Die Lange Nacht der Kritik wurde als Gegenveranstaltung zur Langen Nacht der Karriere gegründet. Illustration: Sumanie Gächter

Die Lange Nacht der Kritik wurde als Gegenveranstaltung zur Langen Nacht der Karriere gegründet. Illustration: Sumanie Gächter

Raum für systemkritische Diskussionen

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An der diesjährigen Langen Nacht der Kritik lädt die Fraktion kriPo nationale und internationale Aktivist*innen zu Debatten ein.

Die Lange Nacht der Kritik ist als Gegenpol zur Langen Nacht der Karriere konzipiert. Die beiden Anlässe finden jeweils zeitgleich im November an der Uni Zürich statt. Die Lange Nacht der Karriere («Long Night of Careers» genannt) schafft eine Plattform für Konzerne, die Studierende anwerben und deren CV für die Marktwirtschaft perfektionieren. Die Studierendenorganisation für Kritische Politik (kriPo) bietet mit ihrer Gegenveranstaltung ein Alternativprogramm. Dieses soll auf Missstände aufmerksam machen, die über die akademische Welt hinausreichen.

Dieses Jahr wurden Aktivist*innen aus Chile und Afghanistan sowie Mitglieder des Feministischen Fussballverbandes eingeladen. Eine Masterstudentin der Uni und ein Doktorand der ETH runden das Programm unter dem Stichwort «Ökofeminismus meets Klimaforschung» ab. Es finden jeweils zwei Blöcke zeitgleich statt, dazwischen gibt es eine Pause. So können sich die Teilnehmenden verpflegen, austauschen und unkommerzielle Stände entdecken, etwa den des kritischen Online-Magazins «Das Lamm».

Ein interdisziplinäres Projekt

Die erste Lange Nacht der Kritik entstand 2016 an der Universität Zürich. Davon wurden die Uni Basel, die Uni Bern und die Fachhochschule St. Gallen für ein ähnliches Programm inspiriert. Letztes Jahr entstand in enger Zusammenarbeit mit Studierenden der Uni Basel und diversen Hochschulkollektiven das Magazin sirène unter dem Titel «Herrschaftskritik, Widerstand und Emanzipation in den Bildungsanstalten». Darin proklamiert die Redaktion: «Vor allem im Uni-Kontext sind kritische Studierende mit der Situation konfrontiert, dass viel Wissen und Engagement aufgebaut wird, kurzfristig viel Aufmerksamkeit und Solidarität aufblüht, aber oft nicht konserviert werden kann.»

Somit könnten universitäre Kollektive und Bewegungen nur selten langfristig erhalten werden. Eine wichtige Frage für die Zukunft sei daher, «wie wir diese vereinzelten Kämpfe noch mehr kollektivieren und institutionenübergreifend verschwestern können». Letztlich plädiert sirène dafür, die universitäre Zusammenarbeit auf die Bereiche Migration, Klimakrise, Feminismus, Anti-Faschismus und Anti-Rassismus auszuweiten und dafür verstärkt mit externen Bewegungen zu kollaborieren. Im diesjährigen Programm der Langen Nacht der Kritik in Zürich scheint dies angestrebt worden zu sein.

Strukturelle Probleme ausserhalb der Uni

Auf die Frage, weshalb die Lange Nacht der Kritik einen geeigneten Rahmen für die Anliegen des Feministischen Fussballverbandes biete, antwortet Verbandsmitglied Wanda Siegfried: «Wir sind noch eine sehr junge Organisation und nehmen deshalb gerne an Anlässen teil, bei denen wir von unserer Arbeit erzählen können. Ich persönlich finde die Lange Nacht der Kritik auch einfach eine gute Sache.» Generell hofft sie, am Anlass neue Leute «ins Boot» holen und ihren Verband breiter vernetzen zu können. Sie sei aber auch offen für kritische Inputs der Teilnehmenden. Das Ziel sei, dass «alle etwas lernen können», so Wanda.

Auch wenn die Lange Nacht der Kritik tendenziell ein kritisch reflektiertes Publikum anzieht, meint die Fussballerin, dass es auch im akademischen Rahmen Raum für mehr Bewusstsein für die strukturellen Probleme im Frauenfussball gebe. Die Aufgabe ihres Verbandes sieht sie darin, «Rollenbilder zu durchbrechen und Diskussionen darüber anzuregen». Im Workshop am 11. November werden konkrete Beispiele aus dem Profifussball, dem Breitensport und aus der Fanszene vorgestellt, welche Ungleichheiten im Frauenfussball illustrieren sollen. Daneben betont Wanda die Wichtigkeit einer offenen Debatte: «Wir möchten über mögliche Lösungsansätze diskutieren oder darüber, ob wir wirklich wollen, dass Frauenfussball so kommerzialisiert wird wie Männerfussball, und welche Alternativen es dazu gibt.»

