Auf dem Garten der Stadionbrache ist Platz für verschiedene selbstorganisierte Projekte. (Bild: Sumanie Gächter)

Raum ist nicht gleich Raum

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Stadt und Bevölkerung verhandeln über die Gestaltung ihrer Freiräume. Eine Erkundungstour durch Zürich-West soll Einblicke liefern.

Wer durch Zürich spaziert, wird Freiräumen in verschiedensten Formen begegnen: am Seeufer, in Parks, am Letten, auf dem Bürkli- oder Bullingerplatz. Gemäss einer Analyse der Freiraumversorgung der Stadt Zürich ist ein grosser Teil der Wohngebiete ausreichend mit öffentlichen, nutzungsoffenen Freiräumen versorgt. Trotzdem: Mit steigenden Bevölkerungszahlen müssten zusätzliche Frei- und Grünräume realisiert werden. Gebiete mit hoher Arbeitsplatzdichte, etwa die Altstadt, Oerlikon oder Zürich-West haben im Vergleich weniger Freiräume zur Verfügung. Die Stadt Zürich definiert Freiräume als zu Fuss erreichbare, allgemein zugängliche Orte, die sich für alltägliche Erholung im Quartier eignen. Diese Definition lässt sich durch eine weitere Komponente erweitern:

Gestaltungsmöglichkeit. Freiräume begrenzen sich nicht nur auf leere Plätze und Wiesen, die besucht werden wollen, sondern lassen sich auch durch individuelle Nutzungsmöglichkeiten kreieren. Wer die Suche nach Freiräumen mit dieser erweiterten Definition ergänzt, wird stutzig. Selbst auf öffentliche Orte einzuwirken ist nur schwer bis gar nicht möglich. Wie steht es also um Orte in Zürich, deren Funktionalität lediglich durch Nutzende gesetzt wird? Auf der Suche nach Antworten und Eindrücken begebe ich mich in ein städtebaulich umstrittenes Quartier: Zürich-West.

Dort treffe ich auf Kim*. Kim* setzt sich seit dem Kunststudium in den 90ern mit der städtebaulichen Veränderung Zürichs auseinander, ackert regelmässig Protokolle der Stadt Zürich durch und war über die Jahre in zahlreichen Kollektiven aktiv. Dazu gehören die Interessengemeinschaft Freiräume Zürich West, die Allianz für lebenswerte Stadtentwicklung Zürich oder die Gruppe «De Rest vo Züri West», die sich mit allem Verbleibendem im Quartier auseinandersetzt. Ihre Facebook-Seite beschreibt sich als: «Eine Seite für alles, was nicht neu, teuer und kastenförmig ist.»

Ein Stadtteil im Wandel

Das Gesicht von Zürich-West hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert. Wo früher Lager- und Produktionshallen, Brachen oder Arbeiter*innen-Wohnungen standen, wachsen heute hippe Wohnblöcke und Bürogebäude in die Höhe. Drumherum finden sich minimalistisch gestaltete Erholungsräume wie der Techno- oder der Pfingstweidpark. Die architektonische Veränderung hat auch demographische Veränderung nach sich gezogen: Seit Beginn der 2000er ist der Anteil der dort arbeitenden Bevölkerung um einen Drittel gestiegen, die Wohnbevölkerung hat sich innerhalb von zehn Jahren, zwischen 2006 und 2016, mehr als verdoppelt, der Ausländer*innenanteil ist seit 2000 etwa um 30 Prozent gesunken.

Kim* und ich treffen uns gegenüber vom Puls 5. Der grosse schwarze Klotz steht sinnbildlich für den Anfang des heutigen «Trendquartiers mit Industriecharme». Wir laufen los, um uns im Quartier auf Erkundungstour zu begeben. Über breite Strassen, vorbei an hohen, eckigen Gebäuden klappern wir verschiedene urbane Schauplätze ab. Es scheint, als ob Kim* zu jedem eine Geschichte erzählen könnte. Meist sind es Geschichten von Verdrängung, wie die des ehemaligen Nagelhauses neben dem Hotel Renaissance, welches einer neuen Strasse weichen musste.

