Bild: Lucie Reisinger

Bild: Lucie Reisinger

Sommerlektüre aus Zürich

von

Weil du endlich Zeit dazu hast, die Sonne sich im Bildschirm spiegelt und du am Letten auch mit deinen inneren Werten überzeugen willst: Wir haben für euch das Spannendste ausgewählt, was Zürcher Verlage diesen Frühling veröffentlicht haben.

«Pourquoi êtes-vous si triste?»

Brandy – Sasha lebt und trinkt für zwei Wochen in Paris. Ihre Vergangenheit ist Gegenwart und umgekehrt. Sie sitzt alleine, traurig und verloren bei einem Drink in einer verrauchten Bar in Montparnasse oder in ihrem schäbigen Hotelzimmer. Die Menschen um sie herum bemitlei- den und verachten sie: «Plat du jour – gekochte Augen, kalt serviert…» Sasha taumelt in einem Nebel durch die Strassen, lernt zwei Russen, einen Künstler und einen Gigolo kennen – und bleibt einsam. Sie weint, sie denkt, sie hofft. Dabei erfährt man vom Drama ihres Lebens.

Jean Ryhs schafft es, mit klarer Sprache das Gefühl von Abhängigkeit, Schmerz und Gleichgültigkeit zu vermitteln. Die spärliche Handlung, Gedankensprünge und Wiederholungen verleihen dem Roman einen Sog, wie eine nie endende Nacht. [luc]

Jean Ryhs – Guten Morgen, Mitternacht 288 SeitenKampa Verlag

 

«…, wie die Doumpalme, die die Abwesenheit des Regens erträgt.»

Waldspaziergang – Usama verteilt gerade Pizzaflyer in Bremgarten, als ihn ein Anruf aus Bagdad erreicht. Sein Bruder Ali ist auf dem Weg an die Uni verschwunden. Nichts Ungewöhnliches in der von Diktatur und Bürgerkrieg verwüsteten irakischen Hauptstadt. Usama und seiner Familie bleibt nichts, ausser zu warten und zu hoffen. Zu seiner eigenen Überraschung findet er Hoffnung und Trost im Wald – einem Ort, den er als Kind für fremd und gefährlich hielt. Leise rauschend hören die Bäume zu, wenn sich Usama fragt, wie er eine Stadt so sehr lieben kann, in der Leichen von den Eukalyptusbäumen hängen, unter denen sich früher Liebespaare trafen.

Es liegt an Al Shahmanis unaufgeregter Sprache, dass der Roman trotz Baum-Umar- men und Gewalt weder düster noch kitschig wirkt. Und gerade weil Usama aus der Schweiz über den Irak erzählt, rückt seine ferne Heimat für mich noch näher: Ich sitze am selben See wie er, als er seinen Bruder auf Fotos von Leichen zu identifizieren versucht. Eine Lektüre, die einen zum Hinschauen zwingt – und hilft, dabei nicht zu verzweifeln. [af]

Usama Al Shahmani – In der Fremde sprechen die Bäume arabisch, 192 Seiten Unionsverlag

 

«Die Kunst ist ein Gewächs, eine Flechte, die über alles drüberwächst.»

Leben einhauchen – Der neue Roman der Zürcher Autorin Julia Weber ist eine nachdenkliche und dennoch packende Lektüre – wunderbar für den Liegestuhl im Sommer. Fragmentarisch setzt sich die Autorin mit Mutterschaft, dem Schreiben, der Kunst und Beziehungen auseinander. Auf einer Erzählebene ist die Ich-Erzählerin gerade dabei, einen Roman zu schreiben, als sie zum zweiten Mal schwanger wird. Was wird dieses Kind für sie und ihre Kunst bedeuten? Sie sucht nach Antworten in Gesprächen, Brieffreundschaften und Simone de Beauvoirs Texten. Auf einer zweiten Ebene spielt der Roman, den sie schreibt. Erst nach einigen Seiten wird der Leser*in klar, dass sich die Ich-Erzählerin auch mal mit ihren eigenen Romanfiguren unterhält und sogar eine Zigarette mit ihnen raucht oder sich zu ihnen ins Bett legt.

Beim Lesen fragt man sich, was die Autorin mit der Ich-Erzählerin gemeinsam hat und was die Ich-Erzählerin mit ihren Figuren verbindet. Wie geht eigentlich das Kunstschaffen mit dem Elternsein zusammen? Kann man das Privatleben von der Kunst trennen, muss man das überhaupt, oder bringt eine Vermengung einen Gewinn? Diese Fragen stehen im Zentrum des Textes. Ein Gewinn ist es jedenfalls, diesen Roman zu lesen, insbesondere wenn man elegante, poetische Sprache schätzt und sich für feministische Themen interessiert. [am]

Julia Weber – Die Vermengung 348 Seiten Limmat Verlag

 

«Dem Duft nach frisch gekochtem kubanischem Kaffee folgend…»

Geheimnisse – Eine Geschichte ist nie nur eine Geschichte. Sie besteht aus vielen klei- neren Geschichten, die wie Puzzlestücke zusammen ein Ganzes ergeben. Das Rätsel ist erst gelöst, wenn jede Geschichte erzählt und jedes Geheimnis gelüftet ist. Viel zu verraten haben auch die Figuren in diesem Roman: Eine Freundesgruppe aus Havanna, von Kaffee und Rum verbunden, die sich nach dem Fall der Mauer in alle Winde zerstreut. Es handelt von Havanna nach dem Fall der Mauer, um Freund- und Liebschaften, das Sich-Selbst-Finden und Wieder-Verlieren. Wer in die Welt eintaucht, verliert sich, um am Ende zu finden, was alle wissen, aber nicht wahr haben möchte: Was auch immer wir mit unserem Leben tun, alles, was am Ende bleibt, und wir am Ende sind, ist «dust in the wind». [ajm]

Leonardo Padura – Wie Staub im Wind 528 Seiten Unionsverlag

 

«Die Heimat lieben, Bitch!»

Käuflich – In Filipenkos Roman ist alles, wie es scheint: Der patriotische Oligarch versteckt sein Vermögen im Ausland, sein Vorzeigesohn ist in einen französischen Kommunisten verliebt und ein ambitionierter Sportjournalist schröpft das Vermögen seiner Frau. Für Bescheidenheit ist in Filipenkos russischer High Society kein Platz. Wer nicht nach oben strebt und nach unten kickt, bekommt statt einer goldenen eine gebrochene Nase. Man kann niemandem trauen, auch dem Ich-Erzähler nicht. Wieso inszeniert er das Geschehen wie eine Sonate? Will auch er uns an der Nase herumführen? Zum Glück gibt es Anton Quint, ein Investigativ-Journalist auf den Spuren der Oligarch*innen. Aber werden seine Recherchen reichen, um die dreckigen Machenschaften aufzudecken?

Dieses Buch liest man am besten in einem Zug – wortwörtlich, um sich dann bei der Ankunft in eine Recherche über die reale russische High Society zu stürzen. [af]

Sasha Filipenko – Die Jagd
288 Seiten Diogenesverlag

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