Gehäkelte Pullover können sogar fliegen. Bild: Gina Nipkow

Gehäkelte Pullover können sogar fliegen. Bild: Gina Nipkow

Nadelschwingen ist wieder in

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Der Strick- und Häkelhype hält an.

Seit einiger Zeit bringen die Hände der Zürcher Studierenden neben Tastaturen auch regelmässig Stricknadeln zum Klappern. Passend zum Strickfieber hat sich auf Instagram ein eigenes Universum gebildet – das sogenannte «Knitstagram». Unter den Hashtags «knitting» (Stricken) und «crochet» (Häkeln), einer weiteren Garnsportart, lassen sich insgesamt über 63 Millionen Beiträge finden. Fleissig wird Garn zu Pullovern, Westen, Tops und Taschen oder zu trendigen Teilen wie der Balaclava, auch als Sturmhaube bekannt, verschlungen.

Das Geschaffene ist direkt sichtbar

Jacqueline Kehrer, Leiterin des Zürcher Wollshops «Tuttolana», hat das Steigen der Nachfrage ebenfalls bemerkt. Auch die Zielgruppe habe sich verändert: «Der Lockdown hat dem Stricken viel Aufschwung gegeben. Ich denke, seit Neuem begeistert es auch viele junge Leute.» Worin liegt der Reiz dieses Handwerks, das eher einen verstaubten Ruf trägt?

Im Musical «Gypsy: a Musical Fable» wird gesungen: «Some people can get a thrill / knitting sweaters and sitting still / That’s okay for some people / who don’t know they’re alive». Die neuen, jungen Stricker*innen von Zürich sehen das an- ders. Durch die repetitive Tätigkeit erhalten sie einen Ausgleich zum kopflastigen Studium, hört man sagen. Zur Abwechslung können sie etwas mit den Händen produzieren, bei dem das Geschaffene direkt sichtbar wird. Auch ist der Zugang heute einfacher, meint Kehrer: «Es ist halt sehr cool heute, weil man alles googeln kann. Man kann auf Youtube Filmchen schauen, wenn man etwas nicht versteht.»

Stricken während der Online-Vorlesung

Auch der kreative Aspekt hat einen hohen Stellenwert, wie die Studentin Eileen Stephan bestätigt – sie hat im ersten Lock- down mit Stricken begonnen. «Ich habe endlos viele Möglichkeiten und kann alles genau so anpassen, wie es mir gefällt.» Und in der Modewelt hat der Strick-Look – als Konsequenz oder als Auslöser? – eben- falls einen Aufwind erlebt. So präsentiert die Influencerin Emma Chamberlain auf Instagram selbstgehäkelte Outfits ihres Stylisten und der Turmspringer Tom Daley strickt seine Pullover auf der Olympiatribüne. Ordinäre Stricker*innen greifen hingegen meist am Abend fürs Abschalten zu ihrem Strickzeug, oder beim Netflixen – oder auch mal während Online- Vorlesungen.

Mit dem Stricken und Häkeln können auch Privatpersonen ein zusätzliches Einkommen generieren. Sie verkaufen zum Beispiel Anleitungen oder selbstgemachte Teile. So etwa die Studentin Cilla Geering, die seit dem Sommer 2021 über den Account «cilla.ch» auf Instagram gehäkelte Taschen verkauft. Rentiert sich das? «Es hat vielleicht Potential, aber für mich ist es nur ein Side-Hustle. Es finanziert sich selbst, doch ich konnte mir noch nie einen richtigen Lohn auszahlen», meint Cilla. Ihre Motivation komme von woanders: «Es ist etwas, das ich persönlich sehr gerne mache. Wenn man es Vollzeit machen würde, wäre man davon abhängig, immer genug Bestellungen zu erhalten.» Auch der Nachhaltigkeitsaspekt ist ihr wichtig: «Ich finde es schwierig, in der Modeindustrie hippe, nachhaltige Sachen zu finden. Ich wollte etwas haben, das heraussticht und trotzdem nachhaltig produziert ist. Deshalb häkle ich alle Taschen aus recycelter Baumwolle.»

Auch Kehrer hat bemerkt: «Viele legen jetzt Wert darauf, dass die Wolle nachhaltig produziert ist – weil man umweltbewusster lebt.» Nicht zuletzt verbinden Stricken und Häkeln eine leidenschaftliche Community. Ein Trend, der gerne bleiben darf.

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