Internationale Stimmen

Alternativen aufzuzeigen ist ein zentraler Anspruch der Langen Nacht der Kritik. Im Zentrum steht aber auch, Betroffene zu Wort kommen zu lassen und keine privilegierten Sprecher*innen-Rollen einzunehmen. Beim diesjährigen Chile-Workshop wird dies umgesetzt, indem zwei Basisaktivistinnen der sogenannten «Oktoberrevolte » live aus Chile zugeschaltet werden.

«Radikal ist, dass die Uni Konzerne einlädt, die Studierende anwerben.»

Anna Meier, kriPo-Mitglied und Organisatorin der Langen Nacht der Kritik

Diese erzählen die Ereignisse des nationalen Aufstands aus feministisch-historischer Perspektive. Die Oktoberrevolte bezeichnet eine Zeit von anhaltenden Protesten gegen die Lebensumstände und politischen Bedingungen des südamerikanischen Landes.

Die Demonstrationen mit Ursprung in der Hauptstadt Santiago veranlassten die neoliberale Regierung, einen nationalen Ausnahmezustand auszurufen und das Militär gegen die Demonstrierenden einzusetzen. Daraufhin gewann die Bewegung im ganzen Land an Unterstützung. So konnte schliesslich eine Umstrukturierung der chilenischen Verfassung, welche noch aus der Militärdiktatur von 1973 bis 1990 stammte, erreicht werden. Das Lamm berichtete zum zweijährigen Jahrestag der Oktoberrevolte, dass die Änderungen grundlegend von der feministischen Bewegung – vereint unter der Dachorganisation Coordinadora Feminista 8M – geformt wurden. So zeigt der Workshop an der Langen Nacht der Kritik das Potential von vereinten Bewegungen.

Zunehmende Ökonomisierung der Uni

Anna Meier, Timothy Schürmann und Sascha Deboni, Studierende an der Universität Zürich und aktive kriPo-Mitglieder, helfen dieses Jahr mit, den Anlass zu organisieren. Die drei sind sich einig, dass die Uni einem zunehmenden Prozess der Ökonomisierung unterliegt. Anna betont: «Dieser Prozess scheint unstoppbar. Mit der Langen Nacht der Kritik wollen wir Gegensteuer halten und zeigen, dass uns anderes wichtiger ist.» Denn statt grosse Karrierechancen anzupreisen, sollte vielmehr die Frage diskutiert werden, «wer aus welchem Grund Karriere machen kann und was das bedeutet».

Raum für Betroffene

Auf die Frage, ob der Anlass als zu radikal wahrgenommen werden könnte, entgegnet sie: «Radikal ist, dass die Uni Konzerne einlädt, die Studierende anwerben.» Auch Sascha betont: «Unserer Ansicht nach hat die Uni in erster Linie einen Bildungsauftrag. Fortbildung, Allgemeinbildung und eben auch kritische Bildung.» Das langjährige kriPo-Mitglied Timothy schliesst: «Mit der Langen Nacht der Kritik wollen wir einen Raum schaffen, worin Betroffene zu Wort kommen und Diskussionen entstehen, die über Metadiskurse auf akademischer Ebene hinausgehen.»

Nun bleibt zu hoffen, dass dieser Raum von breiten Bevölkerungsschichten wahrgenommen wird, sodass sich die kritischen Debatten auch ausserhalb eines kleinen Kreises von Gleichgesinnten entfalten können. So nahmen am Onlinevent letztes Jahr etwa 40 Personen teil, gegenüber 1’700 Teilnehmenden bei der virtuellen Long Night of Careers. Es scheint, dass das nicht-kommerzielle Alternativprogramm von den Studierenden weniger wahrgenommen wird.

Die Lange Nacht der Kritik findet am 11. November ab 18:15 Uhr in den Containerräumen an der Schönberggasse 11 statt. Das Organisationskomitee heisst jegliche Interessierte willkommen. Coronatests werden vor Ort zur Verfügung gestellt, sodass trotz Zertifikatspflicht niemand ausgeschlossen wird. Details zum Programm werden zeitnah kommuniziert.

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