In den Öffnungsdebatten wurden Studierende gemäss VSS zu wenig berücksichtigt. (Collage: Sumanie Gächter)

Studis rufen den Bundesrat um Hilfe

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Der Verband der Schweizer Studierendenschaften stellt Forderungen an die Politik. Sie sollen die Auswirkungen der Pandemie auf Studierende abfedern.

Es ist das Ende des dritten Semesters ohne Präsenzveranstaltungen, mit eingeschränkten Lernplätzen und ohne kunterbuntes, inspirierendes Studileben. Während vor einem Jahr noch alle dachten, es gehe schnell vorbei, schlägt die andauernde Unsicherheit langsam auf die Psyche zahlreicher Studierenden. Laut Bundesamt für Statistik arbeiteten vor der Pandemie drei Viertel der Studierenden neben dem Studium, hauptsächlich in der Gastro-, Kultur- und Tourismusbranche. Diese Stellen fielen mit Corona weg. Der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) hat daher am 8. April 2021 einen Hilferuf mit 19 Forderungen an den Bundesrat, die Kantone und nationale Universitätsverbände geschickt.

Neben erhöhter finanzieller Unterstützung für Studierende, die ihren Nebenjob verloren haben, fordert der VSS die Rückkehr zum Präsenzunterricht, durchgehenden Zugang zu Bibliotheken und Arbeitsplätzen, klare Verhältnisse bei Prüfungen und erhöhte psychologische Unterstützung. Auch die Verlängerung von Stipendien und allgemeinen Fristen, beispielsweise für die Abgabe von Leistungsnachweisen oder die Höchstdauer des Studiums, wird gefordert. Einige dieser Forderungen scheinen nun erhört worden zu sein.

Mentale Gesundheit hat oberste Priorität

Im Zoom-Gespräch erklärt Elischa Link, Co-Präsident des VSS, die Forderungen seien wichtiger denn je. «Die Situation hat sich seit letztem Jahr stark verändert. Damals dachte man, die Pandemie und die Folgen für die Lehre würden bald vorbeigehen. Dann mussten wir feststellen, dass die Probleme die gleichen geblieben sind und sich die Lage noch verschärft hat. Mit unseren Forderungen wollen wir zeigen: Wir sind noch da.» In den bisherigen Öffnungsdebatten wurden die Studierenden gemäss VSS zu wenig berücksichtigt. «Es wurde viel über die Öffnung der Terrassen und Skigebiete gesprochen. Die Studierenden wurden in der breiten Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen, obwohl sie mitunter am stärksten betroffen sind.»

Dies hat sich geändert, als der Bundesrat am 14. April überraschend verkündete, der Präsenzunterricht an Hochschulen mit bis zu 50 Personen könne wieder stattfinden. Eine Folge der Forderungen? Auf Kausalzusammenhänge zu schliessen sei schwierig, aber es habe sicher geholfen, dass auch Swissuniversities, die Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen, die Forderungen unterstützt und die Rückkehr zur hybriden Lehre unterstrichen hat. Auf die Frage, welches Thema Priorität habe, meint Elischa klar: «Das Wichtigste ist die mentale Gesundheit. Alles andere hängt damit zusammen.» Denn ohne finanzielle Mittel und Zugang zu Lernräumen steige der psychische Druck. «Besonders belastend wird es schliesslich für Studierende, die sich der Höchstdauer ihres Studiums nähern. Daher die Forderung nach verlängerten Fristen. Gerade auch für die Probesemester der geflüchteten Studierenden.»

Geflüchtete werden oft vergessen

In Medienberichten wurde die Situation der Geflüchteten an Hochschulen bisher nur selten behandelt. Da die Immatrikulation für Geflüchtete mit einem auswärtigen Oberstufenabschluss grossen administrativen Aufwand bedeutet, nehmen viele vor dem regulären Studium an Schnupperprojekten teil. Über diese Projekte – beispielsweise den START! Studium-Integrationsvorkurs an der Uni Zürich – können sie als Hörer*innen Vorlesungen besuchen, ohne immatrikuliert zu sein. Einige dieser Schnupperprogramme werden von den Hochschulen mitgetragen, andere werden von unabhängigen Vereinen organisiert.

«Aufgrund der Digitalisierung der Lehrveranstaltungen wurden geflüchtete Hörer*innen an einigen Hochschulen kurzfristig vom Studium ausgeschlossen, da sie kein Uni-Login besassen. Darauf haben Hochschulen und Projekte aber zum Glück schnell reagiert, mittels privater Spenden haben viele Hochschulprojekte zudem für Lernplätze mit Internetzugang und Laptops gesorgt», erzählt Marina Bressan, Projektmitarbeiterin Perspektiven Studium beim VSS. Sie betont: «Das Hauptbedürfnis der Geflüchteten an Hochschulen ist der direkte Kontakt zu anderen Studierenden und Dozierenden. Zudem ermöglichen die Vorlesungen einen klaren Tagesablauf, was sich positiv auf die Psyche auswirkt.» Daher habe die Rückkehr zu Präsenzveranstaltungen für Studierende mit Fluchthintergrund und Hörer*innen oberste Priorität.

Konkret fordert der VSS in seinem Hilferuf, dass bei erneuten Hochschulschliessungen «zwingend Arbeitsplätze für diese Studierenden zur Verfügung stehen sollen», so dass gerade Geflüchtete, die in Asylzentren leben, die Möglichkeit einer ruhigen Lernatmosphäre erhalten. Ausserdem sollen die Onlinesemester «nicht als Probesemester zählen und müssen auf jeden Fall wiederholbar sein». Es wird sich zeigen, inwiefern diese weiteren Forderungen erhört werden. Wichtig ist, dass die Unis Rücksicht auf alle Studierenden nehmen, sodass es zu keinen Studienabbrüchen kommt.

 

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