Nachgefragt #5/20

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Herr Schlag, ersetzt das Internet den Glauben an einen allmächtigen Gott?

Digitales und Religiöses haben mehr gemeinsam, als man vermutet: Beide zeichnen sich durch weltumspannende Absichten und machtvolle Pracht aus. Die einen wollen Followerzahlen erhöhen, die anderen suchen nach neuen Jünger*innen. Was die einen Gott nennen, bezeichnen andere als Singularität. Digitale und religiöse Erklärungsmuster erheben jeweils Anspruch auf jeden Moment und das Ganze des Lebens.

Beide können auch je eigene problematische Abhängigkeitsformen erzeugen. Und deshalb scheint die Beobachtung gar nicht so falsch, dass Digitales und Religiöses heute in heftigste Konkurrenz zueinander treten: sozusagen als universale Endgegner in Sachen Lebensorientierung und Weltallmacht.

Betrachtet man aber die vielfältige Online-Kommunikation, gewinnt man nicht den Eindruck, dass am Ende nur eine der beiden Grossmächte übrigbleiben wird. Die verschiedenen Religionen haben sich längst in die digitale Welt hineingebeamt. Auf Monitoren erscheinen digitale Gottesdienste und in Chatforen finden Seelsorge und religiöse Herzensbildung statt.

Die theologisch gesehen durchaus offene Frage nach der Allmacht Gottes wird intensiv in sozialen Netzwerken debattiert. Das Internet scheint religiöse Glaubensfragen eher zu verstärken als zu ersetzen. Problematisch dürfte es erst werden, wenn vielleicht einmal künstliche Intelligenzformen zu attraktiveren, gar exklusiven Göttern erhoben werden – aber wer mag schon ernsthaft in diese Richtung hoffen und beten?

Dr. Thomas Schlag ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich.

 

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