität und Dynamik biologischer Systeme zu unterschätzen. Wenn diese erst einmal aus dem Gleichgewicht sind, sind wir – Stichwort Klimawandel – mit unserer Weisheit rasch am Ende.

Zwar ist der Mensch nicht die einzige Spezies, die ihre Umwelt nach ihren eigenen Bedürfnissen verändert, doch wohl die einzige, die über ihre Ziele und die Angemessenheit der eingesetzten Mittel reflektieren und sich bewusst Grenzen setzen kann. Wir machen mit dem Optimieren allerdings auch vor uns selbst nicht halt, ob mittels Fitness-Tracking, Mental-Wellness-App oder Gene Editing.

«Das Bessere ist der Feind des Guten» – dieser Voltaire zugeschriebene Satz mag als Einladung dienen, darüber nachzudenken, ob und was wir verlieren, wenn wir meinen zu optimieren.

Dr. Nikola Biller-Andorno ist Professorin für Biomedizinische Ethik.

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