Deutsche Intellektuelle verbrennen beim Wartburgfest 1817 verhasste Bücher. Bild: Keystone

Deutsche Intellektuelle verbrennen beim Wartburgfest 1817 verhasste Bücher. Bild: Keystone

«Nieder mit den Patriziern!»

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Studentenverbindungen waren mal die Vorreiter der liberalen Idee. Was ist von dieser Fortschrittlichkeit noch geblieben?

Studentenverbindungen sind nur ein Geist von dem, was sie mal waren. Dabei kennt kaum eine*r ihre Geschichte und die wichtige Rolle, die sie bei der Erschaffung einer demokratischen Schweiz einnahmen. Geschichtsschreibung und Mythos verschwimmen, wenn man ihren historischen Spuren folgt.

Im Oktober 1817 treffen sich 500 deutsche Studenten und Professoren bei der Wartburg in Thüringen und feiern das 300. Jubiläum von Martin Luthers Thesenanschlag. Die französische Revolution hat in ganz Europa Wellen geschlagen. Die grosse Enttäuschung Napoleon ist 1815 besiegt worden und das junge libertäre Gedankengut nur noch weiter entflammt. Nachdem der Wiener Kongress nicht die gewünschte Änderung brachte, ergreift die Akademikerwelt eine Idee: den Fürsten ihre Vorherrschaft zu nehmen und den losen deutschen Staatenbund in einen Nationalstaat zu wandeln. Die Monarchie soll nur noch konstitutionell bestehen, das aufstrebende Bildungsbürgertum zur Obrigkeit aufsteigen. Der so beginnende Kampf zwischen Demokratie und Monarchie wird in der Folge noch über hundert Jahre andauern.

Feierliche Bücherverbrennung

Davon ahnen die Feiernden am Wartburgfest noch nichts. Nach einem Tag der Referate und Diskussionen einigen sich die Intellektuellen auf 35 Grundsätze und 12 Beschlüsse. Darunter eben die Zielsetzung einer Einheit Deutschlands, bürgerlicher Freiheitsrechte und der Abschaffung von Geburtsvorrechten des Adels. «Wo es Bevorrechtigte gibt, ist immer auch jemand beeinträchtigt», so das Credo. Am Abend zieht man in einem Fackelzug auf den nahen Wartenberg, wo man zuvor zum feiernden Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig, dem entscheidenden Kampf gegen Frankreich, Siegesfeuer entzündet hat. Die Studenten verbrennen gleich einige Bücher, die ihnen nicht gefallen, darunter Werke Napoleons und Nationalstaats-kritische Schriften. Die symbolträchtige Zeremonie schweisst Jungspunde und Altherren zusammen. Aus ihrem Bund entsteht die deutsche Urburschenschaft und legt den Grundstein für künftige Formen aller Verbindungen.

Die Schweizer kopieren die Deutschen

Es dauert nicht lange, bis der Trend in die Schweiz überschwappt. Dort gibt es damals nur eine Uni in Basel, die sich mit deutschen Unis nicht messen kann. Man sucht also Idole und schaut nach Deutschland, von wo auch einige in der Schweiz tätige Professoren stammen – Flüchtlinge, die im Gastland ihr liberales Gedankengut verbreiten. Der revolutionäre Geist inspiriert die Eidgenossen, auch sie denken: «Nieder mit den Patriziern!», auch sie wollen einen Bundesstaat und Mitspracherecht.

Als dann 1819 ein Zwingli-Jubiläum ansteht, sind die Parallelen zum Wartburgfest perfekt. Zürcher Mittelschüler und Dozenten laden ihre Berner Kollegen ein. Die beiden Gruppen, rund 60 Leute, treffen sich in der Mitte beider Kantone, der Stadt Zofingen und gründen die Zofingia, eine der ersten Schweizer Studentenverbindungen. In den folgenden Jahrzehnten steigt mit der Zunahme deutscher Professoren auch das universitäre Niveau, in den 1830er-Jahren gründet man die Unis in Zürich und Bern. Schweizer, die an den aufmüpfigen Bildungseinrichtungen im Nachbarland studiert haben, kehren in ihre Heimat zurück und bringen studentische Traditionen mit. Darunter sind auch Verbindungsbräuche wie das Tragen von Mützen, die masslose Sauferei und eine streng hierarchische Struktur.

