Die Autorin von «Lauter Frauen. Zwölf historische Porträts»: Caroline Arni. Porträt: Tom Haller

Porträts als Kompass

von

Fünf Jahrzehnte Frauengeschichte zu erzählen ist ein beachtliches Unterfangen. Ein Buch reicht da kaum aus. So erscheint in diesem Jahr, in dem sich die Einführung des Frauenstimmrechts zum fünfzigsten Mal jährt, ein Buch nach dem anderen, das dieses Ereignis beleuchtet, das die Geschichte bis zu diesem Punkt und darüber hinaus betrachtet, das sich mit der Vergangenheit und Zukunft der Frauen befasst. Caroline Arni, Historikerin und Professorin an der Universität Basel, hat dafür die Form der Porträts gewählt. Ihr Buch reiht sich damit ein in eine Zahl von Titeln, die derzeit von Frauen erzählen, die gegen den Strom ankämpften, auffielen, sich für die Gleichstellung aufopferten oder deren Leben Licht auf die damalige Gegenwart werfen.

Die zwölf Porträts von Arni sind «lauter» Frauen, deren Geschichten sie «berührt oder auch irritiert haben». Unvermeidbar unterliegt diese Zusammenstellung sowie die Auseinandersetzung mit den Biografien der subjektiven Selektion der Autorin. Die Leser*innen folgen Arnis eigenen Interessen. Sie wählt aus, verbindet das eine mit dem anderen, lässt aus. Gemeinsam ist den zwölf Frauen fast nur, dass ihre Biografien, zumindest teilweise, in der Schweiz spielen. Dazu gehören unter anderem sehr prominente Namen, die eben gerade in diesem Jahr immer wieder auftauchen, wie Iris von Roten oder Emilie Kempin-Spyri. Arni flicht aber auch weniger geläufige oder gar unbekannte Namen ein: Julie Bondeli, Tochter einer Patrizierfamilie zur Zeit der Aufklärung, Pauline Buisson, die als Sklavin geboren wurde und in Yverdon einer reichen Familie diente, Psychoanalytikerin Goldy Parin-Matthèy oder ihre eigene Grossmutter. Die Lebensgeschichten dieser Frauen lassen sich auf vielfältige Weise miteinander verknüpfen, aber auch voneinander unterscheiden. Und «nie verbindet eine alles mit einer anderen».

Arni wählte absichtlich nicht nur Frauen, die besonders bekannt sind oder als «stark» bezeichnet werden. Es soll «keine Galerie von Heldinnen sein», denn alle Frauen hätten ein Anrecht auf Geschichte. Die Historikerin betont auch, dass das, was uns heute unerhört oder als Zumutung erscheint, zur damaligen Zeit nicht immer auch so aufgefasst worden war. So laufen unsere eigenen Projektionen heute Gefahr scheinbare Widersprüche hervor zu beschwören, wo diese in der Vergangenheit und mit der damaligen Auffassung nicht bestanden haben mögen. «Das Flüstern im Archiv sind die Stimmen der andern Lebenden, die etwas weiter weg sitzen, andere Papiere umblättern, andere Fragen haben», schreibt Arni.

Die Porträts haben auch nicht den Anspruch, vollständig zu sein, den Lebenslauf einer Frau biografisch komplett abzubilden. Es sind stattdessen liebevolle, poetisch geschriebene Erzählungen, in denen man die Vorlieben und Interessen der Autorin, die sich bewusst selbst nicht verbirgt, auch immer wieder erkennen mag.

So individuell die Ereignisse auch sein mögen, sie bieten auch immer einen Einblick in die kollektiv geteilte Geschichte. Arnis Buch darf eines von vielen ähnlichen sein, denn «seit Langem und auf stets neue Weise hat da, wo das Menschliche näher bestimmt worden ist, das Männliche das Modell abgegeben». Dabei sei das, was als «Frauengeschichte» gilt, eben auch «die ganze Geschichte». Das Männliche wurde lang für das Allgemeine und Ganze gehalten. Während alles andere als das Nebendran, das Abweichende galt. In der Vergangenheit haben sich stets andere Bilder von der Frau gemacht, entstanden ist «ein Gefüge aus Projektionen, Sehnsüchten, Phantasmen. Jeder kann ihr eine Geschichte andichten, die nie sie macht». So erzählt Arni beispielsweise von einer Totenmaske einer Frau, die im Schlafzimmer ihrer Grossmutter hängt, ein Gegenstand, den männliche Schriftsteller, etwa Schiller oder Heine, in ihren Erzählungen brauchten, um ihn nach ihren Vorstellungen zu formen und der so zu einem Symbol der Entrechtung und Fremdbestimmung wird.

Die Geschichten, die Caroline Arni nachzeichnet, dienen zur Orientierung, wie «ein Kompass ausgerichtet nach Zeitrichtungen», zu wissen, «aus welcher Vergangenheit wir kommen, in welche Gegenwart es uns verschlagen hat, wo die Zukunft liegt». Sie sind aber auch einfach schön zu lesen.

«Lauter Frauen» von Caroline Arni ist am 21. September im Echtzeit Verlag erschienen. Die Buchvernissage findet am Freitag, 24. September, 19.30 Uhr im Kosmos statt.

 

Das Buch enthält Zeichnungen von Karoline Schreiber. Cover: Karoline Schreiber.

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