Im neusten Stück des Theater Neumarkts «Trottinett Ballett» flitzen die Schauspieler*innen auf E-Scootern über die Bühne. Foto: Philip Frowein

Poesie mit Trottis

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Neongrüne Lichter funkeln in der Dunkelheit. Die Zeit vergeht, das Geblinke ist hypnotisierend, beinahe einschläfernd. Bis die Bühne erwacht. Endlich, das langersehnte Aufatmen nach der so leidigen Corona-Pause des öffentlichen Lebens. So könnte man die ersten Augenblicke dieses Theaterstücks lesen.

«Trottinett Ballett» heisst das neuste Werk des Berner Regisseurs Piet Baumgartner in Zusammenarbeit mit Co-Direktorin Julia Reichert und Kollaborateur Rio Wolta. Es ist das erste Stück, das das Theater Neumarkt nach dem Lockdown zeigt.

Hass-Liebe zu E-Scootern

Ein weiss gekleideter Start-up-Experte (Andri Schenardi) erklärt den Zuschauer*innen nun den Investor*innen-Hype um den flotten, freshen Export aus dem kalifornischen San Francisco, die 25km/h schnell fahrenden E-Scooter. Die Anbieter dieser Dinger, Voi, Bird, Spin, Lime, erkennen darin das grosse Geschäft, streben zur Weltherrschaft. Sie rühmen sich die Guten zu sein, schaffen Jobs, wollen das Problem der «letzten Meile» im öffentlichen Verkehr gelöst, eine umweltfreundliche Lösung für bessere Luft und weniger Autos gefunden haben. Und bei all dieser Verbesserung soll das Scooterfahren uns auch noch Spass machen und Zeit sparen.

Aber die Gegner*innen sind den Anbietern eben auch schon aufgefahren: Sie sehen die aggressive und ambitionierte Expansion der Roller, Chaos, Verkehrsunfälle. So spricht der schicke Mann in Weiss eben auch vom «Scootergeddon» oder den «Electric Scooter Wars of 2018». Es geht schlussendlich doch vor allem um Wachstum, um Geld und den Wettbewerb, um ein Wettrennen zwischen den Playern auf dem Markt und in den Städten. Und die Scooter selbst nerven nur: Die Nutzer*innen in Fahrt sehen lächerlich aus und sie lassen die Maschinen überall liegen, in Gärten wie auf Bäumen und im See, manche zerstören sie gleich ganz.

Alles ist möglich

Kurz darauf leuchten farbige Bahnen in der Mitte des Raums auf, flankiert von den Zuschauer*innen-Tribünen. Unterdessen ist zu erkennen, dass es eben solche E-Scooter sind, die im Ruhezustand wie Glühwürmchen locken und darauf aufmerksam machen, dass sie noch zu haben sind, frei zur Benützung. Die fünf Schauspieler*innen (Brandy Butler, Andri Schenardi, David Attenberger, Loulou Debatin, David Gottlieb), die durch das Stück führen, schweben immer wieder elegant auf den Rollern in Ballettpositionen – Füsse nach aussen gedreht, ein Bein nach hinten gestreckt – an den Zuschauer*innen oder hinter der Tribüne vorbei, sie finden zu Formationen zusammen, stieben wieder auseinander und sausen durch die Türen hinaus aus dem Raum.

Der Bühnentanz will anmutig sein, entblösst den Zuschauer*innen bisweilen aber auch ein Lächeln – er ist eben auch etwas holprig. Denn die Schauspieler*innen bleiben immer wieder mal stehen, nehmen neu Anlauf, müssen den E-Scooter anschieben. Die elektrischen Roller sind nichts Ästhetisches, sie sind zu «gstabig» für das filigrane Ballett, die Choreografien zu rustikal, zu wenig synchron. Dem Perfektionismus, der im klassischen Tanz so zentral ist, nähert man sich hier bestenfalls an, wenn auch schwerfällig. Aber alles ist eben möglich, wenn man nur fest daran glaubt – sogar Poesie mit Trottis.

