Sport ist fixer Bestandteil eines optimierten Tagesablaufs. (Bild: Dominik Fischer)

Studie in Selbststählung

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Durchoptimierte Tage sind im Trend. Doch wie fühlen sie sich wirklich an? Ein Experiment.

Aus irgendeinem Grund habe ich mich von meinen Co-Redaktor*innen dazu überreden lassen, ein einwöchiges Experiment in «Selbstoptimierung» zu unternehmen. Als ich am Montagmorgen um 7 Uhr aufstehe, kann ich mich nur knapp auf den Füssen halten. Für einen Germanistikstudenten ist das eine viel zu frühe, gottlose Zeit. Während den nächsten Tagen wird das der Standard sein. Genauso wie eine Reihe anderer Disziplinübungen, die Menschen im Namen der Selbstoptimierung unternehmen. 

Wie viele unserer Generation bin ich nicht komplett unerfahren, was das Thema angeht. In gewissen Zeiten habe ich viel meditiert, teilweise Yoga gemacht. Sport gehört bei mir auch regelmässig dazu. Aber das alles täglich mit fix geplanten Uhrzeiten? Das ist neu. Bei der Vorstellung graut es mir ein bisschen – ich mag keine strikte Tagesordnung, sie engt mich ein. Für die kommende Woche ist jeden Tag eine kalte Dusche, Meditation, Tagebuch führen, intermittierendes Fasten und Sport angesagt.

Aller Anfang ist schwer

Vom Bett aus taumle ich ins Badezimmer und steh unter die Dusche, zuerst schön warm. Für die letzten 30 Sekunden drehe ich auf eiskalt. Der Schock fährt durch alle Glieder und verschlägt mir kurz den Atem. Von einem Moment zum andern bin ich hellwach. Schlotternd steige ich aus der Dusche und packe mich in Kleider ein. Als nächstes folgen 15 Minuten Meditation. Ich erinnere mich an einen besuchten Kurs in Transzendentaler Meditation – einer Technik des Beatles-Gurus Maharishi Mahesh Yogi. Ich habe damals ein persönliches Mantra erhalten, das man gemäss der Tradition niemandem verraten darf und das ich nun bei geschlossenen Augen in Gedanken wiederhole. Wie üblich weigert sich im Kopf zuerst alles gegen das erzwungene Stillstehen, dann kommen die Gedanken zur Ruhe und ein angenehmer Frieden stellt sich ein.

Als nächstes steht «Journaling» auf dem Plan: Der aktuelle Trend, eine Art Tagebuch zu führen. Tausende Youtube-Videos wurden darüber schon gedreht und es gibt so viele Arten, es zu tun, dass man gar nicht nachkommt. Ich habe mich dafür entschieden, die Methode eines Fitness-Youtubers anzuwenden und jeden Morgen meine wichtigsten Tagesziele und drei Dinge, für die ich dankbar bin, aufzuschreiben. 

Als ich den Stift ansetze, verdrehe ich die Augen, versuche die Aufgabe aber doch ernst zu nehmen und notiere: Wochenplan machen, Telefonate führen, in die Bibliothek gehen und so weiter. Dankbar bin ich an diesem Tag für meine Freunde, meine Eltern und mein Hobby, Musik zu machen. Dann geht es in die Bib – um 9 Uhr bin ich dort und ein wenig stolz, nun zu den wenigen Tüchtigen zu gehören, die mich beim Reinkommen aus müden Augen anstarren. Essen darf ich erst um 13 Uhr, 16 Stunden nach der letzten Mahlzeit. «Intermittent Fasting» nennt sich das und soll gemäss den Befürworter*innen zu einem ausgeglicheneren Metabolismus und höherer Lebenserwartung führen. Ausserdem soll man sich dadurch physisch und psychisch besser fühlen. Das Ganze ist aber ziemlich umstritten, die medizinische Beweislage eher dürftig. Zu Recht, denke ich, als nach einer halben Stunde Arbeit mein Magen zu knurren beginnt. 

Zusätzliche Last statt Erleichterung

Am Ende des durchoptimierten Tages bin ich fix und fertig und schaffe die letzte Aufgabe nicht mehr: Sport. Erschöpft und ein wenig enttäuscht von mir selber steige ich ins Bett. Der Dienstag gestaltet sich ähnlich schwierig. Die kalte Dusche ist wieder ein Schock und danach ist mir während dem Zoom-Seminar ein bisschen schwindelig, ich frage mich, ob von der Dusche oder vom Mangel an Essen. Immerhin bewältige ich diesmal das gesamte Programm und mache am Abend eine zwanzigminütige Anfänger-Yoga-Session mit Hilfe der Youtuberin Mady Morrison. Es ist lange her, dass ich das letzte Mal Yoga gemacht habe, und ich mache wohl einige Dinge falsch. Denn danach fühle ich mich verspannter als zuvor. 

Langsam kommt in mir die Sinnfrage auf. Immerhin wird das frühe Aufstehen ab Mittwoch leichter. Ausserdem fühle ich in gewissen Momenten eine Art Ego-Boost, wie den Stolz eines Kriegers, der seine Pflichten erfüllt. Trotzdem überwiegt der Stress. Anstatt mir einen Ausgleich vom Alltag zu geben, stellen die täglichen Übungen weitere drängende Aufgaben dar, an die ich zusätzlich denken muss. Klar macht die kalte Dusche wach, die Meditation ein wenig ruhiger und das Tagebuch ein Gramm dankbarer. Dafür muss man aber täglich tausend Dingen nachrennen.

Während den verbleibenden Tagen bleibt die Bipolarität bestehen: Einerseits bin ich stolz auf meine Disziplin, andererseits nimmt mir der strikte Tagesplan die Kreativität und den Raum zum Träumen. Ich frage mich mehr und mehr, ob das wirklich sinnvoll ist. Schliesslich möchte ich kein Roboter sein, der jeden Tag sein automatisiertes Programm abspult. Ich schaffe es auch nicht immer, alles zu erledigen, was ich mir vornehme, und fühle mich ein bisschen schuldig deswegen, was der inneren Zufriedenheit auch nicht gerade  zugute kommt. 

Am Sonntagabend überwiegen vor allem zwei Empfindungen: Erschöpfung und Erleichterung, dass es vorbei ist. Ich habe definitiv nicht vor, die Routine weiterzuziehen. Eine positive Folge wirkt aber noch über die Versuchswoche hinaus: Es hat sich ein gewisser Tatendrang eingestellt. Ich hänge weniger herum und packe meine Verpflichtungen schneller an. Vielleicht werde ich einen Kompromiss eingehen und einiges beibehalten. Auf Optimierung kann ich verzichten, aber ein wenig Besserung – why not?

 

 

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