Männliches Prahlen

Hier ist zudem anzusetzen, wenn es um den heutigen Ruf von Studentenverbindungen geht. Obwohl die Verbindungen erst sehr viel später in der Geschichte an Einfluss verlieren, stecken ihnen einige banale Eigenschaften seit der Gründung in der DNA. So stammt der Gebrauch der Mensur, einer speziellen Form des Fechtkampfes, eher von einem träumerischen Ehre-Ideal, als einer in der Schweiz verankerten Tradition. «Die Mensur macht in einer satisfaktionsfähigen Gesellschaft Sinn, wo es einen Adel gibt, der sich duelliert. In der Schweiz hat es das nie gegeben», sagt Lynn Blattmann, Historikerin und Expertin für Studentenverbindungen.

Es sei auch um das Vorzeigen von Männlichkeit gegangen. «Das waren ja alles junge Studenten, die hatten in ihrem Leben noch nichts erlebt und mussten sich vor den Älteren etwas Cooles und Hartes geben.» Dies legte auch die Saat für das Reaktionäre, das man den Verbindungen heute vorwirft und das scheinbar seit Beginn Teil der Idee war. Ausserdem dachten die damaligen Studenten vor allem liberal, was ihr eigenes Mitspracherecht betraf. Die Unterschicht kümmerte sie nicht. Das nationalistische Gedankengut indes ist Teil der damals fortschrittlichen, heute rückständigen Ideale. Auch die Beschränkung auf männliche Mitglieder hat ihren Ursprung nicht nur im Geltungsdrang, sondern gleichsam in der Organisation der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Sie ist heute aber noch grösstenteils gültig und laut Blattmann sogar ein Grund für die «männliche Prägung unserer konkordanten Demokratie».

Denn, und das bringt uns zurück in die Vergangenheit, die damals liberalen Studentenverbindungen wie die Zofingia ebneten den Weg für die Entstehung der Schweizer Bundesverfassung von 1848 und können in diesem Rahmen als Urformen der politischen Parteien gesehen werden. «Alle drei politischen Strömungen, die Konservativen, die Liberalen und die Katholiken waren damals in Verbindungen organisiert», erklärt Blattmann. Die ersten Parteien entwickelten sich erst im 20. Jahrhundert.

Gefährlich, dann harmlos

In Deutschland erleben die Verbindungen ihre Hochzeit unter dem deutschen Kaiserreich, wo grob die Hälfte aller Studenten einer angehören. Als Hitler die Macht ergreift, geht es mit den Verbindungen bergab: Viele wenden sich nationalsozialistischem Gedankengut zu. Jene Gruppen, die sich gegen Hitlers Weltansicht aussprechen, werden verboten. Nach dem Krieg gründen sich viele neu. Trotzdem schwindet ihr Einfluss stetig.

Ähnliches gilt für die Schweiz, wo von den ersten 100 Bundesräten über 90 Verbindungsmitglieder waren. Um die Jahrhundertwende nehmen diese Zahlen stark ab. Heute sind die Männervereine grösstenteils noch Nostalgieträger, wo man veralteten Männlichkeitsidealen und Ideologien nachträumt. Dabei ist die Offenheit gegenüber fremden Ethnien oder Konfessionen erstaunlicherweise um einiges grösser als die Bereitschaft, Frauen aufzunehmen.

Nicht erstaunlich also, dass von den 275’000 Schweizer Studierenden gerade noch paar tausend Verbindungen angehören. Jener alte, ehemals so wichtige Teil des studentischen Lebens wurde längst durch Studierendenvereine ersetzt. Vetternwirtschaft soll in Verbindungen gerüchterweise noch gang und gäbe sein. Doch berufliche Netzwerke gibt es heute weitaus wichtigere, man denke etwa an LinkedIn. Alles deutet also darauf hin, dass die ehemals revolutionär demokratischen, dann gefährlich nationalistischen Studentbünde allmählich in harmloser Bedeutungslosigkeit versinken.

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