Wie beim «Starlight Express»: Die farbige Bühne des «Trottinett Balletts». Foto: Philip Frowein

Das Trottinett-Ballett ist der Rahmen, der verschiedene Handlungsstränge, Anekdoten aus der Welt der E-Scooter, miteinander verwebt. Das wirkt etwas fragmentarisch, bisweilen wirr. Ein geschlossener Handlungsstrang würde aber nicht dem Genre dieses Stücks entsprechen. Angepriesen wird es nämlich als «visuelles Poem mit dokumentarischen Wurzeln». In visuellen Gedichten geht es nicht um eine geschlossene Handlung, sondern um bruchstückhafte Geschichten, die zeitgenössische Diskurse durch schauspielerische und rhythmische Performance, Video-, Licht- und Toninstallationen erfahrbar machen sollen.

So wirken die Szenen in «Trottinett-Ballett» wie Momentaufnahmen. Einmal üben die Schauspieler*innen ein Marketing-Spot für E-Scooter ein, ein anderes Mal nützen sie die Roller als Fitnessgeräte. Oder sie schlüpfen in die Rolle der sogenannten «Hunter», die in der Nacht die Scooter ähnlich wie Pokémons beim Handyspiel Pokémon GO in den Strassen aufspüren und einsammeln, um deren Akkus aufzuladen – ein aufwändiger Job, der wenig Geld bringt. Es sind starke Szenen, mit gekonnten Auftritten. Die dem Starlight-Express nachempfundene Bühne kann zwar nicht mit der Grösse derjenigen des Musicals mithalten, ist aber ein ebenso grandioser Anblick.

Zeitloses Erlebnis

Dazwischen cruisen die Schauspieler*innen aber lange hin und her, ohne ersichtlichen Mehrwert für die Erfahrung der Zuschauer*innen. Das macht das Stück etwas langwierig. Aber auch das ist ein Charakteristikum des visuellen Gedichts. Die Zuschauer*innen müssen sich ganz von diesem fast tranceartigen Sog einwickeln lassen. Erst dann wirkt dieses zeitlose und raumgreifende Erlebnis. Dann erkennt man, dass die Scooter nicht für sich, sondern vielmehr für die teilende Gesellschaft stehen, die selbst immer mehr zum Businessmodell, zur Sharing Economy, wird. Das Theater lässt die Zuschauer*innen dieses neue Lebensgefühl entdecken und meditiert darüber, was das mit uns macht.

«This will be bigger than the internet», sagte der amerikanische Investor John Doerr 2001 über den Segway. Er hatte sich geirrt. Aus dieser Idee sind nun zwar die E-Scooter entstanden, aber mit ihnen wird es sich wohl nicht anders verhalten. Der Traum von der umweltfreundlichen Verkehrsmittelalternative, die individuell genutzt und doch geteilt wird, ist geplatzt. Das Internet hat uns weltweit vernetzt, in der Sharing-Economy wollen wir nun alles teilen. Aber bisher sind wir uns dadurch nicht wirklich nähergekommen.

Und so läuft das Stück leise und unspektakulär aus. Die Zuschauer*innen finden sich in der Zukunft wieder, eine E-Scooter-Tour führt durch den Raum und erklärt, hier im Theater Neumarkt seien im Spätkapitalismus Theaterstücke zur Mobilitätswende aufgeführt worden. Bald fahren auch diese Roller nicht mehr, sie bremsen sich selbst aus. Fast liebevoll werden die E-Scooter versorgt. Man hat doch noch seinen Frieden mit diesem Hassobjekt geschlossen. Die Liebesgeschichte zwischen uns und der Sharing-Economy ist eben kompliziert. Zurück bleibt Leere, aber auch der fast zärtliche Gedanke an den guten alten E-Scooter. Bis man draussen vor dem Theater über den nächsten Trotti-Kadaver am Randstein stolpert. Das nächste Gefährt kommt bestimmt.

 

«Trottinett Ballett» von Piet Baumgartner, Julia Reichert und Rio Wolta ist bis Ende Mai im Theater Neumarkt zu sehen.

 

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