Die letzte legale Münchner Sprühfläche umgibt das Areal des alten Viehhofs. Hier werden Events und Workshops abgehalten. Bild: Leah Süss

Die letzte legale Münchner Sprühfläche umgibt das Areal des alten Viehhofs. Hier werden Events und Workshops abgehalten. Bild: Leah Süss

Sprühparadies München

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Streetart wird in der Stadt zugleich verdrängt und gefördert.

Wie alle, die neu in München sind, schlendere ich staunend über den Marienplatz im Herzen der Altstadt. Anders als die munter zum Frühlingsfest oder zum Viktualienmarkt pilgernden Massen lasse ich die selbst für Zürcher Verhältnisse gepützelte Innenstadt hinter mir. Mein Ziel: die Streetart-Hotspots der Isarmetropole. Martin Arz’ «Streetart München – Reiseführer für Münchner» zeigt mir dabei den Weg.

Von der Personenunterführung am Friedensengel geht es der Isar entlang über die Brudermühlbrücke bis zur letzten legalen Sprühfläche beim Alten Viehhof. Ich radle los zu Mauern, wo berühmte Crews und Nachwuchstalente ihre Spuren hinterlassen haben. Die aufwändigen Werke erinnern an die East Side Gallery in Berlin, jedoch in Klein und Unprätentiös.

Fehlende Infrastruktur

München macht definitiv keinen Rummel aus der städtischen Streetart-Szene. So sehen sich Sprühköpfe den grossstadtüblichen Problemen ausgesetzt: Gentrifizierung und Kriminalisierung von Streetart. Anders als in Berlin, London oder Paris gibt es in München aber keine Quartiere, wo sich urbane Kunst konzentriert. Vielmehr ist sie über die Stadt verteilt, teils unter Brücken und in Unterführungen versteckt.

Laut Arz sind die alten Fabrikgelände der 80er-Jahre und ehemalige Militärgelände, die ohne Konsequenzen bemalt werden konnten, längst Geschichte. «Wenn heute Firmen, vor allem Brauereien, ihre Innenstadtlagen aufgeben, dann erfolgt keine Zwischennutzung mehr, geschweige denn streetartprovozierender Leerstand, sondern sofortiger Abriss und zügige Neubebauung», schreibt der Münchner.

Um dem Problem der umkämpften Flächen zu entgegnen, präsentiert München seit 2016 urbane Kunst in geschützten Museumshallen. So mache ich einen Zwischenstopp beim ersten Streetart-Museum Deutschlands, dem Museum for Urban and Contemporary Art (MUCA). Auf drei engen Stockwerken findet sich Streetart auf Leinwänden, ergänzt von besprühten Holz-, Wellblech- oder Keramikflächen, die dem Entstehungsort entnommen wurden.

Die Halle ist komplett schwarz bemalt, die Werke werden auf Industriegerüsten präsentiert. Auch wenn sich das Museum sichtlich Mühe gibt, den subkulturellen Untergrund zu repräsentieren, fällt es mir schwer, mit der Ausstellung warm zu werden. Die weltberühmten Werke von Banksy, Os Gêmeos, Invader oder Shadowman wirken stumpf, deplatziert. In einem Interview anlässlich der Eröffnung des Museums stellte Sebastian Pohl, der künstlerische Leiter des Streetart-Kollektivs «Positive Propaganda», den Sinn des MUCA-Museums infrage: «Ich finde, man sollte ein Museum mit Werken noch lebender Künstler*innen nur machen, wenn man mit denen tatsächlich auch zusammenarbeitet.»

Weiter kritisiert er «genrefremde Personen, die sich am Erfolg dieser jungen Subkultur bereichern wollen», etwa durch «Kunsthandel, dilettantische Publikationen oder sogenannte Street-Art-Touren», die in München beispielsweise für 29 Euro angeboten werden. Arz, dessen Buch vom MUCA unterstützt wurde, betont dagegen, dass sich das Museum seit der Gründung an Streetart-Projekten beteilige und somit einen Beitrag für den Erhalt der Münchner Szene leiste. Mit gemischten Gefühlen verlasse ich das Haus.

Eine letzte «Hall of Fame»

Schliesslich erreiche ich die «Hall of Fame» an der Tumblingerstrasse. Hier sind Pieces und Schriftzüge der Münchner Ikonen Loomit, Eazy, Won ABC, Kult und Der Blaue Vogel entstanden. Zu ihrer Zeit galt München als Sprühparadies. Die ersten legalen Sprühflächen entstanden bereits 1985. Dazu kamen in den Neunzigern drei weitere Areale und eben dieses hier beim alten Viehhof. 2017 übernahm jedoch das Kulturprojekt «Bahnwärter Thiel» die Fläche bis zur geplanten Überbauung Ende 2022. Während das entstandene Containerdorf ein Paradies für Alternativkultur zu sein scheint und Raves, Workshops sowie Flohmärkte bietet, strömte dem Projekt aus der Streetart-Szene anfangs viel Hass entgegen. Es raube der letzten «Hall of Fame» noch mehr Freiraum, wie Arz erklärt. Die Sprayer*innen dürfen zwar immerhin die kompletten Wände des Areals bemalen, jedoch sei «der alte Charme dieser letzten Brache mitten in der Stadt dahin».

Um mir ein Bild zu machen, wage ich mich durch die meterhohen Pforten des farbigen Areals und trete in ein kurioses Sammelsurium an alten U-Bahnwagen, Gondeln und Schiffscontainern. Darin einquartiert sind Ateliers, Bars und Tattoo-Studios. Nichts erinnert an gutbürgerliche Weisswurststuben und gepflegte Biergärten. Dieser Ort bietet einigen jungen Kreativen eine Plattform, dennoch scheint er auch der Inbegriff von Gentrifizierung.

Nachdenklich verlasse ich den Stadtteil. Trotz allgegenwärtiger Verdrängung von Subkultur gibt es Lichtblicke für die Münchner Streetart-Szene: Das Kulturreferat vergibt jährlich national einzigartige Beiträge von 80’000 Euro für Streetart-Projekte, welche etwa in Festivals investiert werden. Daneben kämpfen nicht institutionelle Akteure wie die Kollektive «Freiräumen» und «Die Städtischen» für mehr Raum für Subkultur, mit Erfolg! Für diesen Sommer wurde ein Streetart-Projekt bewilligt, um eine Unterführung beim Ostbahnhof zu gestalten. So trotzen Kreative den Vorurteilen von Münchner Genügsamkeit und lassen mich glauben, dass die subversive Seite der Stadt auch künftig erhalten bleiben wird.

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