Helka Mäki (3.v.l.) und Kursteilnehmer*innen im Nähatelier (Bild: Sumanie Gächter).

Nähen für bessere Perspektiven

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Der Verein Social Fabric will mit Nähkursen zur Integration von  Geflüchteten beitragen.

Die Textilindustrie gehört zu den schmutzigsten Branchen der Welt, sie schadet dem Menschen gleichermassen wie der Natur. Die mangelnde Nachhaltigkeit der Textil-Produktion bildete den Anstoss für Heather Kirks Idee von Social Fabric. Der Verein wurde 2016 von der Pflanzenbiologin ins Leben gerufen und vereint zwei Brennpunkte zugleich: Nachhaltiges Produzieren von Textilien und Arbeit für Geflüchtete. Denn solange diese auf den Bescheid über ihren Aufenthaltsstatus warten, dürfen sie keinem Beruf nachgehen.

«Geflüchtete müssen teilweise bis zu fünf Jahre auf den Entscheid warten und können währenddessen nicht arbeiten. Ich wünsche mir, dass das Asylverfahren schneller gehen würde», erzählt Helka Mäki, Geschäftsleiterin von Social Fabric. Die Finnin ist seit Beginn dabei. Sie lernte Heather in einem Deutschkurs der Autonomen Schule Zürich kennen und begann als Praktikantin bei Social Fabric.

Deutsch lernen nebenbei

Der offene Nähkurs bietet den Geflüchteten zweimal wöchentlich eine Gelegenheit, neue Fertigkeiten zu erlernen. «Einige haben Vorkenntnisse, andere haben noch nie eine Nadel in der Hand gehalten», so Mäki. Männer und Frauen kommen gleichermassen in den Kurs. Zu Beginn arbeiten Geflüchtete an einfachen Projekten, später kommen anspruchsvollere Aufgaben hinzu. Die enstandenen Textilprodukte sind für ihren Eigengebrauch. Begleitet werden die Geflüchteten von freiwilligen Mitarbeitenden.

Eine von ihnen ist Elisabeth. Die pensionierte Handarbeitslehrerin hilft das dritte Jahr als Freiwillige bei den offenen Nähkursen mit. «Nähen braucht nicht viel verbale Kommunikation, deshalb ist es ideal zum Arbeiten mit Geflüchteten.» Deutsch lernen sie aber trotzdem durch den Austausch untereinander und mit den Freiwilligen. Eine der Teilnehmerinnen des Nähkurses ist Amena Barbari. Die 37-jährige Schneiderin floh vor sechs Jahren aus Afghanistan. «Ich habe acht Jahre im Iran gearbeitet. Aber in der Schweiz lerne ich neue Methoden des Schneiderns», erzählt sie. Momentan arbeitet sie gerade an einem Kleid für eine Hochzeit. In Zukunft würde sie gerne einen Laden eröffnen.

Lehrstelle für Geflüchtete

Einen Beruf zu finden ist kein leichtes Spiel für Menschen mit Fluchthintergrund. Javid Atai hatte Glück. Er ist der erste Lernende bei Social Fabric. Der junge Afghane war fast sein ganzes Leben auf der Flucht. Lang lebte er im Iran und hat dort als Schneider gearbeitet. So musste er für seine Lehrstelle als Bekleidungsnäher vor allem Deutsch lernen. Die Lehrstelle ist zwar öffentlich ausgeschrieben, ist aber hauptsächlich für Menschen mit Fluchthintergrund gedacht.

Die Produkte, die Atai in seiner Ausbildung näht, werden von Social Fabric verkauft und tragen so zur Finanzierung bei. Ansonsten wird der Verein durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert. Von letzteren wäre er gerne unabhängiger. Eine neue Einnahmequelle für Social Fabric ist durch Nähkurse für Firmen und Organisationen entstanden, welche diese für Teambuilding-Events buchen. «Die Geflüchteten agieren dort als Lehrpersonen, welche den Anzugträger*innen zeigen wie man richtig näht», erzählt Mäki. In dieser Position können Geflüchtete ihre Fähigkeiten einsetzen und sollen sich als Teil der Gesellschaft fühlen. Social Fabric versucht diesen Zustand dauerhaft zu schaffen, sodass sich Menschen mit und ohne  Fluchthintergrund vermehrt auf Augenhöhe begegnen können.

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