Bild: Marie Tamanova

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Rezension: Von damals bis jetzt und darüber hinaus

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Country-Album — Lavender Countrys selbstbetiteltes Album aus dem Jahr 1973 war das erste Country-Album überhaupt, das durchgehend aus einer expliziten LGBTQI+-Perspektive geschrieben ist. Es war ein grossartiges, liebenswertes Stück Musik mit Lo-Fi-Charme, zart, beschwingt, nuanciert, humorvoll und mutig; und die Band um Sänger und Songwriter Patrick Haggerty stellte sich in ihren Texten immer auch in Beziehung zu anderen politischen und gesellschaftlichen Bewegungen, verortete sich an einer Stelle, an der Feminismus, LGBTQI+-Movement, Antirassismus und sozialistische Politik zusammenkamen. Ein grösseres Publikum konnte damit 1973 indes nicht erreicht werden: Eine Radio-DJ verlor ihren Job, nachdem sie das unverblümte «Cryin’ These Cocksucking Tears» abgespielt hatte; das Album blieb mit Blick auf die Verkaufszahlen ein Nischenphänomen.

Bald wurde es ruhig um die Band; lange Zeit war die Musik kaum verfügbar – bis vor ein paar Jahren eine jüngere, diversere Country-Szene sie wiederentdeckte, ein Reissue folgte, ein Dokumentarfilm, später Anerkennung, Coverversionen, Zusammenarbeiten aktueller Künstler*innen mit dem alten Haggerty, dessen Stimme noch genauso gutherzig klingt wie in den 70ern. Und dann: «Blackberry Rose», das zweite Album, fast ein halbes Jahrhundert später. Neben Robert Hammerstrom, der schon seit jeher zur Band gehört, sind jüngere Country-Künstler*innen wie Jack Grelle, Paisley Fields und die grossartige Kassi Valazza (sie singt Lead auf «Red Dress», einer genretypischen Erzählung von Geschlechterkonflikten; man höre bitte auch ihr Debüt «Dear Dead Days»).

Der Opener ist eine Reprise von «I Can’t Shake the Stranger Out Of You», dem sprachlich verspielten, thematisch melancholischen Highlight vom ersten Album, ein Lied über Unnahbarkeit und die Schwierigkeit der Intimität, jetzt üppig und dicht im schönsten Nashville-Sound neuvertont. Es ist mehr als Recycling eines alten Stücks, es stellt vielmehr aus, wie reflektiert «Blackberry Rose» sich zur Geschichte verhält, zu der des Genres, derjenigen der Band selbst und der der gesellschaftlichen Bewegungen, deren Repräsentantin sie war und ist. Diese Geschichten sind dabei etwas, was untersucht, aufgegriffen und weitergedacht wird, ohne einen Platz für Feierlichkeit und Musealisierung: Auch das politisch deutlichste Stück «Clara Fraser, Clara Fraser», ein launiges Loblied auf die namensgebende Arbeitsrechtlerin und Feministin, gibt sich doppelbödig, geschrieben aus der Perspektive eines verdutzten Konservativen («She never would pledge my oath of loyalty / Cause she loves Karl Marx more than she loves me»).

Der bodenständige Jammer von «Lament of a Wyoming Housewife» steht neben einer feministischen Kontrafaktur des Tammy-Wynette-Klassikers «Stand By Your Man» namens «Stand On Your Man» («Tell him to do the mopping / while you go out bar hopping»); bisweilen gibt Haggerty Beziehungsratschläge an heterosexuelle Paare (er ermahnt zur Ehrlichkeit und zu emotionaler Verfügbarkeit statt zu tradierten Ritualen: «She don’t want your sick ass roses / she wants you»). Aber durchwegs ist «Blackberry Rose» durchwirkt von einer Aura von Jux und spielfreudiger Gemeinschaftlichkeit, die trotz allen Faxen keinen Hehl aus seiner politischen Aufrichtigkeit macht. Es ist traditionsbewusst und utopisch, es ist nicht recht von gestern und auch nicht ganz von heute, sondern zeichnet den Weg nach – von damals bis jetzt und darüber hinaus.

Das Album «Blackberry Rose» ist auf Streamingplattformen zu hören.

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