Wo heute der Pfingstweidpark steht, stand bis 2012 eine Brache mit Kunstprojekten und Schrebergärten. Das Industriequartier brauche «mehr Infrastruktur und Freiräume», schrieb die Stadt Zürich auf ihrer Homepage, so wurde das Areal mit den Kleingartenstrukturen geräumt. Die Bedürfnisse der Bevölkerung sind zwar in den Ausschreibungsprozess des Architektur-Wettbewerbs eingeflossen, die finale Umsetzung blieb jedoch weitgehend einem Büro für Landschaftsarchitektur überlassen. Die Kapital- und Unterhaltskosten des Pfingstweidparks belaufen sich jährlich auf circa 3,6 Millionen Franken.

Ein freier Raum?

Nun ist dort zwischen Gleisen, mehrspurigen Strassen und Hochhäusern ein Park mit Schulhaus eingebettet. Die neu geschaffene Grünfläche soll Freiraum und Erholung für das Quartier bieten. Symmetrisch angeordnete Bäume, eine von Beton eingerahmte Grünfläche, Ping-Pong-Tische und ein runder in Beton eingefasster Teich – die Parkanlage scheint einem computergenerierten Bild eines Architekturmagazins entsprungen zu sein. «In dieser Parkanlage ist alles vorbestimmt: Wo man zu sitzen hat, wo man grillieren, wo man spielen soll. Der individuellen Entscheidung ist wenig überlassen», so Kim*. Der Park wertet die umliegenden Immobilien auf. Die Mietzinsen der angrenzenden Hochhäuser sind dementsprechend hoch und von überwiegend wohlhabenden Teilen der Bevölkerung bewohnt. Die pulsierende Diversität, die Städte belebt, ist nicht spürbar.

Am Ende des Parks führt eine futuristisch anmutende Brücke Fussgänger*innen über die Strasse direkt vor das Bundesasylzentrum (BAZ). Am Treppenende sitzen ein paar junge Bewohner*innen und rauchen. Verbindende Wirkung scheint die Brücke nicht zu haben. «Bewohner*innen des BAZ kommen dafür oft auf die Stadionbrache des Hardturmareals, um ihre eigenen Gerichte zu kochen», erzählt Kim*.

Wir laufen die mehrspurige Pfingstweidstrasse weiter entlang, vorbei an der grauen Kunsthochschule, vorbei an etlichen ähnlich wirkenden Gebäuden, bis wir vor ein Gartentor gelangen. Der Eingang zum Garten der Stadionbrache ist unscheinbar. Dass hier vor 2008 einmal ein Stadion stand, lässt sich kaum mehr erahnen. Seit 2011 wird das Areal vom Verein Stadionbrache zwischengenutzt. Auf dem bepflanzten Teil der Brache wächst ein urbanen Dschungel vor sich hin. «Alle Strukturen wurden von Benutzer*innen selbst errichtet», erzählt Kim*. Auch die Instandhaltung werde intern organisiert. Die Unterhaltskosten belaufen sich so auf etwa 30’000 Franken im Jahr.

Ein Ort voller Kontraste

Dringt man weiter in den Garten vor, eröffnet sich auf den drei Hektaren ein Mikrokosmos an Projekten: Ein gemeinschaftlicher Garten, eine Skater-Bowl, ein Hühnergehege und inmitten des Gartens eine Ansammlung überdachter Tische neben einem selbstgebauten Pizza- und Brotofen. Im hinteren Teil befinden sich ein Boulder-Würfel, eine Jurte und ein kleiner Fussballplatz. Auf der geteerten Seite des Areals ist ein kleines Wohnwagen-Dorf parkiert. Fahrende bauen dort mehrmals jährlich ihre Strukturen auf. «Hier treffen verschiedene Menschen aufeinandertreffen, die sich tolerieren. Auch wenn nicht alles immer harmonisch verläuft, wenn Sprayer*innen, Familien, Fahrende oder Aktivist*innen zusammenkommen: Reibung macht diesen Raum lebendig», sagt Kim*.

Wenige hundert Meter voneinander entfernt eröffnen sich zwei Orte: beide mit dem Ziel, der Bevölkerung Raum zu geben. Ihre Entstehung unterscheidet sich jedoch grundsätzlich. So wurde der Freiraum auf der Stadionbrache auf Initiative der Bevölkerung geschaffen und im Gegensatz zu vielen anderen Freiräumen frei nach deren Bedürfnissen gestaltet. Bis zum Bau des neuen Stadions bleibt er hoffentlich nicht der letzte.

*Name der Redaktion bekannt

 

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